TA­NIA KAM­BOU­RI „Ge­walt geht oft von jun­gen Mus­li­men aus“

Rheinische Post Goch - - NORDRHEIN-WESTFALEN - JES­SI­CA KUSCHNIK STELL­TE DIE FRA­GEN

Die Po­li­zis­tin (32) fühlt sich bei ih­rer Ar­beit vor al­lem von Mi­gran­ten be­droht. Dis­kri­mi­nie­ren will sie aber nie­man­den.

BOCHUM Die Bochu­mer Po­li­zei­be­am­tin for­mu­lier­te 2013 ei­nen of­fe­nen Brief, in dem sie über die stei­gen­de Zahl ver­ba­ler und kör­per­li­cher Über­grif­fe auf sich und ih­re Kol­le­gen be­rich­te­te. Die Re­so­nanz ih­rer Kol­le­gen war so po­si­tiv, dass dar­aus ein Buch ge­wor­den ist („Deutsch­land im Blau­licht“, Pi­per). Dar­in spricht sie Kl­ar­text und nennt die­je­ni­gen, die ih­rer Mei­nung nach Schuld sind. Doch das ist nicht un­pro­ble­ma­tisch. Rech­te nut­zen die Lek­tü­re für ih­re Pro­pa­gan­da. Von wem geht Ge­walt ge­gen Po­li­zis­ten am häu­figs­ten aus? KAM­BOU­RI Für mich im Strei­fen­dienst geht sie über­wie­gend von jun­gen Män­nern aus mus­li­misch ge­präg­ten Län­dern aus. Die­se Er­fah­rung ma­chen auch Kol­le­gen, die in ih­rem Be­zirk ei­ne ho­he An­zahl die­ser Mi­gran­ten ha­ben. Selbst­ver­ständ­lich er­le­ben wir ge­nug Deut­sche und an­de­re Men­schen aus un­ter­schied­li­chen Her­kunfts­län­dern, die ge­gen­über der Po­li­zei re­spekt­los und ge­walt­be­reit sind. Hat sich das in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ver­schärft? KAM­BOU­RI Wä­re es nicht so, hät­te ich den Le­ser­brief und die­ses Buch nicht ge­schrie­ben. Dass der Be­ruf Po­li­zist nicht ein­fach ist, ver­steht sich von selbst. Es ist kein Zu­cker­schle­cken und war mir je­der­zeit be­wusst. Aber es hat ein Aus­maß an­ge­nom­men, wel­ches ich nicht län­ger hin­neh­men will. Wie kann man sich solch ei­ne Si­tua­ti­on vor­stel­len? KAM­BOU­RI Es sind all­täg­li­che Ein­sät­ze und Rou­ti­ne­kon­trol­len. Möch­ten wir ei­nen sim­plen Ver­kehrs­ver­stoß ahn­den, ei­ne Per­son kon­trol­lie­ren oder ein Fahr­zeug an­hal­ten, be­steht bei be­sag­ter Per­so­nen­grup­pe di­rekt beim ers­ten Kon­takt ei­ne Ab­nei­gung. Das er­kennt man an Kör­per­spra­che, Ges­tik, Mi­mik und an den Aus­sa­gen. Man fängt an zu dis­ku­tie­ren, ehe man vor­ge­tra­gen hat, wes­halb man die Per­son an­ge­hal­ten hat. Wenn man je­man­den ver­war­nen will, fängt die nächs­te Es­ka­la­ti­ons­stu­fe an: Man pro­vo­ziert den Be­am­ten mit Wor­ten. Die nächs­te Stu­fe ist, die Po­li­zei laut­stark an­zu­schrei­en. Nun ist man von der kör­per­li­chen Ge­walt nicht weit ent­fernt. Se­hen Sie ei­nen Zu­sam­men­hang zwi­schen kul­tu­rel­lem Hin­ter­grund und Re­spekt­lo­sig­keit? KAM­BOU­RI Der kul­tu­rel­le Hin­ter­grund spielt bei den von mir an­ge­spro­che­nen Mi­gran­ten ei­ne Rol­le. Vie­le wach­sen in ar­chai­schen Fa­mi­li­en­struk­tu­ren auf, wo Ge­walt nicht sel­ten ist und die Frau als nicht gleich­be­rech­tigt be­trach­tet wird. Hier hat oft der Stär­ke­re das Sa­gen. Das ist spür­bar im Ein­satz, wenn ich als Frau nicht als gleich­wer­ti­ge Ge­sprächs­part­ne­rin be­trach­tet wer­de. Hat man vor Di­enst­an­tritt Angst? KAM­BOU­RI Angst nicht. Aber wenn man zu ge­wis­sen Ein­sät­zen fährt, ist man dop­pelt und drei­fach auf der Hut. Trotz gu­ter Vor­be­rei­tung weiß man nie, was ei­nen er­war­tet. Und da die Ge­walt und Re­spekt­lo­sig­keit ge­gen Po- li­zei im­mer mehr wird, ist die Wahr­schein­lich­keit groß, bei den Ein­sät­zen ver­letzt zu wer­den. Wir ha­ben der­zeit ei­ne Flücht­lings­kri­se. Wer et­was ge­gen Mi­gran­ten sagt, wird schnell als rechts ab­ge­stem­pelt. Ha­ben Sie et­was ge­gen Aus­län­der? KAM­BOU­RI Nein, ich ha­be kein rech­tes Ge­dan­ken­gut und ver­ach­te Men­schen, die an­de­re Men­schen auf­grund ih­rer Her­kunft, Re­li­gi­on, Haut­far­be oder Na­tio­na­li­tät dis­kri­mi­nie­ren. Ich bin sel­ber Mi­gran­tin, ha­be aus­län­di­sche Freun­de. Wir dür­fen nicht pau­scha­li­sie­ren. Aber wir müs­sen die Pro­ble­me an­spre­chen, um sie an­pa­cken zu kön­nen. Tun wir das nicht, wird sich kei­ne Lö­sung fin­den, und wir wer­den im­mer mehr Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten ha­ben, so dass sich un­se­re Ge­sell­schaft spal­ten wird. Fürch­ten Sie, dass Rech­te das Buch für ih­re Pro­pa- gan­da nut­zen könn­ten? KAM­BOU­RI Na­tür­lich passt es mir nicht, dass sich Rech­te mei­ne Tex­te zu ei­gen ma­chen. Sie in­stru­men­ta­li­sie­ren mich und kür­zen mei­ne Tex­te so, dass mei­ne Mei­nung in ein fal­sches Licht ge­rückt und als frem­den­feind­lich dar­ge­stellt wird. Aber da ste­he ich drü­ber. Ich weiß, wer ich bin und las­se mich nicht zu ei­nem Men­schen ma­chen, den die Rech­ten ger­ne wol­len. Mir ist das Wohl un­se­rer Ge­sell­schaft wich­tig. Und da­für set­ze ich mich ein und ge­be nicht auf, nur weil ei­ni­ge Idio­ten mir das Le­ben schwer­ma­chen möch­ten. Was muss sich än­dern? KAM­BOU­RI Ne­ben Prä­ven­tio­nen müs­sen ganz klar Sank­tio­nen er­fol­gen. Ins­be­son­de­re bei In­ten­siv­tä­tern. Die Po­li­zei braucht den Rück­halt der Po­li­tik und Jus­tiz. Da­mit wür­den wir schon viel er­rei­chen. Um hand­lungs­fä­hig zu blei­ben, brau­chen wir mehr Po­li­zei­be­am­te. Die Tä­ter wer­den im­mer mehr, die Po­li­zis­ten im­mer we­ni­ger. Die­se Rech­nung kann nicht auf­ge­hen.

FO­TO: SASCHA KRE­KLAU

Po­li­zis­tin und Au­to­rin Ta­nia Kam­bou­ri

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