Schwe­re Zeit für Eu­ro­pa-En­thu­si­as­ten

Rheinische Post Goch - - WEITSICHT - VON CHRIS­TO­PHER ZIED­LER

Frust in Brüssel: Die EU ist im stän­di­gen Kri­sen-Mo­dus. Und in der Flücht­lings­fra­ge pral­len die Ego­is­men auf­ein­an­der wie noch nie.

BRÜSSEL Jetzt funk­tio­niert nicht ein­mal mehr das WLAN. Das zwei­te Kri­sen­tref­fen in zwei Ta­gen zum Flücht­lings­dra­ma, und wie­der ha­ben die Jour­na­lis­ten im Brüs­se­ler Rats­ge­bäu­de kei­ne In­ter­net­ver­bin­dung. „Wer ist hier ver­ant­wort­lich?“fragt ein ent­nerv­ter „New York Ti­mes“-Kor­re­spon­dent, der sich laut­hals über die EU-In­sti­tu­tio­nen be­schwert, die ja ganz of­fen­sicht­lich gar nichts mehr ge­ba­cken be­kä­men.

Die­ser Mei­nung sind vie­le Ame­ri­ka­ner schon seit den 70ern, als sich US-Au­ßen­mi­nis­ter Hen­ry Kis­sin­ger dar­über mo­kier­te, er wis­se gar nicht, wen er in Eu­ro­pa an­ru­fen sol­le, falls es ein Pro­blem ge­be. Und auch die Un­zu­frie­den­heit der EUBür­ger mit ih­rer Uni­on hat in den Kri­sen­jah­ren ste­tig zu­ge­nom­men, wie die zahl­rei­chen Wah­l­er­fol­ge der EU-Geg­ner zei­gen. Neu je­doch ist, dass die Bit­ter­keit auch in Brüssel Ein­zug hält. Am Sitz der eu­ro­päi­schen In­sti­tu­tio­nen, wo für vie­le der Be­ruf zu­gleich auch Be­ru­fung ist und der Wunsch groß, das eu­ro­päi­sche Pro­jekt vor­an­zu­trei­ben. Selbst hier ha­ben Fi­nanz-, Grie­chen­land-, Ukrai­ne- und Flücht­lings­kri­se ih­re Spu­ren hin­ter­las­sen.

„Nach au­ßen geht al­les sei­nen ge­wohn­ten Gang“, er­zählt der Grü­nen-Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­te Sven Gie­gold über den Brüs­se­ler Ar­beits­all­tag. Kri­se, Lö­sungs­vor­schlag der EU-Kom­mis­si­on, Streit dar­über, Ei­ni­gung auf den kleins­ten ge­mein­sa­men Nen­ner. Aber gera­de die Flücht­lings­kri­se geht viel tie­fer. Es geht letzt­lich um das Bild, das Eu­ro­pa von den Men­schen, ei­ner li­be­ra­len De­mo­kra­tie und sich selbst hat, wes­halb, so der Grü­ne, in­zwi­schen „auch in Brüssel im­mer mehr Pes­si­mis­mus zu hö­ren“sei. Wo ein noch so klei­ner Kon­sens von Ver­leum­dun­gen und Ver­let­zun­gen be­glei­tet wird – wie im Som­mer zu Grie­chen­land und nun zu den Asyl­fra­gen –, steht ir­gend­wann das gro­ße Gan­ze in Fra­ge. „Wenn es nur noch mit der Brech­stan­ge geht“, sagt der SPDAb­ge­ord­ne­te Jens Geier, „weiß ich nicht, wie lan­ge das noch gut geht.“In 24 Mo­na­ten kön­ne der La­den ka­putt sein, warnt er.

Das tra­di­tio­nel­le Brüs­se­ler Bot­schaf­ter­früh­stück ist ein gu­ter Grad­mes­ser da­für, wie sich das Ver­hält­nis der Mit­glied­staa­ten un­ter­ein­an­der ver­schlech­tert hat. Ganz oh­ne As­sis­ten­ten und Pro­to­kol­lan­ten ist hier im­mer of­fen über al­le Pro­ble­me ge­re­det, man­ches Miss­ver­ständ­nis schon im Ent­ste­hen aus­ge­räumt und der ein oder an­de- re Kom­pro­miss vor­be­rei­tet wor­den. „Man­che Kol­le­gen sind in die­ser Run­de in­zwi­schen auf­fal­lend still“, er­zählt ei­ner aus dem Bot­schaf­ter­kreis, der ei­nes der grö­ße­ren Län­der bei der EU ver­tritt, sei­nen Na­men aber nicht in der Zei­tung le­sen will. „Wir ha­ben Übung im Strei­ten“, sagt er in An­spie­lung dar­auf, dass die Ge­mein­schaft als sol­che auf In­ter­es­sen­aus­gleich an­ge­legt ist, „aber frü­her wa­ren wir uns im­mer über das Grund­sätz­li­che ei­nig und

Ein bel­gi­scher EU-Be­am­ter ha­ben nur über Aus­nah­men, Über­gangs­re­geln oder wei­che­re For­mu­lie­run­gen ge­run­gen.“Nun je­doch geht es ans Ein­ge­mach­te: „Es steht viel auf dem Spiel.“

Ein bel­gi­scher EU-Be­am­ter hat ganz ähn­li­che Er­fah­run­gen in den Ar­beits­grup­pen ge­macht, die Rats­ent­schei­dun­gen auf Fa­ch­ebe­ne vor- be­rei­ten. „Wir Bel­gi­er sind die letz­ten Mo­hi­ka­ner: Wir ha­ben zwar auch un­se­re An­wei­sun­gen, wie­weit wir für ei­nen Kom­pro­miss ge­hen kön­nen, be­kom­men als Ver­hand­ler von un­se­rer Re­gie­rung aber im­mer auch ein we­nig Spiel­raum“, er­zählt der Mitt­vier­zi­ger. „Aber in­zwi­schen le­sen vie­le ein­fach wie­der und wie­der die Po­si­ti­on vor, die ih­nen aus den Haupt­städ­ten über­mit­telt wur­de.“Har­te Fron­ten statt heim­li­cher Fle­xi­bi­li­tät. „Mitt­ler­wei­le sitzt bei fast je­dem The­ma ein Spin­ner im Raum, der mit sei­ner in­tel­lek­tu­el­len Voll­nar­ko­se ei­ne Ei­ni­gung blo­ckiert – man kommt sich vor wie ein Hams­ter im Hams­ter­rad, bei dem es auch nicht wirk­lich vor­an­geht.“

Der Frust ist be­son­ders groß bei den Fö­de­ra­lis­ten, die in ei­nem Bun­des­staat, al­so in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Eu­ro­pa, die Lö­sung se­hen. Bei Phil­ip­pe Lam­berts zum Bei­spiel, dem Frak­ti­ons­chef der Grü­nen im Eu­ro­pa­par­la­ment. Der Bel­gi­er steht zu sei­ner Über­zeu­gung, ob­wohl sich aus sei­ner Sicht „al­les in die an­de­re Rich­tung be­wegt“und der Zwei­fel an ihm nagt. „Vie­le mei­ner Wäh­ler stel­len in Fra- ge, ob ich über­haupt noch die Mög­lich­keit ha­be, Eu­ro­pa in ei­ne an­de­re Rich­tung zu ver­än­dern“, er­zählt Lam­berts, des­sen Frak­ti­on nur 50 von 751 Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­ten stellt, „und viel­leicht ha­ben sie recht.“

Der SPD-Mann Jo Lei­nen ge­hört zur so­ge­nann­ten Spi­nel­li-Grup­pe, die für ein ver­ein­tes Eu­ro­pa strei­tet. Nie hät­te er ge­dacht, in sei­ner Hei­mat­stadt Saar­brü­cken je wie­der Grenz­kon­trol­len in Rich­tung Frank­reich er­le­ben zu müs­sen – nun ist es wie­der so weit: „Es geht ans Ein­ge­mach­te, weil je­der nur noch an sich denkt.“Der Ab­ge­ord­ne­te kon­sta­tiert ei­ne „Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit, wie es mit dem Pro­jekt Eu­ro­pa wei­ter­ge­hen soll“. Des­sen Geg­ner be­fän­den sich in der Of­fen­si­ve, „die Be­für­wor­ter in der De­fen­si­ve, ja so­gar in ei­ner Art Schock­star­re“.

Es gilt wohl, ei­nen al­ten eu­ro­päi­schen Fah­rens­mann zu tref­fen, um von ei­nem an­de­ren, viel po­si­ti­ve­ren Blick auf die Din­ge zu hö­ren. CDUMann El­mar Brok ver­spürt „kei­nen Frust, son­dern Kamp­fes­lust“, weil für ihn die nächs­te gro­ße Kri­se die nächs­te Chan­ce für Eu­ro­pa dar­stellt. Na­tür­lich sei es mit 28 Staa­ten viel schwie­ri­ger als frü­her mit sechs oder neun, meint der Nord­rheinWest­fa­le, doch er­zwin­ge der Druck der Ver­hält­nis­se letzt­lich mehr Eu­ro­pa: „Un­ter Schmer­zen be­wegt es sich. Wir wer­den jetzt ein ge­mein­sa­mes EU-Asyl­sys­tem be­kom­men, das die Mit­glied­staa­ten über Jah­re ab­ge­lehnt ha­ben.“In der Fi­nan­zund der Eu­ro­kri­se ist es aus sei­ner Sicht ganz ähn­lich ge­we­sen: „Wir ha­ben jetzt Re­geln, die un­ser Ban­ken­sys­tem und un­se­re Wäh­rung sta­bi­ler ge­macht ha­ben – das ist doch ein fan­tas­ti­scher Er­folg.“

So viel Be­geis­te­rung frei­lich ist sel­ten ge­wor­den in Brüssel. Häu­fi­ger sind in sei­ner Po­li­tik­bla­se rund um den Schu­man-Kreis­ver­kehr sol­che Be­rufs­eu­ro­pä­er an­zu­tref­fen, die zwar un­glück­lich über das gro­ße Gan­ze sind, in ih­rem klei­nen Ar­beits­um­feld aber ganz zu­frie­den. Wie eben je­ner SPD-Ab­ge­ord­ne­te Geier, der da­von be­rich­tet, dass sich „auf der Ar­beit al­le zu­sam­men­rei­ßen, kon­zen­triert und kom­pro­miss­be­reit zu Wer­ke ge­hen, weil sie wis­sen, was die St­un­de ge­schla­gen hat“. Zu­sam­men­rü­cken al­so.

Auch ein deut­scher Be­am­ter, der im Mi­nis­ter­rats­ge­bäu­de mit den lei­di­gen Fi­nanz- und Wirt­schafts­pro­ble­men kämpft, ge­steht, dass er mit sei­ner Trup­pe – ei­nem in­ter­na­tio­na­len Team, gut aus­ge­bil­det und hoch­mo­ti­viert – „viel Spaß bei der Ar­beit“ha­be. „Da ist der En­thu­si­as­mus un­ge­bro­chen, trotz der neu­en Sk­le­ro­se in Eu­ro­pa.“Nach Brüssel sei er, der Deut­sche, oh­ne­hin nicht ge­kom­men, um schnel­le Er­fol­ge zu fei­ern. „Eu­ro­pa ist ein sehr lang­wie­ri­ger Pro­zess“, sagt er.

„Man kommt sich vor wie ein Hams­ter im Hams­ter­rad, bei dem es auch nicht wirk­lich

vor­an­geht“

FO­TO: AP

Die EU als Fried­hof: Das bei ei­ner De­mons­tra­ti­on vor dem Ge­bäu­de des Eu­ro­päi­schen Ra­tes in Brüssel ge­zeig­te Pla­kat zielt auf die eu­ro­päi­sche Flücht­lings­po­li­tik, gibt aber auch ganz gut die ge­drück­te Stim­mung wie­der, die im Ver­wal­tungs­ap­pa­rat der EU herrscht. An­ge­sichts der vie­len Kri­sen brö­ckelt der Zu­sam­men­halt der Uni­on, der über Jahr­zehn­te als selbst­ver­ständ­lich galt.

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