Grön­land ist ein Land ganz oh­ne Ge­fäng­nis­zel­len

Rheinische Post Goch - - WEITSICHT - VON ANDRÉ AN­WAR

STOCK­HOLM Das Straf­voll­zugs­we­sen Grön­lands un­ter­schei­det sich mar­kant vom Rest Eu­ro­pas. Auf der In­sel gibt es kei­ne Ge­fäng­nis­se mit Mau­ern und St­a­chel­draht. Selbst ver­ur­teil­te Mör­der und Ver­ge­wal­ti­ger kom­men in den of­fe­nen Voll­zug. Es gibt sechs of­fe­ne An­stal­ten mit ins­ge­samt 155 Plät­zen in der teil­au­to­no­men, zu Dä­ne­mark ge­hö­ren­den In­sel­na­ti­on mit ih­ren rund 56.000 Ein­woh­nern.

In der west­grön­län­di­schen Stadt Ilu­lis­sat am ark­ti­schen Meer liegt ei­ne die­ser An­la­gen. In ei­nem ein­stö­cki­gen, ro­ten Häus­chen mit­ten im 4600 Ein­woh­ner zäh­len­den Ort woh­nen 28 Straf­tä­ter. Nach der of­fe­nen An­stalt in der Haupt­stadt Nu­uk mit 66 Be­woh­nern ist dies die zweit­größ­te des Lan­des. Wie im nor­ma­len Le­ben müs­sen die In­sas­sen ihr Es­sen sel­ber zu­be­rei­ten und da­zu auch im Ort ein­kau­fen oder auf die Jagd ge­hen. Ein­ge­schlos­sen wer­den die Straf­tä­ter nur um 21.30 Uhr. Früh mor­gens wird dann das Haus wie­der ge­öff­net. Ei­ni­ge ge­hen zur Ar­beit, an­de­re zu ih­rer Fa­mi­lie. Am Aus­gang liegt ei­ne Lis­te, in die sich die Frei­gän­ger ein­tra­gen müs­sen.

Vor 1976 gab es gar kei­ne Straf­an­stal­ten auf Grön­land. Wenn je­mand ein Ver­bre­chen be­gan­gen hat­te, wur­de er mit ei­nem er­fah­re­nen Fi­scher aufs Meer ge­schickt, um ei­ne Art The­ra­pie zu er­hal­ten. „Die grön­län­di­sche Rechts­kul­tur setzt tra­di­tio­nell nicht auf Stra­fe, son­dern auf Hil­fe und Re­in­te­gra­ti­on für die Tä­ter“, sagt Grön­lands Straf­voll­zugs­di­rek­tor Hans Jör­gen Eng­bo. Al­ler­dings gab es bei den Inuit einst auch die To­des­stra­fe für Tä­ter, von de­nen kei­ne Bes­se­rung er­war­tet wer­den konn­te. Die wur­den frü­her ein­fach aufs Eis ge­jagt, wo sie er­fro­ren. Heu­te wer­den sol­che Tä­ter nach Dä­ne­mark in rich­ti­ge Ge­fäng­nis­se ge­schickt.

Rund 30 Grön­län­der sit­zen dort der­zeit. Schon seit lan­gem wird da­her ge­plant, doch noch ein klei­nes ge­schlos­se­nes Ge­fäng­nis in Grön­land zu bau­en. Das Pro­jekt wird aber im­mer wie­der ver­scho­ben. Zu­letzt hieß es 2017. „Ich tip­pe eher auf 2018“, sagt Eng­bo.

„Un­se­re Kul­tur setzt nicht auf Stra­fe,son­dern auf Hil­fe für den Tä­ter“

Jör­gen Eng­bo

Straf­voll­zugs­di­rek­tor

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