Flücht­lin­ge stüt­zen Kon­junk­tur

Rheinische Post Goch - - VORDERSEITE - VON BIR­GIT MARSCHALL

Mil­li­ar­den-Aus­ga­ben stei­gern die staat­li­che Nach­fra­ge und den Jo­bauf­bau. Das dämpft ne­ga­ti­ve Ef­fek­te aus dem Aus­land. Im Sep­tem­ber ist die Zahl der Asyl­be­wer­ber noch ein­mal mas­siv ge­stie­gen.

BERLIN Die Flücht­lings­kri­se be­ein­flusst auch die deut­sche Wirt­schaft – und zwar po­si­tiv. „Kurz­fris­tig wirkt der star­ke Flücht­lings­zu­zug wie ein klei­nes Kon­junk­tur­pro­gramm“, sag­te der Chef des Köl­ner In­sti­tuts der deut­schen Wirt­schaft (IW), Micha­el Hüt­her. „Denn der Staat pumpt jetzt vie­le Mil­li­ar­den für die Ver­sor­gung der Flücht­lin­ge in die Wirt­schaft“, er­läu­ter­te Hüt­her: „Die­se Aus­ga­ben ver­si­ckern nicht im Aus­land, son­dern schaf­fen im In­land neu­es Ge­schäft und neue Ar­beits­plät­ze.“Auch De­ka­bank-Chef­volks­wirt Ul­rich Ka­ter er­klär­te, we­gen der Mehr­aus­ga­ben für Flücht­lin­ge sei­en „ei­ni­ge we­ni­ge Zehn­tel­punk­te zu­sätz­li­ches Wachs­tum“für die Jah­re 2015 und 2016 zu er­war­ten.

Der uner­war­te­te Kon­junk­tur­im­puls durch die Flücht­lings­kri­se wirkt den Öko­no­men zu­fol­ge ne­ga­ti­ven Ef­fek­ten aus dem Aus­land ent­ge­gen. Vor al­lem das schwä­che­re Wachs­tum in Chi­na und an­de­ren Schwel­len­län­dern brem­se die ex­port­ab­hän­gi­ge deut­sche In­dus­trie. Ins­ge­samt zei­ge sich die Kon­junk­tur vor al­lem we­gen der wei­ter­hin star­ken In­lands­nach­fra­ge ro­bust.

Das se­hen auch die füh­ren­den Wirt­schafts­for­schungs­in­sti­tu­te so, die heu­te in Berlin ihr Herbst­gut­ach­ten vor­le­gen. Nach ih­rer Pro­gno­se wächst die deut­sche Wirt­schaft 2015 und 2016 um je­weils 1,8 Pro­zent ge­gen­über dem Vor­jahr. Da­mit sen­ken die In­sti­tu­te ih­re bis­he­ri­ge Vor­her­sa­ge für das lau­fen­de Jahr um 0,3 Pro­zent­punk­te. Sie be­grün­den das mit dem schwä­che­ren welt­wirt­schaft­li­chen Um­feld. Für das kom­men­de Jahr las­sen sie ih­re vor­he­ri­ge Pro­gno­se un­ver­än­dert.

Ge­stützt wer­de die Kon­junk­tur vom ho­hen Be­schäf­ti­gungs­stand und dem kräf­ti­gen pri­va­ten Kon­sum, so die In­sti­tu­te. Die Zahl der Er­werbs­tä­ti­gen wer­de im Jah­res­durch­schnitt 2016 um fast 200.000 auf den Re­kord­wert von knapp 43,2 Mil­lio­nen stei­gen. We­gen der ho­hen Flücht­lings­zah­len wer­de al­ler­dings die Zahl der Ar­beits­lo­sen 2016 erst­mals seit Jah­ren wie­der leicht um 100.000 bis 200.000 stei­gen.

Zur Be­wäl­ti­gung der Kri­se sind nach An­sicht der Ex­per­ten gleich­zei­tig aber auch Neu­ein­stel­lun­gen im öf­fent­li­chen Sek­tor, im Ge­sund­heits­sek­tor, bei pri­va­ten Di­enst­leis­tern und am Bau zu er­war­ten. Die Mehr­aus­ga­ben für Flücht­lin­ge hät- ten auch da­her „ho­he Mul­ti­pli­ka­tor­ef­fek­te“, sag­te IW-Chef Hüt­her. Ob die Zu­wan­de­rung lang­fris­tig ein wirt­schaft­li­cher Er­folg wer­de, hän­ge da­von ab, ob mög­lichst vie­le jun­ge Flücht­lin­ge ei­ne Stel­le be­kä­men.

Die Flücht­lings­po­li­tik von Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) führt an der Ba­sis ih­rer Par­tei al­ler- dings zu wach­sen­dem Un­mut. 34 CDU-Funk­tio­nä­re aus acht Bun­des­län­dern dis­tan­zier­ten sich in ei­nem Schrei­ben deut­lich von Mer­kel und for­der­ten kla­re Maß­nah­men ge­gen den Flücht­lings­an­drang. „Die ge­gen­wär­tig prak­ti­zier­te ,Po­li­tik der of­fe­nen Gren­zen’ ent­spricht we­der dem eu­ro­päi­schen oder deut­schen Recht noch steht sie im Ein­klang mit dem Pro­gramm der CDU“, heißt es in dem Brand­brief. Bay­erns Mi­nis­ter­prä­si­dent Horst See­ho­fer (CSU) droh­te zu­dem mit „Not­wehr“des Frei­staats, soll­te die Bun­des­re­gie­rung wei­ter­hin für kei­ne Be­gren­zung der Flücht­lings­zah­len sor­gen. Bay­ern kön­ne Flücht­lin­ge auch ein­fach in den Zug set­zen und in an­de­re Bun­des­län­der schi­cken.

Die Zahl der Ein­rei­sen nach Deutsch­land stieg im Sep­tem­ber sprung­haft. Nach An­ga­ben des In­nen­mi­nis­te­ri­ums wur­den fast 164.000 Asyl­su­chen­de neu re­gis­triert – mehr als an­dert­halb Mal so vie­le wie im Au­gust. Rund 85.500 stamm­ten aus Sy­ri­en, 19.000 ka­men aus dem Irak, 18.000 aus Af­gha­nis­tan. Die Zahl der un­er­le­dig­ten Asyl­an­trä­ge wuchs auf mehr als 300.000.

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