Alt­mai­er ist jetzt der star­ke Mann

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON JAN DREBES UND BIR­GIT MARSCHALL

Der Kanz­ler­amts­chef wird Ko­or­di­na­tor der Flücht­lings­po­li­tik. Be­ob­ach­ter se­hen den In­nen­mi­nis­ter ent­mach­tet, die Kanz­le­rin wi­der­spricht.

BERLIN Vi­ze-Re­gie­rungs­spre­cher Ge­org Strei­ter hat­te ges­tern gro­ße Mü­he, vor der Haupt­stadt­pres­se den Ein­druck zu zer­streu­en, die Bun­des­kanz­le­rin ha­be In­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU) in der Flücht­lings­po­li­tik ent­mach­tet. Der­lei In­ter­pre­ta­tio­nen sei­en „völ­li­ger Quark“, sag­te Strei­ter. „Nie­mand nimmt dem In­nen­mi­nis­ter et­was weg, son­dern er be­kommt noch et­was da­zu.“Die po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung der Bun­des­re­gie­rung lie­ge „so­wie­so im­mer im Kanz­ler­amt“. Strei­ter be­müh­te sich, al­ler­dings ver­geb­lich. Denn die so­for­ti­ge Be­för­de­rung von Kanz­ler­amts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er (CDU) zum Chef-Ko­or­di­na­tor der Flücht­lings­po­li­tik durch das Ka­bi­nett ges­tern wur­de zwar als fol­ge­rich­tig be­grüßt, hat­te für vie­le Be­ob­ach­ter je­doch den Ne­ben­ef­fekt der Her­ab­set­zung de Mai­ziè­res, dem bis­he­ri­gen Chef­ma­na­ger der Flücht­lings­po­li­tik.

„De fac­to ist dies ei­ne Teil-Ent­mach­tung des In­nen­mi­nis­ters“, sag­te der Po­li­tik­be­ra­ter und frü­he­re Wahl­kampf­ma­na­ger der Uni­on, Micha­el Spreng. „An­ge­la Mer­kel ist oh­ne­hin die Haupt­ver­ant­wort­li­che für die Flücht­lings­po­li­tik der Re­gie­rung.“In­so­fern ha­be sie „nur kon­se­quent ge­han­delt“, wenn sie nun die Steue­rung im ei­ge­nen Haus kon­zen­trier­te. Mer­kels Ab­sicht da­bei sei, „zu zei­gen, dass sie die Din­ge in die Hand nimmt“. Die Flücht­lings­kri­se sei für Mer­kel „die größ­te Be­wäh­rungs­pro­be und die größ­te Kri­se ih­rer Kanz­ler­schaft“. Na­tür­lich kön­ne sie dar­an schei­tern.

Die po­li­ti­sche Steue­rung der ge­sam­ten Flücht­lings­po­li­tik im Inund Aus­land soll nun bei Alt­mai­er zu­sam­men­lau­fen. De Mai­ziè­re be­hält al­ler­dings im In­land die „ope­ra­ti­ve Ko­or­di­nie­rung“, wie aus dem Ka­bi­netts­be­schluss her­vor­geht. Alt­mai­er soll als Ge­samt­ko­or­di­na­tor die auf ver­schie­de­ne Mi­nis­te­ri­en ver­teil­ten Auf­ga­ben bün­deln und bes­ser auf­ein­an­der ab­stim­men. Sein stän­di­ger Ver­tre­ter wird der im Kanz­ler­amt für die Bund-Län­derKo­or­di­nie­rung zu­stän­di­ge Staats­mi­nis­ter Hel­ge Braun (CDU). In der Re­gie­rungs­zen­tra­le wird zu­dem ei­ne ei­ge­ne St­abs­stel­le zur Flücht­lings­po­li­tik ein­ge­rich­tet. Das Ka­bi­nett wird die Flücht­lings­la­ge künf­tig in je­der Wo­che be­han­deln.

Der beim In­nen­mi­nis­ter an­ge­sie­del­te Len­kungs­aus­schuss un­ter Lei­tung von Staats­se­kre­tä­rin Emi­ly Ha­ber soll schnel­ler auf Mit­ar­bei­ter in den Mi­nis­te­ri­en zu­grei­fen kön­nen. Das In­nen­res­sort soll sich fe­der­füh­rend wei­ter um die Flücht­lings­auf­nah­me, Asyl­ver­fah­ren, Ver­tei­lung der Flücht­lin­ge und de­ren In­te­gra­ti­on in die Ge­sell­schaft küm­mern. Das Fi­nanz­res­sort ist haupt­ver­ant­wort­lich für die Geld­fra­gen bei der Flücht­lings­hil­fe, das Ver­tei­di­gungs­res­sort für die Un­ter­brin­gung und Or­ga­ni­sa­ti­on der Lie­gen­schaf­ten, das Ar­beits­mi­nis­te­ri­um für die In­te­gra­ti­on in den Ar­beits­markt. Au­ßen­amt und Ent­wick­lungs­mi­nis­te­ri­um tei­len sich die Zu­stän­dig­kei­ten für die in­ter­na­tio­na­le Be­kämp­fung der Mi­gra­ti­ons- und Flucht­ur­sa­chen.

Auch de Mai­ziè­re selbst be­wer­te­te den Um­bau nicht als Her­ab­set­zung. Die Bün­de­lung der ope­ra­ti­ven Zu­stän­dig­kei­ten ver­schie­de­ner Häu­ser in sei­nem Haus sei von ihm selbst vor­ge­schla­gen wor­den. Er sei über­zeugt, „dass das kla­re Be­kennt­nis der an­de­ren Häu­ser, sich in dem von uns ge­lei­te­ten Stab ein­zu­brin­gen“, da­zu bei­tra­gen wer­de, die Pro­zes­se ef­fek­ti­ver zu ma­chen.

„Die Be­nen­nung des Kanz­ler­amts­mi­nis­ters zum obers­ten Flücht­lings­ko­or­di­na­tor ist gut und wich­tig und wird der Grö­ße des Pro­blems ge­recht“, sag­te CSU-Lan­des­grup­pen­che­fin Ger­da Has­sel­feldt. Da­mit sei „es al­ler­dings nicht ge­tan“. Die Re­gie­rung müs­se „schnellst­mög­lich wei­te­re Schrit­te ge­hen, um den Zustrom zu re­du­zie­ren“, for­der­te sie. „Da­für müs­sen wir Flücht­lin­ge oh­ne Blei­be­per­spek­ti­ve di­rekt an der deut­schen Gren­ze zu­rück­wei­sen. Deutsch­land kann nicht je­den auf­neh­men.“

Auch SPD-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Yas­min Fa­hi­mi nann­te den Ka­bi­netts­um­bau über­fäl­lig. Bis­her sei­en zu vie­le Wo­chen der Ta­ten­lo­sig­keit sei­tens des Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums ins Land ge­stri­chen, kri­ti­sier­te sie.

Grü­nen-Frak­ti­ons­che­fin Ka­trin Gö­ring-Eckardt er­klär­te, de Mai­ziè­re sei „völ­lig über­for­dert“. „Von Pe­ter Alt­mai­er er­war­te ich, dass er jetzt schnell ein So­fort­pro­gramm für In­te­gra­ti­on vor­legt.“Es müs­se ein Ein­wan­de­rungs­ge­setz, ein Woh­nungs­pro­gramm, ei­ne Bil­dungs­of­fen­si­ve und ei­nen „Deutsch­land­fonds für In­te­gra­ti­on“ent­hal­ten. Dar­in soll­ten Un­ter­neh­men und Staat zu glei­chen Tei­len ein­zah­len, um Sprach­kur­se so­wie Aus- und Wei­ter­bil­dun­gen für Flücht­lin­ge zu fi­nan­zie­ren.

FO­TO: IMAGO

Kanz­ler­amts­chef Pe­ter Alt­mai­er (r.) soll künf­tig die Flücht­lings­kri­se be­wäl­ti­gen. Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re hat das Nach­se­hen.

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