Mer­kel und Hol­lan­de for­dern mehr So­li­da­ri­tät in Eu­ro­pa

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON CHRIS­TI­NE LONGIN

Mit ih­rem ge­mein­sa­men Auf­tritt vor dem EU-Par­la­ment woll­ten bei­de ein Zei­chen set­zen – vor al­lem ge­gen Rechts­po­pu­lis­ten.

STRASS­BURG Sie sa­ßen zu­sam­men in der ers­ten Rei­he: An­ge­la Mer­kel und François Hol­lan­de wa­ren ges­tern so et­was wie die Speer­spit­ze Eu­ro­pas, die sich vor dem Eu­ro­pa­par­la­ment in Straß­burg prä­sen­tier­te. Es war kein ein­fa­cher Auf­tritt für die Kanz­le­rin und den fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten, de­ren Re­den mehr­fach von Buh­ru­fen un­ter­bro­chen wur­den. Denn für Eu­ro­pa zu wer­ben ist in der Straß­bur­ger Ver­tre­tung, in der die Rechts­po­pu­lis­ten seit Ju­ni ei­ne ei­ge­ne Frak­ti­on ha­ben, kei­ne ein­fa­che Sa­che. An­ders als vor 26 Jah­ren, als mit Hel­mut Kohl und François Mit­ter­rand zum ers­ten Mal ein deut­scher Kanz­ler und ein fran­zö­si­scher Prä­si­dent ge­mein­sam vor dem Eu­ro­pa­par­la­ment spra­chen.

Kurz nach dem Mau­er­fall tra­ten die bei­den in un­si­che­ren Zei­ten vor die Par­la­men­ta­ri­er – ähn­lich wie Mer­kel und Hol­lan­de heu­te. Ei­ne „Be­wäh­rungs­pro­be his­to­ri­schen Aus­ma­ßes“müs­se Eu­ro­pa be­wäl­ti­gen, sag­te die Bun­des­kanz­le­rin. Sie rich­te­te ih­re 20-mi­nü­ti­ge Re­de ganz auf das The­ma Flücht­lin­ge aus. „Wir dür­fen in der Flücht­lings­kri­se nicht der Ver­su­chung un­ter­lie­gen, in na­tio­nal­staat­li­ches Han­deln zu­rück- zu­fal­len, ganz im Ge­gen­teil“, warn­te sie an die Rechts­po­pu­lis­ten ge­wandt. „Ge­ra­de jetzt brau­chen wir mehr Eu­ro­pa.“Ein Satz, der ihr Buh­ru­fe der Eu­ro­skep­ti­ker ein­brach­te. Doch Mer­kel ließ sich nicht be­ir­ren und schlug den Bo­gen zwi­schen dem En­de des Ost­blocks vor 25 Jah­ren und der Ge­gen­wart: „Heu­te ist Eu­ro­pa ein Raum, auf den die Men­schen ih­re Hoff­nung rich­ten, so wie ich vor 25 Jah­ren von ei­nem frei­en und ge­ein­ten Eu­ro­pa ge­träumt ha­be.“

Auch Hol­lan­de brauch­te nur zwei Mi­nu­ten, um in sei­ner Er­öff­nungs­re­de zur Flücht­lings­kri­se zu ge­lan- gen. „François Mit­ter­rand und Hel­mut Kohl ha­ben da­mals den Im­puls ge­ge­ben, Men­schen auf­zu­neh­men, die man zu je­ner Zeit noch nicht Flücht­lin­ge nann­te“, er­in­ner­te er an den Auf­tritt des ers­ten deutsch­fran­zö­si­schen Paa­res im No­vem­ber 1989. Wie die Bun­des­kanz­le­rin wand­te der Prä­si­dent sich ge­gen ei­nen Rück­fall in na­tio­nal­staat­li­ches Den­ken, der den Nie­der­gang Eu­ro­pas be­deu­ten könn­te. „Die De­bat­te wird nicht zwi­schen mehr Eu­ro­pa und we­ni­ger Eu­ro­pa ge­führt, son­dern zwi­schen der Be­stä­ti­gung Eu­ro­pas oder dem En­de Eu­ro­pas“, warn­te er. Die Sät­ze brach­ten ihm bei­ßen­de Kri­tik der fran­zö­si­schen Rechts­po­pu­lis­tin Ma­ri­ne Le Pen ein. Le Pen sag­te der EU den Zu­sam­men­bruch un­ter dem Flücht­lings­strom vor­aus. Hol­lan­de ent­geg­ne­te: „Der ein­zi­ge Weg für die­je­ni­gen, die nicht von Eu­ro­pa über­zeugt sind, ist, aus Eu­ro­pa aus­zu­tre­ten.“ An­ge­la Mer­kel war ges­tern Abend ein­zi­ger Gast in der Talk­show von An­ne Will. Ei­ne ak­tu­el­le Kri­tik zur Sen­dung le­sen Sie bei uns un­ter www.rp-on­line.de/an­ne­will

FO­TO: DPA

Hol­lan­de, Schulz und Mer­kel (v.l.) bei ih­rem Tref­fen in Straß­burg.

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