Rüh­rung ist ein Ge­fühl, Mit­leid ei­ne Hal­tung

Rheinische Post Goch - - POLITIK - Ih­re Mei­nung? Schrei­ben Sie un­se­rer Au­to­rin: kolumne@rheinische-post.de

Wenn Men­schen in die­sen Ta­gen im­mer wie­der Bil­der an­schau­en von Flücht­lin­gen, die an den Gren­zen Eu­ro­pas ein­tref­fen, wenn sie in über­füll­te Zel­te bli­cken und ver­fol­gen, wie er­schöpf­te Men­schen auf Tram­pel­pfa­den durch halb Eu­ro­pa in die Frei­heit lau­fen, dann löst das im­mer öf­ter ei­nes aus: Un­be­ha­gen. Denn als Zu­schau­er sind die meis­ten Men­schen ja ohn­mäch­tig. Kein Wun­der al­so, dass sich man­che den Er­eig­nis­sen aus­ge­lie­fert füh­len. Und das nährt kein Mit­ge­fühl, son­dern Ängs­te.

Na­tür­lich ist die Be­richt­er­stat­tung not­wen­dig. Na­tür­lich lie­fern „die Me­di­en“auch vie­le Hin­ter­grün­de, die man­che Ängs­te zer­streu­en kön­nen. Und man­che Be­den­ken sach­lich stüt­zen. Doch es sind die emo­tio­na­len Bil­der, die be­ein­dru­cken und die hän­gen­blei­ben. Das gilt auch für die Darstel­lung manch ent­fern­ter Län­der, die im Be­wusst­sein

Men­schen sind un­ter schreck­li­chen Be­din­gun­gen auf der Flucht. Ih­re Bil­der rüh­ren. Doch be­wirkt das auch et­was?

der Mas­sen nur im Ka­ta­stro­phen­mo­dus exis­tie­ren. Und lei­der ma­chen sich vie­le gar nicht mehr klar, wie we­nig sie ei­gent­lich über das wirk­li­che Le­ben in sol­chen Re­gio­nen wis­sen.

Es ist der Rühr­fak­tor, der die Wahr­neh­mung ver­zerrt. Denn Rüh­rung gilt zwar als zu­tiefst mensch­li­che Emo­ti­on – Tie­re kön­nen nicht wei­nen. Doch Rüh­rung ist ein un­re­flek­tier­tes Ge­fühl. Das kann Gu­tes aus­lö­sen, vor al­lem aber lie­fert es den Men­schen dem rei­nen Emp­fin­den aus. Und Emp­fin­dun­gen sind lau­nisch. Sie sind auch an­fäl­lig da­für, ge­schürt, ver­stärkt, aus­ge­nutzt zu wer­den.

Mit­leid da­ge­gen ist ei­ne Hal­tung. Mit­leid ist ein Ge­fühl, das die Ver­nunft nicht ab­schal­tet. Ei­ner, dem es gut­geht, macht sich klar, was ei­ner, den er lei­den sieht, mit­macht. Er emp­fin­det mit ihm, aber er lässt sich nicht nur von Em­pa­thie über­wäl­ti­gen, son­dern ent­wi­ckelt sei­ne Emp- fin­dun­gen ge­stützt durch sein Wer­te­ge­rüst. Dar­um wirkt Mit­ge­fühl nach au­ßen we­ni­ger emo­tio­nal als Rüh­rung, es be­rührt den Men­schen aber meist viel tie­fer, erns­ter, nach­hal­ti­ger. Er weiß, war­um er mit­emp­fin­det, und dass sei­ne Emp­fin­dung Han­deln er­for­dert. Rüh­rung ist selbst­ge­fäl­lig und kann läh­men. Mit­leid hin­ge­gen lässt nicht un­tä­tig.

Bil­der, die Emo­tio­nen an­spre­chen, ver­brei­ten sich gut. Das be­le­gen all die Kat­zen­vi­de­os, die in den so­zia­len Netz­wer­ken ge­teilt wer­den. Na­tür­lich ist es nicht schlimm, sich von put­zi­gen Tier­chen mit Flausch­fell an­ge­spro­chen zu füh­len. Doch soll­te man den Kon­sum ge­füh­li­ger Bil­der als das be­trach­ten, was er ist: Zer­streu­ung. Das gilt auch für schreck­li­che Bil­der, die auf die Trä­nen­drü­sen drü­cken. Oft ver­stel­len sie den Blick.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.