Gaucks drei­fa­che Mis­si­on

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON EVA QUAD­BECK

und für ei­nen Bun­des­prä­si­den­ten un­ge­wohnt po­li­tisch sprach Joa­chim Gauck mit US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma im Wei­ßen Haus über die eu­ro­päi­sche Flücht­ling­kri­se und die NSA-Af­fä­re. Für den Bun­des­prä­si­den­ten war es ei­ne Art Krö­nung sei­ner Amts­zeit.

WASHINGTON Wenn po­li­ti­sche Ge­sprä­che dop­pelt so lang dau­ern wie vom Pro­to­koll an­ge­setzt, kann das für ei­ne schwie­ri­ge Aus­ein­an­der­set­zung oder für ei­nen be­son­ders gu­ten Aus­tausch spre­chen. Das Tref­fen zwi­schen Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck und US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma im Wei­ßen Haus dau­er­te ei­ne St­un­de statt der an­ge­setz­ten 30 Mi­nu­ten. An­schlie­ßend be­ton­te Gauck, es sei ein „kon­zen­trier­tes, freund­schaft­li­ches und po­li­ti­sches“Ge­spräch ge­we­sen.

Die Flücht­lings­kri­se in Eu­ro­pa war ein zen­tra­les The­ma. Als sei­nen Ein­druck gab Gauck hin­ter­her wie­der, dass Oba­ma und er die hu­ma­ni­tä­re Si­tua­ti­on in Deutsch­land durch den Zustrom der Flücht­lin­ge als „Ge­fahr auch für die po­li­ti­sche Sta­bi­li­tät in Deutsch­land“be­trach­ten. Die Fra­ge, ob Oba­ma auch die Po­si­ti­on der Kanz­le­rin ge­fähr­det se­he, ver­nein­te der Bun­des­prä­si­dent al­ler­dings klar. Oba­ma sei ein „gro­ßer Ana­ly­ti­ker, ein kennt­nis­rei­cher Mann und ein nüch­ter­ner Po­li­ti­ker“– von der­ar­ti­gen Sor­gen sei nichts zu spü­ren ge­we­sen, be­ton­te Gauck.

Bei sei­ner Rei­se in die USA hat­te Gauck drei Mis­sio­nen im Ge­päck: Er woll­te die Ge­schich­te des trans­at­lan­ti­schen Ver­hält­nis­ses und ins­be­son­de­re die deutsch-ame­ri­ka­ni­schen Be­zie­hun­gen un­be­dingt von ih­rer po­si­ti­ven Sei­te be­leuch­ten und ih­re Be­deu­tung für die Zu­kunft ver­deut­li­chen. Das ist ihm ge­lun­gen mit sei­nem Be­such in Phil­adel­phia und im Ge­spräch mit Oba­ma, in dem er er­neut den Dank der Deut­schen für die Be­frei­ung 1945 und die Un­ter­stüt­zung bei der Wie­der­ver­ei­ni­gung be­ton­te. Oba­ma wie­der­um be­zeich­ne­te im Oval Of­fice vor Jour­na­lis­ten Deutsch­land als ei­nen der „stärks­ten Ver­bün­de­ten“und wür­dig­te Gauck als „Ak­ti­vis­ten der De­mo­kra­tie“.

Mit der Fra­ge des deutsch-ame­ri­ka­ni­schen Ver­hält­nis­ses ver­knüpft war auch Gaucks per­sön­li­che Mis­si­on die­ser Rei­se. Für ihn, der ein emo­tio­na­les Ver­hält­nis zum The­ma Frei­heit hat, war die Grün­dung des frei­en Ame­ri­ka bei­spiel­ge­bend, was er mehr­fach wäh­rend sei­ner Rei­se be­ton­te. Der Emp­fang im Wei­ßen Haus, der für ei­nen deut­schen Bun­des­prä­si­den­ten mit sei­nen nur re­prä­sen­ta­ti­ven Funk­tio­nen oh­ne­hin ei­ne be­son­de­re An­er­ken­nung ist, dürf­te sich auch Gaucks per­sön­li­che Mis­si­on er­füllt ha­ben. Es war ei­ne Art Krö­nung sei­ner Amts­zeit, in der er auch an­ge­tre­ten war, dem Amt des Bun­des­prä­si­den­ten nach zwei un­glück­lich agie­ren­den Vor­gän­gern sei­ne Wür­de zu­rück­zu­ge­ben. Für die Au­gu­ren war die­ser Be­such im Wei­ßen Haus ein wei­te­rer Hin­weis, dass der Bun­des­prä­si­dent es eher bei ei­ner Amts­zeit be­lässt.

Sei­ne drit­te Mis­si­on, die Ame­ri­ka­ner auch in der ope­ra­ti­ven Po­li­tik da­zu zu be­we­gen, mehr auf die Be­dürf­nis­se der Eu­ro­pä­er und ins­be­son­de­re der Deut­schen ein­zu­ge­hen, war schwie­ri­ger zu er­fül­len. Gauck ist da­bei durch­aus weit ge­gan­gen. Er for­der­te die Ame­ri­ka­ner, wenn auch in­di­rekt for­mu­liert, da­zu auf, ih­re Spio­na­ge­tä­tig­keit in Deutsch­land tat­säch­lich auf die Ter­ror­ab­wehr zu be­schrän­ken und da­mit ver­lo­re­nes Ver­trau­en zu­rück­zu­ge­win­nen. Wie Gauck nach sei­nem Ge­spräch mit dem ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten be­rich­te­te, hat Oba­ma die Kri­tik der Deut­schen am Vor­ge­hen der NSA „zu Tei­len“nach­voll­zie­hen kön­nen.

Im frei­en Teil sei­ner Re­de in Phil­adel­phia wur­de Gauck in der Fra­ge der Be­kämp­fung der Ur­sa­chen der Flücht­lings­kri­se über­ra­schend deut­lich. Er mach­te klar, dass es die Ame­ri­ka­ner wa­ren, die ei­nen Teil der Pro­ble­me im Na­hen Os­ten ver­ur­sacht ha­ben, wes­we­gen die Men­schen von dort heu­te nach Eu­ro­pa f lie­hen.

Bei al­ler Of­fen­heit be­weg­te sich Gauck in al­len au­ßen­po­li­ti­schen Fra­gen eng auf der Li­nie der Bun­des­re­gie­rung, die bei der Be­kämp­fung der Flücht­lings­ur­sa­chen in Sy­ri­en und im Irak drin­gen­der denn je auch auf die Ame­ri­ka­ner und de­ren Wil­len zur Ein­mi­schung an­ge­wie­sen ist. Deutsch­land muss aus der der­zei­ti­gen un­kom­for­ta­blen La­ge her­aus­fin­den, dass Russ­land und die Ver­ei­nig­ten Staa­ten die Sy­ri­enPo­li­tik nur un­ter sich aus­ma­chen, wäh­rend in Deutsch­land in Form des Flücht­lings­zu­stroms Tag für Tag das Er­geb­nis die­ser Po­li­tik an­kommt.

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