Ein Ira­ner im Na­zi­dorf

Rheinische Post Goch - - PANORAMA - VON SE­BAS­TI­AN DALKOWSKI

Der NDR-Re­por­ter Mi­chel Ab­dol­lahi hat vier Wo­chen in Ja­mel in Meck­len­burg-Vor­pom­mern ver­bracht. Dass die meis­ten nicht vor der Ka­me­ra mit ihm re­den woll­ten, hat ei­nen nach­voll­zieh­ba­ren Grund: Wer es tut, führt sich selbst vor.

JA­MEL Mit die­ser Bil­dungs­lü­cke hat­te der Re­por­ter nicht ge­rech­net. Im Dorf Ja­mel in Meck­len­burg-Vor­pom­mern steht ein Weg­wei­ser, der un­ter an­de­rem die Ent­fer­nung nach Brau­nau am Inn an­zeigt. Und als Mi­chel Ab­dol­lahi ei­nen Dorf­be­woh­ner dar­auf an­spricht, fragt der: „Wer hat denn da ge­wohnt?“– „Adolf Hit­ler.“– „Den ken­ne ich gar nicht.“Kur­ze Zeit spä­ter läuft der Mann auf ei­ner De­mo mit, die sich ge­gen Asyl­be­wer­ber­hei­me rich­tet.

Viel­leicht ist dies die er­schre­ckends­te Sze­ne in der halb­stün­di­gen NDR-Re­por­ta­ge, der es nicht ge­ra­de an er­schre­cken­den Sze­nen man­gelt. Ei­nen Mo­nat lang hat Ab­dol­lahi für das Ma­ga­zin „Pan­ora­ma“in Ja­mel ge­wohnt, ei­nem Dorf, das von Na­zis do­mi­niert wird.

Ab­dol­lahi, der ira­ni­sche El­tern hat, er­fährt schon zu Be­ginn, dass er hier ei­gent­lich nicht hin­ge­hört. An ei­ne Wand ist ein Bild ge­malt, es zeigt ei­ne ari­sche Fa­mi­lie, „Dorf­ge­mein­schaft Ja­mel – frei – so­zi­al – na­tio­nal“steht dort. Hun­de­ge­bell ist zu hö­ren, nicht zum letz­ten Mal.

Doch der Re­por­ter will ver­su­chen, mit den Be­woh­nern ins Ge­spräch zu kom­men. Al­so lässt er ein Gar­ten­haus auf der Wie­se ge­gen­über dem Wand­ge­mäl­de auf­bau­en und zieht dort ein. Ei­ni­ge Leu­te wer­den mit ihm spre­chen, sie sind so­gar freund­lich, sagt Ab­dol­lahi, vor die Ka­me­ra aber wa­gen sich nur die we­nigs­ten. Wer es tut, bla­miert sich.

Prot­ago­nist sei­nes Films wird Sven Krü­ger. Er ist der Chef im Ort, NPD-Po­li­ti­ker, ver­ur­teilt we­gen Heh­le­rei, Kör­per­ver­let­zung, Waf­fen­be­sitz – und bis­wei­len er­schre­ckend sym­pa­thisch, wie auch der Re­por­ter fest­stellt. Nach kur­zer Zeit bie­tet ihm Krü­ger das „Du“an. Doch so­bald Krü­ger den Mund öff­net, ent­larvt er sich. Am Brau­nauWeg­wei­ser kann er nichts Schlech­tes fin­den. Ob er sich als Neo­na­zi sieht? „Das kommt dar­auf an, wie man den Be­griff de­fi­niert.“Es gibt auch Mo­men­te der Selbst­er­kennt­nis: „Wenn man sie wirk­lich ken­nen­lernt, kann man sie nicht has­sen“, sagt er über Flücht­lin­ge.

Auch bei an­de­ren Leu­ten, die vor die Ka­me­ra tre­ten, schlägt man die Hän­de über dem Kopf zu­sam­men. Ei­ne NPD-Po­li­ti­ke­rin wird von Ab­dol­lahi auf ei­ner De­mo in ei­nem Nach­bar­ort ge­fragt: „Ge­hö­re ich auch nach Deutsch­land?“– „Sie ha­ben ein Recht, hier zu woh­nen, aber Ih­re Hei­mat ist wahr­schein­lich wo­an­ders.“– „Wenn ich aber schon von Kind an hier le­be?“– „Das ist ein Feh­ler Ih­rer El­tern, denn Ih­re El­tern ha­ben Sie ent­wur­zelt.“

Es ist wich­tig, dass der Re­por­ter nicht nur in Ja­mel bleibt. Bei ei­ner De­mo in Wis­mar fragt er Pas­san­ten, was sie von Aus­län­dern und Flücht­lin­gen hal­ten. Ei­ner sagt, die woll­ten nur Mar­ken­schu­he tra­gen. Ei­ner klagt, dass sie zu laut re­de­ten. Ge­ra­de in sol­chen Pas­sa­gen stößt Ab­dol­lahi den Ge­dan­ken an: Was ist, wenn Na­zis bloß die ex­tre­me Aus­for­mung ei­ner viel wei­ter ver­brei­te­ten Hal­tung ver­tre­ten? Ab­dol­lahi sagt: „Die rech­te Ge­sin­nung ist nicht auf Ja­mel be­schränkt, nur wird sie hier of­fen zur Schau ge­stellt.“

FO­TO: SCREEN­SHOT NDR-MEDIATHEK

Auf die­ses Wand­bild schau­te Mi­chel Ab­dol­lahi vier Wo­chen lang, wenn er aus sei­ner Holz­hüt­te trat – „Dorf­ge­mein­schaft Ja­mel – frei – so­zi­al – na­tio­nal“.

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