Pötsch zum neu­en Auf­sichts­rats­chef ge­wählt

Rheinische Post Goch - - WIRTSCHAFT - VON THO­MAS REI­SE­NER

Er muss ei­nen gi­gan­ti­schen In­dus­trieskan­dal auf­de­cken – und be­ginnt mit Sprach­hül­sen

DÜSSELDORF Knapp 600.000 Mit­ar­bei­ter at­men auf: We­nigs­tens der Auf­sichts­rat von Volks­wa­gen hat ges­tern ei­nen neu­en Eklat ver­mie­den und den bis zu­letzt um­strit­te­nen Hans Die­ter Pötsch (64) zum Nach­fol­ger des im Früh­jahr zu­rück­ge­tre­te­nen VW-Pa­tri­ar­chen Fer­di­nand Piëch ge­wählt.

Das war nicht selbst­ver­ständ­lich. Als das Prä­si­di­um sich vor knapp ei­ner Wo­che zu die­sem Vor­schlag durch­ge­run­gen hat­te, ha­gel­te es Kri­tik. Weil Pötsch noch am­tie­ren­der Fi­nanz­vor­stand des VW-Kon­zerns ist, gilt sei­ne Rol­le beim Skan­dal um die ma­ni­pu­lier­ten Ab­gas­tests („Die­sel­ga­te“) als un­ge­klärt. Und nach­dem VW mit Ex-Por­sche-Chef Mat­thi­as Mül­ler schon die Füh­rungs­kri­se an der Vor­stands­spit­ze mit ei­nem Mann aus den ei­nen Rei­hen ge­löst hat, hät­te man­cher Ak­tio­när sich we­nigs­tens an der Spit­ze des Kon­troll­gre­mi­ums ein Ge­sicht von au­ßen ge­wünscht.

Das könn­te dem­nächst zu­min­dest auf Ar­beit­neh­mer­sei­te mit dem de­si­gnier­ten IG-Me­tall-Chef Jörg Hof­mann hin­zu­kom­men. Die­ser wird wohl nach dem Ge­werk­schafts­tag Mit­te Ok­to­ber Bert­hold Hu­ber in dem Gre­mi­um be­er­ben. Hu­ber hat­te den VW-Auf­sichts­rat nach Piëchs Ab­gang für ein hal­bes Jahr als In­te­rims­vor­sit­zen­der ge­führt.

Pötsch selbst sag­te ges­tern nur, was man als neu ge­wähl­ter Kri­sen­ma­na­ger eben so sagt: „Es ist mir ein per­sön­li­ches An­lie­gen, al­les zu tun, da­mit die Vor­gän­ge rest­los auf­ge­klärt wer­den.“Er se­he es als sei­ne „Kern­auf­ga­be“an, das Un­ter­neh­men in ei­ne er­folg­rei­che Zu­kunft zu füh­ren.

Ge­nau ge­nom­men war das et­was we­nig für je­man­den, der ge­ra­de da­zu be­stimmt wur­de, ei­nen der größ­ten In­dus­trieskan­da­le der deut­schen Nach­kriegs­ge­schich­te auf­zu­klä­ren. Der Auf­sichts­rat brü­tet seit gut 14 Ta­gen über dem Schla­mas­sel. Da hät­te man für den neu­en Chef­kon­trol­leur ja viel­leicht die An­kün­di­gung ei­ner kon­kre­ten Maß­nah­me vor­be­rei­ten kön­nen – oder ei­ne Grund­satz­re­de. So wirk­te Pötsch ges­tern erst ein­mal rat­los. Aber wer hät­te die Kom­mu­ni­ka­ti­on des neu­en Chef­kon­trol­leurs auch vor­be­rei­ten sol­len? VW-Chef­kom­mu­ni­ka­tor Hans-Gerd Bo­de ist selbst erst seit ei­ner Wo­che im Amt, und sein Vor­gän­ger Ste­phan Grüh­sem war in den Sog des Rück­tritts von VW-Chefs Mar­tinWin­ter­korn ge­ra­ten . . .

Un­ter­des­sen hat das Un­ter­neh­men ei­ne neue Front in NRW: Für mög­li­che Steu­er­schä­den durch die Ab­gas-Ma­ni­pu­la­tio­nen soll nach An­sicht von NRW-Fi­nanz­mi­nis­ter Nor­bert Wal­ter-Bor­jans (SPD) der Kon­zern und nicht der Steu­er­zah­ler ge­ra­de­ste­hen. In ei­nem Brief an Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le (CDU) ver­wei­se Wal­ter-Bor­jans auf Steu­er­vor­tei­le für Die­sel-Fahr­zeu­ge mit nied­ri­gen Ab­gas­wer­ten, be­rich­tet die „Süd­deut­sche Zei­tung“. We­gen der von VW ein­ge­stan­de­nen Ma­ni­pu­la­tio­nen könn­ten Kf­zS­teu­ern zu nied­rig fest­ge­setzt wor­den sein. Es dür­fe aber nicht da­zu kom­men, dass der Staat den Käu­fern von VW-Fahr­zeu­gen Nach­zah­lungs­be­schei­de schi­cke und die Au­to­be­sit­zer auf die­se Wei­se da­zu zwin­ge, sich das Geld durch auf­wen­di­ge Scha­den­er­satz­kla­gen bei Volks­wa­gen zu­rück­zu­ho­len.

Ei­ne Köl­ne­rin hat VW be­reits vor dem Land­ge­richt Braun­schweig auf Scha­den­er­satz ver­klagt, weil der Mo­tor ih­res vor fünf Jah­ren ge­kauf­ten VW Sha­ran Blue Mo­ti­on nun of­fen­bar doch nicht so sau­ber sei, wie ge­dacht. Die an­geb­lich nied­ri­gen Ab­gas­wer­te sei­en für sie je­doch kauf­ent­schei­dend ge­we­sen, wie es in ei­ner 28 Sei­ten star­ken Kla­ge­schrift der Kanz­lei Jor­dan Fuhr Mey­er heißt. Kolumne Sei­te 2

FO­TO: IMAGO

Rat­los oder mit Re­zep­ten? Hans Die­ter Pötsch soll VW aus der Kri­se füh­ren

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