Der neue Gurs­ky – ein Kanz­ler-Quar­tett

Rheinische Post Goch - - KULTUR - VON ALEX­AN­DRA WACH

Der Düs­sel­dor­fer Meis­ter der mo­der­nen Fo­to­gra­fie zeigt im Frie­der-Bur­da-Mu­se­um Klas­si­ker und neue Bil­der.

BA­DEN-BA­DEN Das Gen­re Kanz­lerFo­to ist in Deutsch­land ei­gent­lich schon be­setzt. Her­lin­de Ko­elbl hat­te über Jah­re die Häu­tun­gen von An­ge­la Mer­kel und Ger­hard Schrö­der do­ku­men­tiert. Andre­as Mü­he be­glei­te­te Mer­kel auf Rei­sen und be­kam da­für von der Pres­se das Eti­kett „Kanz­ler­fo­to­graf“zu­ge­wie­sen. Er räch­te sich mit der Se­rie „A.M. Ei­ne Deutsch­land­rei­se“, in der er ein Mo­del die Rol­le der Re­pu­blik-Len­ke­rin spie­len ließ. Man sah sie in der Rü­cken-Per­spek­ti­ve, wie sie wohl­wol­lend die Krei­de­fel­sen auf Rü­gen be­trach­te­te, den Karl-Marx-Kopf in Chem­nitz und die Lo­re­ley am Rhein.

Ein ähn­li­ches Täu­schungs­ma­nö­ver ge­lingt jetzt Andre­as Gurs­ky in sei­ner neu­en Aus­stel­lung im Mu­se­um Frie­der Bur­da in Ba­den-Ba­den. Die Ver­stär­kung der Kanz­le­rin lässt sich se­hen. Wenn auch nur aus der be­lieb­ten Cas­par-Da­vid-Fried­rich-Po­si­ti­on der Rü­cken­par­tie. Auf dem frisch aus dem Dru­cker kom­men­den, fünf Me­ter brei­ten Hoch­glanz-Di­gi­tal­fo­to hat sich ein ge­schichts­träch­ti­ges Quar­tett vor ei- nem blut­ro­ten Farb­feld-Ge­mäl­de von Bar­nett New­man ein­ge­fun­den. Der Be­trach­ter ist aus­ge­sperrt. Er muss auf das Aqua­ri­um-Ge­sche­hen durch ein an­ge­deu­te­tes Fens­ter schau­en. Mer­kel, im gel­ben Ja­ckett, rich­tet den Blick zum er­war­tungs­ge­mäß Rauch­schwa­den pro­du­zie­ren­den Hel­mut Schmidt. Rechts von ihr döst Hel­mut Kohl vor sich hin, wäh­rend Ger­hard Schrö­der am an­de­ren En­de un­ru­hig die Kon­kur­renz fi­xiert, die ihm sei­nen Stel­len­wert in den bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen An­na­len strei­tig ma­chen könn­te.

Das mit „Rück­blick“dop­pel­deu­tig be­ti­tel­te Grup­pen­bild reizt zu Fan­ta­si­en. Zu­mal Andre­as Gurs­ky nach sei­nem 60. Ge­burts­tag hier ei­ne Rich­tung ein­schlägt, die zu neu­en Ufern zu stre­ben scheint. Kon­kre­te Per­so­nen rü­cken in den Vor­der­grund und nicht mehr an­ony­me Mas­sen. Für die di­gi­ta­le Mon­ta­ge muss­te er kei­nen Fuß vor die Tür set­zen. An­ders als bei den meis­ten in den trans­pa­ren­ten Whi­te Cu­bes des Hau­ses präch­tig zur Gel­tung kom­men­den Rie­sen­for­ma­ten, die aus­gie­bi­ge Rei­sen rund um den Glo­bus er­for­der­ten.

Udo Kit­tel­mann, Di­rek­tor der Na­tio­nal­ga­le­rie in Berlin und Ku­ra­tor der Schau, hat sie un­ter dem Aspekt der ge­sell­schaft­lich re­le­van­ten Sub­ver­si­on aus­ge­wählt. Nicht die Schau­wer­te der per­fekt ar­ran­gier­ten Ta­bleaus, we­der die Mil­lio­nen­P­rei­se noch die oft be­müh­ten Be­zü­ge zur Ma­le­rei, son­dern der gu­te al­te In­halt soll den Takt der be­acht­lich be­stück­ten Re­tro­spek­ti­ve ge­ben.

Den Wil­len zur Ir­ri­ta­ti­on sucht man zwar in dem eher staats­tra­gen­den „Rück­blick“ver­geb­lich. Der Klas­si­ker „Rhein II“von 1999 schweigt na­tür­lich auch er­ha­ben wei­ter und pfeift auf die Er­war­tun­gen ei­ner po­li­ti­schen Aus­sa­ge. Die „Lehm­bruck“-Se­rie von 2013/2014 kann man al­len­falls un­ter Kunst­markt-Ba­shing ver­bu­chen. In sei­ner fik­ti­ven Kunst­samm­lung in dem In­nen­hof des Duis­bur­ger Mu­se­ums ver­sam­melt Gurs­ky Tro­phä­en von Kol­le­gen wie Kat­ha­ri­na Fritsch, Neo Rauch oder Ger­hard Rich­ter. In dem „La­ger“von 2014 gibt er sich gar selbst­re­fle­xiv und zeigt die ei­ge­nen Wer­ke als Flach­wa­re, ge­hor­tet hin­ter­ein­an­der in ei­ner ver­schieb­ba­ren Stahl­kon­struk­ti­on.

Und auch die Spi­der­man-Hom­mage „SH IV“von 2014 will nicht wirk­lich weh tun. Zu se­hen war sie bis­her nur in Lon­don und Han­no­ver. Der Co­mic-Held steht in vol­ler Mon­tur vor dem Her­mès-To­wer in To­kyo, wäh­rend ihm der Schau­spie­ler To­bey Ma­gui­re, ein­ge­sperrt in ei­nem be­leuch­te­ten Schau­fens­ter, zu­winkt. Ei­ne an künst­li­cher Äs­t­he­tik nicht zu über­bie­ten­de Abrech­nung mit den Schein­wel­ten von Hol­ly­wood? Oder eher Gurs­kys ver­spiel­te Ver­wei­ge­rung des lan­ge fort­le­ben­den Images ei­nes Hy­per­rea­lis­ten?

Gleich die ers­ten Mo­ti­ve, die sich in Par­terre ins Blick­feld schie­ben, las­sen kei­nen Zwei­fel dar­an, dass er ein be­gna­de­ter Seis­mo­graph der glo­ba­li­sier­ten Nul­ler­jah­re war. Ob die aus­ufern­den An­zei­ge­ta­feln des Frank­fur­ter Flug­ha­fens, die Hek­tik der Bör­se in Chi­ca­go, in­dus­tri­el­le Acker­be­wirt­schaf­tung, ver­müll­te Flüs­se in Asi­en oder nord­ko­rea­ni­sche Mas­sen­in­sze­nie­run­gen des Kol­lek­tiv­staats – der Wucht die­ser to­ta­len Ein­bli­cke kann man sich auch heu­te nicht ent­zie­hen. Trotz des Cha­rak­ters ei­ner Kon­struk­ti­on und der stets of­fen ge­leg­ten Un­zu­ver­läs­sig­keit des Me­di­ums.

Beim Gang durch die Schau kommt so et­was wie Weh­mut auf. Be­deu­tet Gurs­kys Neu­ori­en­tie­rung zum Mär­chen­on­kel der Re­pu­blik, der das Po­chen auf die Au­then­ti­zi­tät sei­ner Su­jets end­gül­tig ad ac­ta legt, das En­de ei­ner Künst­ler-Ära? Möch­te man sich in Zei­ten ei­ner im vol­len Gan­ge aus­ge­tra­ge­nen Neu­sor­tie­rung der Welt, de­ren An­fän­ge er frü­her kon­ge­ni­al ein­fing, mit Su­per­hel­den und aus­sit­zen­den Kanz­lern be­schäf­ti­gen? Aber viel­leicht sind die neu­en Bil­der nur das Zeug­nis ei­nes In­sich­ge­hens und Run­ter­schal­tens vor dem nächs­ten zeit­dia­gnos­ti­schen Knül­ler. Auf den Su­per­hel­den Gurs­ky möch­te schließ­lich doch wohl nie­mand wirk­lich ver­zich­ten.

FO­TO: ANDRE­AS GURS­KY / VG BILD-KUNST, BONN 2015

Gurs­kys di­gi­ta­le Mon­ta­ge: „Rück­blick“ver­sam­melt vier Kanz­ler­per­sön­lich­kei­ten vor ei­nem Bild – v.l. Ger­hard Schrö­der, Hel­mut Schmidt, An­ge­la Mer­kel und Hel­mut Kohl.

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