Kreuz­feu­er

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Na, das weiß ich nun nicht. Das hat sie nicht ge­sagt, aber den Brief gab’s ja wohl so­wie­so nicht, oder?“„Nein“, sag­te ich wahr­heits­ge­mäß. „Ich ha­be ihr ganz be­stimmt nicht ge­schrie­ben.“Aber je­mand an­ders viel­leicht. Ich er­wach­te um fünf nach ei­ner wei­te­ren un­ru­hi­gen Nacht auf Ians Couch. Zu vie­le Fra­gen gin­gen mir im Kopf her­um, und ich blieb im Dun­keln lie­gen und dach­te nach.

War­um hat­te mein Feind nicht im Stall nach­ge­se­hen, ob ich tot war? Weil er über­zeugt war, dass ich ein­fach tot sein muss­te? Oder woll­te er nur kei­ne neu­en Spu­ren zu­rück­las­sen, wie fri­sche Rei­fen­ab­drü­cke im Stall­hof? Viel­leicht kam es auch ein­fach nicht mehr drauf an. Oder fürch­te­te er sich am En­de vor dem grau­si­gen Er­geb­nis sei­ner Tat? Das hät­te ich ihm nicht ver­den­ken kön­nen. Le­b­lo­se Kör­per, Lei­chen, sind nicht oh­ne Grund der Stoff von Alp­träu­men, zu­mal sol­che, die ei­nes ge­walt­sa­men To­des gestor­ben sind. Ich wuss­te das, weil ich im Lauf der Jah­re zu vie­le von ih­nen ge­se­hen hat­te.

Wenn mein Feind sich ges­tern Abend nach dem Auf­schlie­ßen des Tors nicht die Mü­he ge­macht hat­te, zu den Stäl­len zu ge­hen, wür­de er wohl kaum noch ein­mal wie­der­kom­men. Dem­nach konn­te ich es mir spa­ren, in dem Durch­gang in Greysto­ne Sta­bles auf ihn zu war­ten. Heu­te hat­te ich so­wie­so et­was an­de­res vor.

„An­do­ver“, hat­te An­walt Hoo­g­land ge­sagt. Wo­her kam mir das be­kannt vor? Der al­te Sut­ton, dach­te ich. Er wohn­te jetzt in ei­nem Pfle­ge­heim in An­do­ver. Ich hat­te ihn dort be­sucht. Sein Sohn, De­tek­tiv­ser­geant Fred, war bei der Un­ter­su­chung des To­des von Ro­de­rick Ward da­bei ge­we­sen. Und die Schwes­ter von Ro­de­rick Ward war nach An­do­ver ge­zo­gen. Al­les Zu­fall?

Um sechs hör­te ich, wie Ian auf­stand und un­ter die Du­sche ging.

Ich setz­te mich auf und leg­te mei­ne Pro­the­se an. Ko­misch, dass un­se­re Ge­füh­le für et­was hin und her flat­tern kön­nen wie ein Se­gel. Am Mitt­woch­nach­mit­tag hat­te ich mein Kunst­bein an mich ge­drückt wie ei­nen ge­lieb­ten, lan­ge ver­schol­le­nen Bru­der. Jetzt, ge­ra­de mal sechs­und­drei­ßig St­un­den spä­ter, be­trach­te­te ich es schon wie­der als Fremd­kör­per, mehr Feind als Freund, eben doch nur ein not­wen­di­ges Übel.

Viel­leicht hat­te der Ma­jor vom Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um recht. Viel­leicht war es wirk­lich Zeit, mei­nem Le­ben ei­ne neue Rich­tung zu ge­ben. Falls ich mei­ne der­zei­ti­gen Schwie­rig­kei­ten heil über­stand.

„Wür­den Sie mir Ih­ren Wa­gen lei­hen?“, frag­te ich Ian beim Früh­stück. „Für wie lan­ge?“, sag­te er. „Das weiß ich nicht. Zu­erst muss ich mal Geld ab­he­ben. Und es kann sein, dass ich den gan­zen Mor­gen un­ter­wegs bin, viel­leicht auch den gan­zen Tag.“

„Ich muss zum Su­per­markt“, sag­te er. „Hab nichts mehr zu es­sen da.“

„Dann bring ich was mit. Schließ­lich hab ich Ih­nen ja die gan­zen Früh­stücks­flocken weg­ge­ges­sen.“

„In Ord­nung.“Er lä­chel­te. „Ich bleib auch viel lie­ber hier und seh mir die Ren­nen in San­down im Fern­se­hen an.“

„Ha­ben wir da Star­ter?“, frag­te ich und über­rasch­te mich selbst mit dem ,wir’.

„Drei“, ant­wor­te­te Ian. „Ei­ner läuft im Ar­til­le­ry Gold Cup.“

„Wer rei­tet ihn?“Der Ar­til­le­ry Gold Cup war Ama­teur­rei­tern vor­be­hal­ten, die in der Ar­mee des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reichs dien­ten oder ge­dient hat­ten.

„So ein Typ mit ei­nem ko­mi­schen Na­men“, sag­te er we­nig auf­schluss­reich.

„Was für ei­nem ko­mi­schen Na­men?“

„Ir­gend­was mit Fuß­ball. Mo­ment­chen.“Er stö­ber­te in ei­nem Pa­pier­sta­pel auf dem Tisch ne­ben dem Fern­se­her. „Ir­gend­wo hab ich das hier.“Er such­te wei­ter. „Da.“Tri­um­phie­rend hielt er ein Blatt Pa­pier hoch. „Ever­ton.“„Und wei­ter?“, frag­te ich. „Ma­jor Je­re­my Ever­ton.“„Nie ge­hört.“Das war nicht wei­ter er­staun­lich. Es gab vier­zehn­tau­send Of­fi­zie­re in der Be­rufs­ar­mee und noch mehr in den Ter­ri­to­ri­al­trup­pen, nicht zu re­den von den Ehe­ma­li­gen.

Ian lach­te. „Und er hat von Ih­nen auch noch nie ge­hört.“

„Wie kom­men Sie dar­auf?“, frag­te ich. Er lach­te wie­der. „Nur so.“Ich lach­te mit ihm. „Krieg ich al­so Ih­ren Wa­gen?“„Wo ist denn Ih­rer?“„In Oxford“, sag­te ich nach bes­tem Wis­sen. Dann log ich: „Die Kopf­dich­tung ist de­fekt. Er steht in der Werk­statt.“

Ich nahm an, dass mein Ja­gu­ar noch in dem Park­hoch­haus im Zen­trum von Oxford stand, und da woll­te ich ihn auch las­sen. Ihn ab­zu­ho­len hie­ße, even­tu­ell In­ter­es­sier­ten mit­zu­tei­len, dass ich nicht tot in ei­nem ver­las­se­nen Renn­stall hing.

„Gut. Sie kön­nen ihn ha­ben. Ver­si­chert sind Sie hof­fent­lich?“

Müss­te ich ei­gent­lich sein, dach­te ich, so­fern mei­ne Ver­si­che­rung das Fah­ren mit künst­li­chem Fuß nicht aus­schloss.

„Bin ich“, be­teu­er­te ich. „Und ich tan­ke ihn voll.“

„Das wär pri­ma.“Er warf mir die Schlüs­sel zu. „Die Hand­brem­se tut’s nicht so rich­tig. Las­sen Sie den Gang drin, wenn Sie an ei­nem Hang par­ken.“Ich fing die Schlüs­sel. „Dan­ke.“„Kom­men Sie heu­te Abend wie­der her?“, frag­te er.

„Wenn ich darf“, sag­te ich. „Lust auf was In­di­sches?“

„Klar. Gu­te Idee. Brin­gen Sie mir ein Bal­ti-Hühn­chen und ein paar Zwie­bel-Bha­jis. Und Nan-Brot.“Of­fen­bar kann­te er sich mit den Ta­kea­way-An­ge­bo­ten im Dorf aus, so flüs­sig ging ihm das von den Lip­pen. „Da­zu nehm ich noch ei­ne Rai­ta.“

Es war ganz in Ord­nung, fand ich, dass ich uns das Abend­es­sen be­sorg­te.

„Okay“, sag­te ich. „Ge­gen halb acht?“

„Lie­ber um sie­ben“, sag­te er. „Frei­tags geh ich ins Whee­l­w­right.“„Um sie­ben al­so. Bis dann.“Ich schlich mich aus Ians Woh­nung, be­vor es hell wur­de, und fuhr mit sei­nem klapp­ri­gen Vaux­hall Cor­sa ins Dorf hin­ein.

In New­bury war frei­tag­mor­gens um sie­ben er­war­tungs­ge­mäß noch nicht viel los, wenn auch der Kun­den­park­platz von Sains­bu­ry schon von frü­hen Ein­käu­fern wim­mel­te, die dem Wo­che­n­end­sturm auf die Le­bens­mit­tel zu­vor­kom­men woll­ten.

Ich park­te zwi­schen zwei an­de­ren Wa­gen, ging aber nicht in den Su­per­markt, son­dern ge­nau in die an­de­re Rich­tung – run­ter vom Park­platz, über die zwei­spu­ri­ge A339 und in die Stadt­mit­te.

(Fort­set­zung folgt)

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