„Wach­sen­den Frem­den­hass kann ich nicht er­ken­nen“

Rheinische Post Goch - - POLITIK - JAN DREBES FÜHR­TE DAS IN­TER­VIEW. DAS VOLL­STÄN­DI­GE GE­SPRÄCH LE­SEN SIE AUF WWW.RP-ON­LINE.DE

Die SPD-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin zur Flücht­lings­kri­se, über hart­nä­cki­ge Di­plo­ma­tie und ih­re Hoff­nung auf ei­ne Wie­der­wahl beim Bun­des­par­tei­tag.

Liegt die Kanz­le­rin rich­tig, es kön­ne kei­nen Auf­nah­me­stopp ge­ben? FA­HI­MI Es kann kei­nen Auf­nah­me­stopp ge­ben, dar­in sind sich SPD und Kanz­le­rin ei­nig. An­ge­la Mer­kel hat rich­ti­ger­wei­se die Flücht­lings­an­ge­le­gen­hei­ten im Bun­des­kanz­ler­amt ge­bün­delt, denn wir brau­chen jetzt prag­ma­ti­sches und schnel­les Han­deln. Die Kom­mu­nen äch­zen un­ter den Be­las­tun­gen des Flücht­lings­stroms. Die Städ­te und Ge­mein­den brau­chen rasch Hil­fe, und der Bund muss end­lich die Asyl­ver­fah­ren be­schleu­nigt be­ar­bei­ten. Pro­mi­nen­te So­zi­al­de­mo­kra­ten ha­ben sich von Mer­kel ein ein­schrän­ken­des Si­gnal zur Auf­nah­me­ka­pa­zi­tät ge­wünscht. Sie auch? FA­HI­MI Im Au­gen­blick wer­den sich die Men­schen, die auf dem Weg zu uns sind, nicht auf­hal­ten las­sen. Das müs­sen wir uns klar­ma­chen. Des­halb soll­ten wir uns dar­auf kon­zen­trie­ren, mit die­ser Si­tua­ti­on um­zu­ge­hen. Wir müs­sen da­für sor­gen, dass Men­schen sich gar nicht erst auf ei­nen le­bens­ge­fähr­li­chen Flucht­weg ma­chen. Wir brau­chen in der Re­gi­on Flücht­lings­la­ger, in de­nen men­schen­wür­di­ge Be­din­gun­gen herr­schen, aus­rei­chend Es­sen vor­han­den und Schul­bil­dung für Kin­der mög­lich ist. Und durch klu­ge Ge­sprächs­di­plo­ma­tie in Sy­ri­en müs­sen wir bei der Ein­däm­mung des nun schon mehr als vier Jah­re dau­ern­den Bür­ger­kriegs vor­an­kom­men. Das ist ent­schei­dend. Es ist al­so rich­tig, wei­ter auf Russ­lands Prä­si­dent Pu­tin und Sy­ri­ens Macht­ha­ber As­sad zu­zu­ge­hen? FA­HI­MI Die SPD hat ei­ne gu­te Tra­di­ti­on in der Au­ßen­po­li­tik, die dar­auf ba­siert, durch An­nä­he­rung ei­nen Wan­del her­bei­zu­füh­ren. Üb­ri­gens macht sich auch der­je­ni­ge schmut­zi­ge Hän­de, der nur zu­schaut. Die Kom­ple­xi­tät des Bür­ger­krie­ges in Sy­ri­en er­for­dert in­ten­si­ve Ver­hand­lungs­di­plo­ma­tie. Wir un­ter­stüt­zen Au­ßen­mi­nis­ter Frank-Wal­ter St­ein­mei­er in sei­ner Hal­tung, re­gio­na­le Mäch­te stär­ker ein­zu­bin­den. Ge­sprä­che mit Russ­land könn­ten da­zu bei­tra­gen. Für ei­ne po­li­ti­sche Lö­sung des Kon­flik­tes müs­sen wohl auch Iran und Sau­di-Ara­bi­en an ei­nen Tisch ge­bracht wer­den. Die Be­kämp­fung von Flucht­ur­sa­chen ist ei­ne Auf­ga­be für Jah­re. Zu ei­ner schnel­len Ent­las­tung in Deutsch­land trägt das nicht bei. FA­HI­MI Des­we­gen den­ken wir als SPD in drei Wir­kungs­krei­sen. Ne­ben der Au­ßen­po­li­tik, die auf Sta­bi­li­tät und Frie­den setzt, geht es um ei­ne fai­re Ver­tei­lung der Flücht­lin­ge in Eu­ro­pa und drit­tens um in­nen­po­li­ti­sche Schrit­te wie die be­schlos­se­ne fi­nan­zi­el­le Ent­las­tung der Kom­mu­nen. Aber auch sozialer Woh­nungs­bau und bes­se­re Ar­beits­markt­in­te­gra­ti­on für al­le, un­ab­hän­gig ob Flücht­ling oder nicht, ge­hö­ren da­zu. All das muss par­al­lel ge­sche­hen. Droht ein Rechts­ruck, wenn die Men­schen kei­ne Ent­las­tung spü­ren? FA­HI­MI Ers­tens bin ich sehr zu­ver­sicht­lich, dass die Maß­nah­men grei­fen wer­den. Zwei­tens ist die Be­reit­schaft in der Be­völ­ke­rung trotz der an­ge­spann­ten La­ge wei­ter enorm groß, schutz­be­dürf­ti­gen Men­schen zu hel­fen. Und drit­tens muss klar sein, dass es kei­nen Kö­nigs­weg gibt. Ein Rechts­ruck ent­steht dann, wenn Po­pu­lis­ten den Men­schen vor­gau­keln, es ge­be die ei­ne ein­fa­che Lö­sung für al­les. Die dar­aus ent­ste­hen­de Ent­täu­schung ent­lädt sich leicht ge­gen die Po­li­tik und die Auf­nah­me­be­reit­schaft. Wach­sen­den Frem­den­hass kann ich aber nicht er­ken­nen. Das bleibt glück­li­cher­wei­se ein Rand­the­ma un­se­rer Ge­sell­schaft. Im De­zem­ber ist SPD-Bun­des­par­tei­tag. Wol­len Sie sich noch ein­mal als Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin wäh­len las­sen? FA­HI­MI Ja, klar. Von mei­nem ei­ge­nen Be­zirk Han­no­ver bin ich ja auch be­reits no­mi­niert wor­den. Ich ha­be ei­ni­ges an­ge­sto­ßen, das ich nun auch wei­ter­füh­ren möch­te. Die wei­te­re Par­tei­re­form, die Nach­bar­schafts­kam­pa­gne, Pro­jek­te für ei­nen mo­der­nen Wahl­kampf und in­halt­li­che De­bat­ten um De­mo­kra­tie, Ar­beit und vie­les mehr. Das al­les macht mir viel Spaß. In­so­fern wer­de ich mich im De­zem­ber er­neut für das Amt zur Wahl stel­len. Der Vor­sit­zen­de Sig­mar Ga­b­ri­el und ich sind uns in die­ser Fra­ge völ­lig ei­nig.

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