Nach­schlag für 20 Mil­lio­nen Rent­ner

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON BIRGIT MAR­SCHALL UND EVA QUAD­BECK

Die deut­schen Rent­ner dür­fen für 2016 auf ei­ne kräf­ti­ge Er­hö­hung ih­rer Al­ters­be­zü­ge um vier bis fünf Pro­zent hof­fen. Für die wei­te­re Zu­kunft sieht es al­ler­dings nicht so ro­sig aus – die Wirt­schafts­for­schungs­in­sti­tu­te bli­cken be­sorgt auf die Ren­ten­kas­se.

BERLIN Die nächs­te Ren­ten­er­hö­hung 2016 wird vor­aus­sicht­lich so hoch aus­fal­len wie seit 1993 nicht mehr. Ren­ten­ver­si­che­rung und Ar­beits­mi­nis­te­ri­um woll­ten ges­tern zwar nicht die kon­kre­ten Zah­len der „Frank­fur­ter Rund­schau“be­stä­ti­gen, wo­nach die Er­hö­hung im Wes­ten bei 4,35 Pro­zent und im Os­ten bei 5,03 Pro­zent lie­gen soll. Es gab aber auch kei­nen Wi­der­spruch, dass die An­pas­sung hoch aus­fal­len wird. Für ei­ne Stan­dard­ren­te von 1314 Eu­ro mo­nat­lich er­gä­be sich bei ei­ner Er­hö­hung im pro­gnos­ti­zier­ten Um­fang für ei­nen Rent­ner im Wes­ten ab Mit­te 2016 ein Auf­schlag von 57 Eu­ro mo­nat­lich.

„Die po­si­ti­ve wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung wirkt sich auch auf die Hö­he der Ren­ten­an­pas­sung im nächs­ten Jahr aus“, sag­te ein Spre­cher der Ren­ten­ver­si­che­rung. Vom Bun­des­ar­beits­mi­nis­te­ri­um hieß es: „Wenn mehr Men­schen in Ar­beit kom­men und die Löh­ne stei­gen, dann ha­ben dar­an auch die Rent­ner ih­ren An­teil.“

Si­cher ist, dass die Ren­ten 2016 nicht nur nach der Hö­he der Löh­ne und der Zahl der ab­hän­gig Be­schäf­tig­ten stei­gen. Viel­mehr kommt es noch zu ei­ner zu­sätz­li­chen Er­hö­hung von gut ei­nem Pro­zent. Dies ist aber nur ein Nach­schlag für die­ses Jahr. 2015 ist näm­lich die Ren­ten­an­pas­sung um rund ein Pro­zent ge­rin­ger aus­ge­fal­len. Ur­sa­che da­für war, dass die Bun­des­re­gie­rung ei­ne EURicht­li­nie um­set­zen muss­te, durch die die Be­rech­nung der Löh­ne auf ein neu­es Fun­da­ment ge­stellt wur­de. Die Be­grün­dung, dass die Ren­ten­stei­ge­rung we­gen ei­nes „sta­tis­ti­schen Ef­fek­tes“2015 ge­rin­ger aus­fiel, war bei Se­nio­ren auf Un­mut ge­sto­ßen. 2016 wird die aus­ge­blie­be­ne Er­hö­hung nun nach­ge­holt.

Po­si­tiv wirkt sich auf die Ren­ten­hö­he auch die Sen­kung des Ren­ten­bei­trags­sat­zes An­fang 2015 aus. Er fiel von 18,9 auf 18,7 Pro­zent. Die Ent­las­tung bei den Bei­trä­gen war mög­lich, weil die Rück­la­ge der Ren­ten­ver­si­che­rung En­de 2014 an ih­re ge­setz­li­che Ober­gren­ze von 1,5 Mo­nats­aus­ga­ben ge­sto­ßen war.

Doch für die spä­te­re Zu­kunft sieht es nicht so ro­sig aus. Die füh­ren­den Wirt­schafts­for­scher schau­en in ih­rem ges­tern ver­öf­fent­lich­ten Herbst­gut­ach­ten be­sorgt auf die Ren­ten­kas­se: Oh­ne Re­form müss­ten die Bei­trags­sät­ze we­gen der Al­te­rung der Ge­sell­schaft bis 2030 um knapp vier Punk­te stei­gen, war­nen sie. Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber wür­den jähr­lich um 40 Mil­li­ar­den Eu­ro zu­sätz­lich be­las­tet. „Zur Sen­kung der Ab­ga­ben wä­re es sinn­voll, die ver­si­che­rungs­frem­den Leis­tun­gen der So­zi­al­ver­si­che­rung aus dem Steu­er-

4,35* auf­kom­men zu fi­nan­zie­ren und die Bun­des­zu­schüs­se zu er­hö­hen“, emp­feh­len die Öko­no­men. Im Kl­ar­text: Müt­ter­ren­ten und an­de­re ver­si­che­rungs­frem­de Leis­tun­gen soll­ten aus Steu­ern fi­nan­ziert wer­den.

Der Vor­sit­zen­de der Jun­gen Un­ter­neh­mer, Hu­ber­tus Por­schen, kri­ti­sier­te das Ren­ten­sys­tem grund­sätz­lich: „Die be­vor­ste­hen­de Re­kord­er­hö­hung der Ren­ten of­fen­bart jetzt er­neut, wie we­nig de­mo­gra­fie­fest und ge­ne­ra­tio­nen­un­ge­recht un­ser Ren­ten­sys­tem ist“, sag­te Por­schen un­se­rer Re­dak­ti­on. „Mit Blick auf den de­mo­gra­fi­schen Wan­del könn­te die Po­li­tik hier ein Si­gnal set­zen und ei­nen Teil der Ren­ten­er­hö­hung aus­set­zen.“Wenn die Po­li­tik die Ren­te ernst­haft „en­kel­si­cher“ma­chen und der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on Rech­nung tra­gen wol­le, müs­se sie end­lich das Sys­tem ver­än­dern. „Da­zu brau­chen wir bei­spiels­wei­se im um­la­ge­fi­nan­zier­ten Ren­ten­sys­tem zu­sätz­lich ei­ne ka­pi­tal­ge­deck­te Säu­le.“Noch wich­ti­ger sei, das Ren­ten­al­ter kon­ti­nu­ier­lich an die Le­bens­er­war­tung zu kop­peln und zu er­hö­hen.

Wäh­rend frü­he­re Bun­des­re­gie­run­gen mit der An­he­bung des Ren­ten­ein­tritts­al­ters und der Dämp­fung des Ren­ten­ni­veaus Schrit­te un­ter­nom­men hat­ten, um die Ren­ten­ver­si­che­rung der al­tern­den Be­völ­ke­rung an­zu­pas­sen, ging es un­ter der gro­ßen Ko­ali­ti­on 2014 in die an­de­re Rich­tung. Durch die Ren­te ab 63 sank das rea­le Ren­ten­ein­tritts­al­ter von Män­nern 2014 um 0,1 Jah­re auf 64.

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