MI­KE KRÜ­GER „Ich war als Ba­by halb­sei­tig ge­lähmt“

Rheinische Post Goch - - PANORAMA - DAS GE­SPRÄCH FÜHR­TE SE­BAS­TI­AN DALKOWSKI.

Nach 40 Jah­ren im Show­busi­ness hat der sin­gen­de Ko­mi­ker sei­ne Au­to­bio­gra­fie „Mein Gott, Walt­her“ver­öf­fent­licht. Ein Ge­spräch über die Ju­gend in ei­nem Schlaf­saal, ei­ne schwe­re Ge­burt und das Lie­der­schrei­ben auf Rei­sen.

DÜSSELDORF Im Ge­gen­satz zu den Men­schen, die schon mit 21 Jah­ren mei­nen, ih­re Au­to­bio­gra­fie vor­le­gen zu müs­sen, hat sich Mi­ke Krü­ger Zeit ge­las­sen. Mit 63 Jah­ren hat er gera­de „Mein Gott, Walt­her“ver­öf­fent­licht. Erst sein zwei­tes Buch – 1988 hat­te er ein nicht so wirk­lich be­ach­te­tes Golfle­xi­kon vor­ge­legt. Ent­spre­chend ist er in Re­de­lau­ne. Sie wa­ren qua­si im­mer auf der Durch­rei­se. Schon bei Ih­rer Ge­burt. Weil Sie zwei Mo­na­te zu früh wa­ren, ka­men Sie nicht in Ham­burg, son­dern in Ulm zur Welt. MI­KE KRÜ­GER Mei­ne El­tern wa­ren auf Ge­schäfts­rei­se und mit dem Au­to auf dem Weg zu­rück nach Ham­burg. Es soll ex­trem chao­tisch ge­we­sen sein. Ein gro­ßes Glück war, dass ich mich in Ulm ent­schie­den hat­te, auf die Welt zu kom­men. Weil es dort ei­ne für die Zeit sehr gut aus­ge­stat­te­te Kin­der­kli­nik gab. Ich war an­fangs halb­sei­tig ge­lähmt und lag ein hal­bes Jahr im Brut­kas­ten, be­vor ich nach Ham­burg durf­te. Der Pro­fes­sor hat mir das Le­ben ge­ret­tet. Über­all an­ders hät­te ich es wahr­schein­lich nicht ge­schafft. Als die Leis­tun­gen in der Schu­le nach­lie­ßen, hat Ihr Va­ter Sie mit zehn aufs In­ter­nat nach Bü­sum ge­schickt. Ver­mut­lich wa­ren Sie nicht sehr be­geis­tert. KRÜ­GER Da fühl­te ich mich wie weg­ge­sperrt. Es war kei­nes die­ser No­be­l­in­ter­na­te wie bei „Han­ni & Nan­ni“. Wir ha­ben mit 42 Jun­gen in ei­nem Saal ge­schla­fen, und je­der hat­te ei­ne klei­ne Ar­beits­ecke für sich in ei­nem Sechs-Mann-Zim­mer. Ich war der Kleins­te und hat­te das Pro­blem, in der Hier­ar­chie ganz un­ten zu ste­hen. Des­halb muss­te ich auf­pas­sen, ei­ni­ger­ma­ßen heil durch den Tag zu kom­men. Pu­ber­tie­ren­de Jungs las­sen die Ge­walt ger­ne mal an Schwä­che­ren aus. Ha­ben Leh­rer Sie auch ge­schla­gen? KRÜ­GER Ja, sie durf­ten auch schla­gen. Wenn es Ran­da­le im Schlaf­saal gab, ka­men sie hoch, und dann gab es was mit dem Rohr­stock. Die hat­ten kei­ne Hem­mun­gen und wa­ren für mich ei­ne fast ge­nau­so gro­ße Ge­fahr wie die äl­te­ren

Mit­schü­ler. Auf die­se Zeit hät­te ich ger­ne ver­zich­tet. Ha­ben Sie sich nicht ein­sam ge­fühlt? KRÜ­GER Sehr. Da gibt es zwei Mög­lich­kei­ten: Man schließt sich die­sem ag­gres­si­ven Tun an oder ver­sucht, es mit Hu­mor zu über­ste­hen. Die­sen Weg bin ich ge­gan­gen. Zum Glück wur­de ich schnell sehr groß und des­halb we­ni­ger ver­prü­gelt. Wenn man dann noch al­le zum La­chen bringt, hat man plötz­lich vie­le Freun­de. War das der Be­ginn Ih­rer Hu­mor­bil­dung? KRÜ­GER Auf je­den Fall ha­be ich ge­merkt, dass man mit Hu­mor gut an­kommt und Freun­de ge­win­nen kann. Ih­ren ers­ten gro­ßen Hit „Mein Gott, Walt­her“ha­ben sie eben­falls un­ter­wegs ge­schrie­ben, näm­lich im Ur­laub an ei­nem See in Gar­misch-Par­ten­kir­chen. Da wa­ren Sie Schü­ler. KRÜ­GER Wenn ich es da­mals schon raus­ge­bracht hät­te, 1966, hät­te es ver­mut­lich kei- nen in­ter­es­siert. Aber 1975 war das an­ders. Da hat es den Zeit­geist ge­trof­fen. Wie war der? KRÜ­GER Die 68er wa­ren gera­de vor­bei, die Jungs fin­gen an, sich lan­ge Haa­re wach­sen zu las­sen, die Leu­te mach­ten, was sie woll­ten. Und dann ent­stand ei­ne Come­dy­sze­ne in Berlin mit Ul­rich Roski und Scho­bert & Black, das wa­ren die gro­ßen Come­dy-Hel­den, die auch Lie­der san­gen. Und dann kam je­mand aus Ham­burg, der ein völ­lig be­klopp­tes Lied sang, da­bei ein ko­mi­sches T-Shirt trug und auf ei­ner bil­li­gen Gi­tar­re spiel­te. Je­der, der drei Grif­fe konn­te, konn­te ein

Lied vor­tra­gen. Sind Ih­re Lie­der un­ter­wegs ent­stan­den? KRÜ­GER Ich hat­te für lan­ge Au­to­fahr­ten auf je­den Fall im­mer ein Dik­tier­ge­rät da­bei. „Nip­pel“ist zum Bei­spiel ent­stan­den, als ich mir an ei­ner Würst­chen­bu­de an der Au­to­bahn­rast­stät­te beim Öff­nen ei­ne die­ser Senftu­ben über die Ja­cke ge­spritzt ha­be. Dar­auf­hin schrieb ich ein Lied über Ver­pa­ckun­gen, die nicht auf­ge­hen. Nach „Mein Gott, Walt­her“wa­ren sie Jahr­zehn­te qua­si nur un­ter­wegs. War das Rei­sen für Sie ein not­wen­di­ges Übel oder ein gro­ßes Aben­teu­er? KRÜ­GER Bei­des. Ich kann zum Glück in jeg­li­cher Art von Bett schla­fen, wor­um mich die Kol­le­gen be­nei­det ha­ben. Es hat mir aber im­mer was aus­ge­macht, ex­trem lan­ge von mei­ner Fa­mi­lie weg zu sein, al­so von mei­ner Frau und mei­ner Toch­ter. War­um sind Sie dann so viel ge­tourt? KRÜ­GER Wenn mir ei­ner 1980 ge­sagt hät­te, dass ich ir­gend­wann mal 17 Jah­re lang mit die er­folg­reichs­te Wer­bung ma­che und gut do­tier­te Wer­be­ver­trä­ge ha­ben wür­de, dann hät­te ich mir al­ler­dings ganz vie­le Tour­ne­en ge­spart. Als selb­stän­di­ger Fa­mi­li­en­va­ter im Show­ge­schäft, wo man nicht weiß, wie lan­ge es wei­ter­geht, war ich sehr ge­trie­ben und woll­te al­les mit­neh­men, was kommt. Und wenn es dann durch­ge­hend läuft, ist man in so ei­ner Müh­le drin. Aber mei­ne Frau wuss­te ja, mit wem sie zu­sam­men­lebt. Sie war schließ­lich auch mei­ne obers­te Ma­na­ge­rin. Wann ist Schluss? KRÜ­GER Ich wer­de mich be­stimmt nicht of­fi­zi­ell ver­ab­schie­den. Sol­che Ab­schieds­ge­schich­ten fin­de ich fürch­ter­lich, vor al­lem, wenn je­mand dann nach zwei Jah­ren wie­der zu­rück­kehrt, weil die Fans ihm an­geb­lich ganz vie­le Mails ge­schrie­ben ha­ben. Des­halb wer­de ich kein Da­tum set­zen. Aus fi­nan­zi­el­len Grün­den müss­ten Sie aber nicht wei­ter­ma­chen, oder? KRÜ­GER Da müss­te ich mei­ne Frau fra­gen. Ver­mut­lich sagt sie dann: Musst du nicht mehr.

FO­TO: STRÜCKEN

Seit 1975 ist Mi­ke Krü­ger be­rühmt – und es bis heu­te ge­blie­ben.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.