Dem Kul­tur­wan­del folgt der Kul­tur­schock

Rheinische Post Goch - - WIRTSCHAFT - VON GE­ORG WIN­TERS

Der Deut­sche-Bank-Quar­tals­ver­lust von ver­mut­lich sechs Mil­li­ar­den Eu­ro kommt über­ra­schend. Er ist ein Zei­chen da­für, dass der neue Kon­zern­chef John Cryan die Bank ra­di­kal um­krem­pelt – an­ders als sei­ne Vor­gän­ger.

FRANKFURT/M. Ta­bu­la ra­sa bei der Deut­schen Bank. John Cryan, der neue Kon­zern­chef, baut ra­di­kal um, und er un­ter­schei­det sich da­mit eben­so ra­di­kal von sei­nem Vor­gän­ger Ans­hu Jain, dem sei­ne Kri­ti­ker mitt­ler­wei­le vor­wer­fen, er ha­be in den ver­gan­ge­nen Jah­ren bei sei­nen State­ments vor­wie­gend Luft­schlös­ser ge­baut. Cryan hat schon vor sei­nem Amts­an­tritt den Ruf ei­nes har­ten Sa­nie­rers ge­habt, und dem wird er nun ge­recht.

Wenn noch je­mand dar­an ge­zwei­felt ha­ben soll­te, dass bei der Deut­schen Bank der Zeit des viel­zi­tier­ten Kul­tur­wan­dels un­ter Jain und Jür­gen Fit­schen ein Mo­ment des Kul­tur­schocks fol­gen wird, dann sind die­se Zwei­fel aus­ge­räumt. Denn ein Schock ist das, was der ab dem kom­men­den Jahr al­lein am­tie­ren­de Chef Cryan an­deu­tet, wirk­lich. Groß­rei­ne­ma­chen ist ei­ne eher nied­li­che Um­schrei­bung für das, was der Bri­te, der ges­tern 100 Ta­ge im Amt war, dem Un­ter­neh­men zu­mu­tet. In Zah­len aus­ge­drückt sind das sie­ben­ein­halb Mil­li­ar­den Eu­ro an Wert­kor­rek­tu­ren und Rück­stel­lun­gen, und das Er­geb­nis ist ein ver­mut­li­cher Quar­tals­ver­lust von sechs Mil­li­ar­den Eu­ro.

Sol­ches hat man als Ak­tio­när der Deut­schen Bank bei al­len Be­las­tun­gen der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit noch nicht er­lebt. Es trifft die An­teils­eig­ner in­so­fern, als sie jetzt schon wis­sen, dass ih­re Di­vi­den­de ge­kürzt wird oder aus­fällt und so­mit als In­vest­ment auch nicht ren­ta­bler ist als ein Spar­buch. Im­mer­hin dür­fen sie sich da­mit trös­ten, dass die Bör­sia­ner nach dem an­fäng­li­chen Schre­cken of­fen­sicht­lich zu der Er- kennt­nis ge­kom­men sind, dass Hi­obs­bot­schaf­ten aus dem Hau­se Deut­sche Bank nicht mehr so schlimm sind. Das je­den­falls sug­ge­riert ein Kurs­rück­gang von nicht ein­mal ei­nem hal­ben Pro­zent. Und wenn man will, kann man hin­ter dem Cut bei der Di­vi­den­de so­gar ei­ne fro­he Bot­schaft ver­mu­ten – näm­lich die, dass den An­teils­eig­nern zu­nächst ei­ne Ka­pi­tal­er­hö­hung er­spart bleibt, die ih­ren An­teil an Deutsch­lands größ­ter Bank ver­wäs­sern könn­te. „Die Bank hat mit ih­rer An­kün­di­gung ein Stück Un­si­cher­heit am Ka­pi­tal­markt bes­ei- tigt“, sag­te Fonds­ma­na­ger In­go Speich von Uni­on In­vest­ment

So weit die po­si­ti­ve In­ter­pre­ta­ti­on der Deut­sche-Bank-Nach­rich­ten. Sie än­dert nichts dar­an, dass 1,2 Mil­li­ar­den Eu­ro neue Rück­stel­lun­gen für ju­ris­ti­sche Strei­tig­kei­ten er­nüch­ternd sind an­ge­sichts der Mil­li­ar­den, die schon vor­her bei­sei­te­ge­legt wor­den wa­ren. Die Zah­len zei­gen, dass man bei der Deut­schen Bank das Rechts­ri­si­ko of­fen­bar al­le paar Mo­na­te neu ta­xie­ren muss. Ob die jetzt an­ge­kün­dig­ten Rück­stel­lun­gen rei­chen, weiß die Bank selbst auch nicht.

Rund 5,8 Mil­li­ar­den Eu­ro Wert­be­rich­ti­gun­gen im In­vest­ment­ban­king und im Pri­vat­kun­den­ge­schäft sind na­tür­lich auch dem Schrump­fungs­pro­zess bei­der Ge­schäfts­fel­der ge­schul­det. Aber sie be­wei­sen in Sa­chen Post­bank auch, dass die Deut­sche Bank noch un­ter der Füh­rung von Jo­sef Acker­mann für die größ­te rei­ne Pri­vat­kun­den­bank Deutsch­lands viel zu viel Geld be­zahlt hat. Sechs Mil­li­ar­den Eu­ro sind da­mals be­zahlt wor­den, viel mehr als zwei Drit­tel da­von wird die Deut­sche Bank beim Ver­kauf kaum er­lö­sen kön­nen.

Nichts ge­sagt hat Cryan da­zu, ob und in wel­chem Aus­maß Stel­len ge­stri­chen wer­den. Das wird wohl am 29. Ok­to­ber bei der Vor­stel­lung der Zu­kunfts­stra­te­gie pas­sie­ren. Die Re­de ist da­von, dass von 98.000 Voll­zeit­stel­len in den nächs­ten Jah­ren zwi­schen 8000 und 10.000 weg­fal­len könn­ten. Cryans Aus­sa­ge, Ak­tio­nä­re wür­den er­war­ten, dass auch Mit­ar­bei­ter ei­nen Teil der Be­las­tung tra­gen soll­ten, war zwar nur auf In­vest­ment­ban­ker be­zo­gen, de­ren Bo­ni schrump­fen sol­len. Aber auch der Durch­schnitts-Be­schäf­tig­te muss wie­der ban­gen.

FO­TOS: IMAGO, MON­TA­GE: WEBER

Deut­sche-Bank-Chefs von einst und jetzt (von links): Jür­gen Fit­schen und Ans­hu Jain be­weg­ten we­nig, John Cryan zeigt, wo’s lang­geht.

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