Kreuz­feu­er

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Der Post­fach-Shop in 46B Cheap Street, dem ich am Sonn­tag schon ein­mal ei­nen Be­such ab­ge­stat­tet hat­te, war mon­tags bis frei­tags von halb neun bis acht­zehn Uhr ge­öff­net und sams­tags von neun bis drei­zehn Uhr. So stand es an der Tür.

Wenn mein Stief­va­ter das wö­chent­li­che 2000-Pfund-Päck­chen für den Er­pres­ser wie üb­lich am Don­ners­tag­nach­mit­tag auf­ge­ge­ben hat­te, dann wür­de es heu­te im Lauf des Ta­ges hier an­kom­men und zum Ab­ho­len in Post­fach 116 de­po­niert wer­den.

Post­fach 116 war durchs Schau­fens­ter des La­dens gut zu se­hen, und ich hat­te vor, es den gan­zen Tag im Au­ge zu be­hal­ten, für den Fall, dass da je­mand et­was ab­hol­te. Nur konn­te ich nicht gut drau­ßen auf dem Geh­steig rum­ste­hen und je­den da­her­kom­men­den Kun­den in­spi­zie­ren. Schon, weil ich dann selbst ge­se­hen wür­de, und das muss­te ich auf je­den Fall ver­mei­den.

Des­halb war ich so früh nach New­bury ge­fah­ren; ich woll­te gründ­lich die La­ge er­kun­den und mei­ne Tak­tik den ört­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten an­pas­sen.

Auf den ers­ten Blick gab es zwei gu­te Stand­or­te, um un­be­merkt das Kom­men und Ge­hen in 46B zu be­ob­ach­ten. Der ers­te war ein rund drei­ßig Me­ter ent­fern­tes Ca­fé, der zwei­te das in­di­sche Re­stau­rant Taj Mahal di­rekt ge­gen­über.

Ich fand das Re­stau­rant bes­ser, nicht nur we­gen der gu­ten La­ge, son­dern weil das Fens­ter halb von Vor­hän­gen ver­deckt war, hin­ter de­nen ich mich pro­blem­los ver­ber­gen konn­te, wäh­rend ich durch die Lü­cke da­zwi­schen schau­te. Ich brauch­te mir nur den rich­ti­gen Tisch zu si­chern. Ein Schild an der Ein­gangs­tür ver­riet mir, dass sie um zwölf öff­ne­ten. Bis da­hin muss­te ich mich mit dem Ca­fé be­gnü­gen, das in ei­ner hal­ben St­un­de auf­ma­chen wür­de: um acht.

Ich woll­te mich ein­ge­rich­tet ha­ben, be­vor drü­ben die ers­ten Kun­den ka­men. Ich wuss­te nicht, wann die Post kam, und wenn ich der Er­pres­ser wä­re, wür­de ich ein Päck­chen mit so viel Geld nicht lan­ge her­um­lie­gen las­sen.

Ich ging um die Ecke in die Mar­ket Street und fand ei­ne Bank mit Geld­au­to­mat. Ich hob zwei­hun­dert Pfund ab und kauf­te mir dann an ei­nem Ki­osk ei­ne Zei­tung. Nicht, dass ich vor­ge­habt hät­te zu le­sen, dann wür­de ich viel­leicht den Ab­ho­ler ver­pas­sen, aber ich brauch­te et­was, wo­hin­ter ich mich ver­ste­cken konn­te, wenn ich an ei­nem der gro­ßen Fens­ter des Ca­fés saß.

Punkt halb neun be­ob­ach­te­te ich über mei­ne Zei­tung hin­weg, wie ein Mann und ei­ne Frau die Tür des Post­fach-Shops auf­schlos­sen und hin­ein­gin­gen. Von mei­nem Platz aus konn­te ich Fach 116 gera­de noch se­hen, aber ein­fach war es we­gen des spie­geln­den Schau­fens­ters nicht. Kei­ner der bei­den öff­ne­te die­ses Fach und auch sonst kei­nes, was sie als An­ge­stell­te aber wohl auch nicht brauch­ten. Sie konn­ten ja von hin­ten an die Fä­cher her­an.

Ich trank et­li­che Tas­sen Kaf­fee und Glä­ser mit Oran­gen­saft und hoff­te, als je­mand durch­zu­ge­hen, der den Mor­gen mit Zei­tung­le­sen ver­trö­delt. Zwei­mal frag­te mich ei­ne Be­die­nung, ob ich noch et­was zu trin­ken wünsch­te, und zwei­mal sag­te ich ja. Ich woll­te nicht weg­ge­schickt wer­den, aber all­mäh­lich mach­te ich mir Sor­gen we­gen der kon­stan­ten Flüs­sig­keits­zu­fuhr und ih­rer un­aus­weich­li­chen Fol­ge. Ich konn­te schlecht die Be­die­nung bit- ten, für mich das Post­fach im Au­ge zu be­hal­ten, wäh­rend ich schnell mal ver­schwand.

Um zehn hat­te ich fast drei gro­ße Kaf­fee ge­trun­ken und drei Oran­gen­saft und muss­te drin­gend. Es er­in­ner­te mich an mei­ne Qua­len im Stall, aber im­mer­hin war ich jetzt nicht an­ge­ket­tet. Ich ließ Zei­tung und Tas­se als Platz­hal­ter am Fens­ter und eil­te zur Toi­let­te.

Drau­ßen schien sich wäh­rend mei­ner kur­zen Ab­we­sen­heit nichts ver­än­dert zu ha­ben. Die Stra­ße hat­te sich im Lauf des Mor­gens be­lebt, aber bis­her war nie­mand auf­ge­taucht, den ich kann­te. Schnell sah ich mich noch ein­mal um, aber nein, nichts.

Zehn vor elf kam ein Mann lang­sam die Stra­ße ent­lang. Ihn selbst kann­te ich zwar nicht, aber ich wuss­te, wel­chen Be­ruf er aus­üb­te. Es war der Brief­trä­ger. Er schob ei­nen knall­ro­ten vier­räd­ri­gen Wa­gen vor sich her und blieb an je­dem La­den und je­dem Haus­ein­gang ste­hen, um die Post zu­zu­stel­len. In den Shop brach­te er meh­re­re Sta­pel mit Gum­mi­bän­dern zu­sam­men­ge­hal­te­ner Brie­fe und Päck­chen. Ob die Sen­dung mei­nes Stief­va­ters da­bei war, konn­te ich auf die Ent­fer­nung nicht se­hen, aber ich nahm es an. Und si­cher ging auch der Er­pres­ser da­von aus.

„Wol­len Sie den gan­zen Tag blei­ben?“Ei­ne jun­ge Be­die­nung stand plötz­lich ne­ben mir. „Bit­te?“„Wol­len Sie den gan­zen Tag hier­blei­ben?“, frag­te sie noch ein­mal.

„Ist das ver­bo­ten? Ich ha­be doch ei­ne Men­ge Kaf­fee be­stellt, drei Oran­gen­saft und ein Plun­der­stück.“

„Aber mei­ne Freun­din und ich mei­nen, Sie füh­ren was im Schil­de“, sag­te sie. Ich dreh­te mich nach der Freun­din um, die mich von ih­rem re­la­tiv ge­schütz­ten Platz hin­ter der brust­ho­hen The­ke aus be­ob­ach­te­te. Ich sah wie­der auf die Stra­ße. „Wie­so das denn?“„Weil Sie die Zei­tung nicht le­sen“, er­wi­der­te sie vor­wurfs­voll. „Wie kom­men Sie denn dar­auf?“„Sie sind seit ei­ner St­un­de an der Zei­tung. Wir ha­ben Sie be­ob­ach­tet. So lang­sam liest kein Mensch.“

„Und was tu ich Ih­rer An­sicht nach sonst?“, frag­te ich sie, die Au­gen im­mer noch auf dem Post­fachShop.

„Wir glau­ben, Sie hal­ten nach Bank­räu­bern Aus­schau.“Sie lä­chel­te. „Sie sind von der Po­li­zei, oder?“

Ich hielt den Fin­ger an den Mund. „Scht“, sag­te ich und kniff ein Au­ge zu.

Die jun­ge Frau husch­te zu­rück zu ih­rer Freun­din, und als ich kurz dar­auf noch ein­mal hin­über­schau­te, hiel­ten sie bei­de den Fin­ger an den Mund und ki­cher­ten.

Erst in ei­ner hal­ben St­un­de mach­te das Taj Mahal auf, aber hier konn­te ich wohl nicht mehr blei­ben. Ich leg­te kei­nen Wert auf die Auf­merk­sam­keit, mit der mich jetzt prak­tisch das gan­ze Per­so­nal be­dach­te und ei­ni­ge Gäs­te oben­drein.

Ich wink­te die jun­ge Kell­ne­rin wie­der zu mir.

„Ich muss jetzt ge­hen“, sag­te ich lei­se und zahl­te die Rech­nung. „Mei­ne Schicht ist vor­bei. Aber den­ken Sie dran“, ich leg­te den Fin­ger an die Lip­pen, „Scht. Nicht ru­mer­zäh­len.“

„Na­tür­lich nicht“, ver­si­cher­te sie ernst.

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