Wenn je­der­mann zum Kunst­werk wird

Rheinische Post Goch - - LOKALE KULTUR - VON MAT­THI­AS GRASS

Die „In­ter­ven­ti­on“des is­rae­lisch-bri­ti­schen Fo­to­gra­fen Ori Gersht: Ei­ne Aus­stel­lung in der Aus­stel­lung, die auf Flincks ba­ro­cke Bil­der re­agiert und bei der je­der Be­su­cher Teil des Pro­jek­tes und der Aus­stel­lung wer­den kann.

KLE­VE Der Weg, Kunst­werk in der lau­fen­den Aus­stel­lung des Mu­se­ums Kur­haus zu wer­den, dau­ert nur we­ni­ge Mi­nu­ten. Vor­aus­ge­setzt, Hand­scan­ner und Ta­ble­tcom­pu­ter ma­chen mit. Sonst muss die rund fünf mi­nü­ti­ge Pro­ze­dur noch ein­mal ge­star­tet wer­den. Dann heißt es wei­ter still­hal­ten. Nicht be­we­gen. So, als sit­ze man Por­trät beim gro­ßen Ma­ler Flinck. Nur eben kür­zer.

Alex­an­der Rüt­jes, der­zeit Prak­ti­kant im Kle­ver Mu­se­um, um­kreist den Be­su­cher dann als das künf­ti­ge Kunst­werk mit ei­nem Hand­scan­ner. Der über­trägt die Da­ten in ei­nen Ta­blet-Com­pu­ter, auf des­sen Bild­schirm Rüt­jes das Er­geb­nis sei­ner Scan-Ar­beit kon­trol­lie­ren kann. Sind al­le mit dem Er­geb­nis zu­frie­den, ge­hen die Da­ten nach Duis­burg und dort wird von ei­ner Fir­ma Sturm ein „Mi­ni-Ich“vom Por­trä­tier­ten ge­macht: Zehn Zen­ti­me­ter groß und gut zu er­ken­nen, wer dort steht. Die­ses Mi­ni-Ich wan­dert dann in ei­ne Vi­tri­ne, die sich bis En­de der Aus­stel­lung mit ganz vie­len Mi­ni-Ichs von Kle­ver Bür­gern fül­len soll.

Bis jetzt ste­hen al­lein die Mit­ar­bei­ter und Freun­de des Mu­se­ums in der Vi­tri­ne im ers­ten Stock – je­ne, die mit ih­rer Ar­beit Mu­se­um erst mög­lich ma­chen. Sei sie pro­fes­sio­nell wie bei den An­ge­stell­ten oder eh­ren­amt­lich, wie bei den Freun­den. Aber auch die Be­su­cher un­ter­stüt­zen das Mu­se­um: Durch ih­re Zahl zei­gen sie, dass die Ar­beit des Mu­sen­tem­pels auf brei­te An­er­ken­nung fällt – fin­det Ori Gersht. Der is­rae­lisch-bri­ti­sche Fo­to­graf re­agiert näm­lich mit sei­ner viel­schich­ti­gen Aus­stel­lung in der Aus­stel­lung auf die ba­ro­cke Por­trät­ma­le­rei, die je­ne Men­schen ab­bil­det, die auf­grund ih­res Reich­tums in der La­ge wa­ren, Künst­ler zu be­zah­len oder mä­ze­na­tisch tä­tig zu wer­den. Mit der ScanAk­ti­on „Bound in the bond of li­fe“macht Gersht das für Ot­to Nor­mal­bür­ger mög­lich. Ein­mal scan­nen kos­tet 75 Eu­ro. Die Fi­gur bleibt bis Aus­stel­lungs­en­de im Mu­se­um, dann geht sie an den Por­trä­tier­ten, der sein mi­ni-Ich schließ­lich in die ei­ge­ne Vi­tri­ne stel­len kann. Zu­gleich un­ter­stützt er mit ei­nem klei­nen, in den 75 Eu­ro ent­hal­te­nen Obu­lus, den Freun­des­kreis. Er wird zum Pa­tron, zum Mä­zen.

Um die geht in der zwei­ten Ebe­ne der Gersht-Aus­stel­lung, „The Pa­trons“. Pa­tro­ne/Mä­ze­ne hat Gersht wäh­rend ei­nes vier­tä­gi­gen Auf­ent­hal­tes in Kle­ve nach Alt­meis­ter-Sit­te fo­to­gra­fiert. Es sind über­wie­gend Mä­ze­ne und Un­ter­stüt­zer des Mu­se­ums, von Ro­bert An­ger­hau­sen über Son­ja Ma­ta­ré bis Ur­su­la St­ein, von Freun­des­kreis­vor­sit­zen­der Ulrike Sack bis hin zu Wer­ner und Ade­le van Ackeren. Ins­ge­samt zwölf Men­schen, die über­le­bens­groß in der Wan­del­hal­le des Hau­ses aus­ge­stellt oder in der Aus­stel­lung ver­teilt sind, wie Heinz Sack im Katharina von Kle­ve Saal zwi­schen den Her­zö­gen.

Kle­ves Mu­se­ums­di­rek­tor Prof. Harald Kun­de war auf Gershts Ar­bei­ten in ei­ner Aus­stel­lung im Sin­clair-Haus der Al­ta­na-Kunst­stif­tung auf­merk­sam ge­wor­den und konn­te ihn ge­win­nen, in Kle­ve auf die Ma­le­rei Go­vert Flincks zu re­agie­ren. Gersht mach­te zu den Flinck-Por­träts die „Pa­trons“. Por­trät­ma­le­rei mit dem Me­di­um der Ge­gen­wart: dem Fo­to. Aber nicht wie das schnel­le Sel­fie, son­dern sorg­sam in­sze­niert wie ein Ba­rock­ge­mäl­de. In ei­ner Far­big­keit und ei­ner Po­se, wie sie de­nen auf den Bil­dern des Ba­rock­ma­lers Flinck ent­spricht. Die Fo­tos spie­geln ei­ne zu­rück­hal­ten­de Ele­ganz wi­der, wie Kun­de es be­schreibt. „Ent­stan­den ist so ein Zy­klus von höchst un­ter­schied­li­chen In­di­vi­dua­li­tä­ten, die im Pro­fil oder en face auf den Be­trach­ter bli­cken und die in ge­wis­ser Wei­se die Sum­me von über­ein­an­der­ge­blen­de­ten Zeit­schich­ten ver­kör­pern“, schreibt Kun­de im mäch­ti­gen Ka­ta­log zur Aus­stel­lung. Es ist letzt­lich ei­ne zeit­ge­mä­ße Form des Por­träts. Por­träts, die zu Kle­ve und zum Mu­se­um ge­hö­ren und die auch in Kle­ve blei­ben wer­den – Dank der Un­ter­stüt­zung der Freun­de.

Die vier­te Ebe­ne der Gersht-Ein­rich­tung ist schließ­lich ein Vi­deo, in dem die Ba­rock-Por­träts ver­wäs­sert wer­den, sie sich auf­lö­sen, ver­zer­ren, ver­schwim­men.

RP-FO­TOS (2) KLAUS STADE

Noch führt Mu­se­ums­di­rek­tor Harald Kun­de die Rie­ge der Mi­ni-Ichs an.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.