Erb­schaft­steu­er-Re­form zer­pflückt

Rheinische Post Goch - - WIRTSCHAFT - VON FLO­RI­AN RIN­KE

BOCHUM Als die Fir­ma UCI vor 25 Jah­ren in Köln das ers­te Mul­ti­plex-Ki­no in Deutsch­land er­öff­ne­te, war das ei­ne Re­vo­lu­ti­on: 14 Sä­le, fast 3000 Sitz­plät­ze, Voll­kli­ma­ti­sie­rung. Ki­no in un­ge­ahn­ten Aus­ma­ßen. Mit je­dem neu­en Mul­ti­plex stie­gen die Be­su­cher­zah­len. Al­lein UCI be­treibt heu­te 23 in Deutsch­land, Kon­kur­rent Cinemaxx kommt auf 33. Zähl­te die Bran­che An­fang der 90er-Jah­re noch knapp 120 Mil­lio­nen Be­su­cher im Jahr, wa­ren es zehn Jah­re spä­ter fast 60 Mil­lio­nen mehr. Doch heu­te nä­hert man sich wie­der dem Ni­veau von 1991 an. Die Be­su­cher blei­ben dank HD-Fern­se­her, Sur­round Sys­tem, Blu­Ray-Play­er und güns­ti­ge­rer Snacks da­heim.

Das weiß auch Jens Hein­ze. Und doch sitzt der UCI-Ge­schäfts­füh­rer in der Bochu­mer Zen­tra­le und ver­brei­tet Op­ti­mis­mus: „Nir­gend­wo sieht man den Film so wie im Ki­no­saal.“Na­tür­lich müs­se man sich wei­ter­ent­wi­ckeln. Für Hein­ze heißt das: mehr Ser­vice, mehr Tech­nik, mehr An­ge­bo­te. Längst wer­den nicht mehr nur Fil­me ge­zeigt. Weil je­der Deut­sche im Schnitt BERLIN (mar) Füh­ren­de Rechts­ex­per­ten ha­ben den Ge­setz­ent­wurf von Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le (CDU) zur Re­form der be­trieb­li­chen Erb­schaft­steu­er als ver­fas­sungs­wid­rig ein­ge­stuft. Oh­ne grund­le­gen­de Än­de­rung wer­de auch die­se Re­form vor dem Ver­fas­sungs­ge­richt lan­den, sag­ten sie ges­tern in ei­ner An­hö­rung vor dem Fi­nanz­aus­schuss des Bun­des­ta­ges. Der Ent­wurf er­fül­le die Vor­ga­ben des Ver­fas­sungs­ge­richts von En­de De­zem­ber nicht, denn er be­sei­ti­ge die zu star­ke Pri­vi­le­gie­rung von Fir­mener­ben ge­gen­über al­len an­de­ren Er­ben bei der Be­steue­rung nicht.

Die Kri­ti­ker in der SPD, bei Grü­nen und Lin­ken so­wie in den Bun­des­län­dern er­hal­ten da­mit ei­ne wei­te­re Ar­gu­men­ta­ti­ons­hil­fe. In der An­hö­rung ge­rie­ten die Ver­tre­ter der 1,5 Mal pro Jahr ins Ki­no geht, Ame­ri­ka­ner aber fünf Mal, müs­sen die Un­ter­neh­men um­den­ken: Cinemaxx zeig­te im Som­mer live ein Kon­zert der Pop-Band „Ta­ke That“. Im Ci­ne­star sind Auf­trit­te der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker zu se­hen. Zu­dem ver­mie­ten die Ki­no­be­trei­ber ih­re Sä­le für Ver­an­stal­tun­gen oder als Hör­saal. Dem­nächst wer­den im Düs­sel­dor­fer UCI so­gar „Le­ague of Le­gends“-Wett­kämp­fe live ge­zeigt. Beim ers­ten Ver­such in Bochum ka­men rund 240 meist ju­gend­li­che Be­su­cher ins Ki­no, um an­de­ren Leu­ten st­un­den­lang beim Com­pu­ter-Spie­len zu­zu­gu­cken.

Die Ki­no-Pio­nie­re hat­ten da mit ganz an­de­ren Ent­wick­lun­gen zu tun: Als der Zug auf die Men­schen zu­roll­te, sol­len die Zu­schau­er schrei­end aus dem Saal ge­rannt sein. Der Film „Die An­kunft des Zu­ges auf dem Bahn­hof in La Cio­tat“der Brü­der Au­gus­te und Lou­is Lu­mié­re war 1895 ein Wel­ter­eig­nis. Es war die Ge­burts­stun­de des Ki­nos, ei­nes ganz neu­en Er­leb­nis­ses.

Genau da­hin will das Ki­no wie­der zu­rück. Bil­der von her­an­ra­sen­den Zü­gen rei­chen da nicht mehr aus, heu­te müs­sen sich die Ob­jek­te tat­säch­lich auf die Zu­schau­er zu­be­we­gen. Mit 3D-Fil­men ver­su­chen die Ki­no­be­trei­ber die Gäs­te zu­rück­zu­ge- Stif­tung Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men und der Wirt­schafts­ver­bän­de in die De­fen­si­ve, denn al­le an­de­ren Fach­leu­te zer­pflück­ten den Re­form­ent­wurf. Schäu­b­le lässt sich auf Än­de­rungs­wün­sche der Län­der je­doch bis­her nicht ein. Sein Ent­wurf soll Mit­te No­vem­ber im Bun­des­tag be­schlos­sen wer­den. Da ihn der Bun­des­rat ab­lehnt, ist die An­ru­fung des Ver­mitt­lungs­aus­schus­ses ab­seh­bar. Ob die Re­form noch vor En­de Ju­ni 2016 ge­lingt und da­mit die Karls­ru­her Vor­ga­be ein­ge­hal­ten wird, ist of­fen.

Das Ge­richt hat­te vor­ge­ge­ben, dass sich grö­ße­re Un­ter­neh­men künf­tig ei­ner Be­dürf­nis­prü­fung un­ter­zie­hen müss­ten, wenn sie ei­nen Steu­er­vor­teil ha­ben möch­ten. Der Ge­setz­ge­ber legt die „Prüf­schwel­le“auf ein Er­be von über 26 Mil­lio­nen Eu­ro fest, ab­züg­lich des über­tra­ge- win­nen. „Es sind im­mer noch Bild und Ton, aber auch At­mo­sphä­re und Am­bi­en­te, die für die Ki­nos in Zu­kunft wich­tig sind“, sagt Hein­ze.

Noch schär­fe­re Bil­der, noch bes­se­rer Klang und wei­ter­hin Na­chos – so lässt sich die Ret­tung des Ki­nos zu­sam­men­fas­sen. Aber aus dem Mund des Ki­no-Ma­na­gers klingt das spek­ta­ku­lä­rer. Da fal­len Be­grif­fe wie „Gas­tro­no­mie­kon­zept“oder „Dol­by At­mos“, ein Klang­sys­tem, bei dem Laut­spre­cher auch an der De­cke in­stal­liert wer­den. Oder 4K. Die­se hoch­auf­lö­sen­den Bil­der kön­nen künf­tig auch von im­mer mehr Fern­se­hern ge­sen­det wer­den, im Ki­no sind sie oft schon Stan­dard. Durch neue Tech­nik sol­len die Far­ben noch bes­ser wer­den, 3D-Ef­fek­te noch rea­lis­ti­scher. Der Zu­schau­er soll beim „Hob­bit“prak­tisch er­war­ten, dass ihn gleich das sprit­zen­de Blut des nie­der­ge­streck­ten Orks trifft. In den USA ha­ben zu­dem die Dreh­ar­bei­ten für ei­nen Film be­gon­nen, den Zu- nen Ver­wal­tungs­ver­mö­gens. Die­se Sum­me hiel­ten meh­re­re Sach­ver­stän­di­ge für zu groß­zü­gig. Karls­ru­he schrei­be vor, dass grö­ße­re Fir­men „oh­ne Ab­stri­che“die Prü­fung durch­lau­fen müss­ten, das Kon­zept des so ge­nann­ten Ver­scho­nungs­ab­schlags stim­me da­mit nicht über­ein, sag­te der Speye­rer Ju­rist Joa­chim Wie­land. „Ich ver­ste­he vie­les gar nicht, und ich bin Steu­er­recht­ler“, sag­te der Bochu­mer Steu­er­spe­zia­list Ro­man Seer zu dem Ent­wurf.

Das NRW-Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um sieht nun die ab­leh­nen­de Län­der­po­si­ti­on be­stä­tigt. „Es wä­re im In­ter­es­se al­ler Be­tei­lig­ten gut, wenn die nö­ti­gen Nach­bes­se­run­gen mög­lichst im lau­fen­den Ver­fah­ren und nicht erst strei­tig in letz­ter Mi­nu­te nach­ge­führt wer­den“, sag­te Staats­se­kre­tär Mes­sal. schau­er kom­plett in der vir­tu­el­len Rea­li­tät er­le­ben sol­len. Sie wür­den dann mit ent­spre­chen­den Bril­len im Ki­no sit­zen und könn­ten den Film in ei­ner 360-Grad-Per­spek­ti­ve er­le­ben.

Na­tür­lich ist das noch Zu­kunfts­mu­sik, aber trotz­dem wirft die Ent­wick­lung Fra­gen auf: Braucht man noch Ki­nos, um sich dort ei­ne Bril­le über­zu­zie­hen? Macht den Reiz von Ki­no nicht gera­de aus, ge­mein­sam zu la­chen und für 120 Mi­nu­ten Teil ei­ner gro­ßen Grup­pe zu wer­den? Kann man sonst nicht auch im hei­mi­schen Ses­sel blei­ben? Hein­ze nickt. Er spricht da­her auch nicht von vir­tu­el­ler Rea­li­tät, son­dern lie­ber da­von, dass Ki­no nicht mehr Mas­sen­ab­fer­ti­gung sein dür­fe: „Wir müs­sen wie­der mehr auf den Gast ein­ge­hen.“

Zum Ki­no der Zu­kunft ge­hö­ren frei­es W-Lan oder Bil­lard­sa­lons und Re­stau­rants, um die Gäs­te wie­der län­ger in den Räu­men zu hal­ten. Das klingt ba­nal, funk­tio­niert aber. Oder man geht so­gar noch ei­nen Schritt wei­ter: In Berlin plant UCI ein neu­es Ki­no, in dem es Lu­xus-Sä­le ge­ben soll. Die Be­su­cher wer­den mit ei­nem Glas Pro­sec­co emp­fan­gen, vor den Sä­len soll es ei­nen gro­ßen Bar-Be­reich ge­ben. Im Ki­no war­ten Le­der­ses­sel mit mehr Bein­frei­heit, und wer Ap­pe­tit be­kommt, kann sich Ge­t­rän- ke und Snacks an den Platz be­stel­len. Auch in an­de­ren Ki­nos in Deutsch­land tes­tet UCI be­reits ähn­li­che Ele­men­te, die Kon­kur­renz eben­falls. Na­tür­lich wür­den die Kar­ten da­durch teu­rer, aber das ken­nen die Gäs­te ja schon.

Heu­te kos­tet ein Ki­no-Ti­cket im Schnitt mehr als acht Eu­ro, ge­fühlt je­doch mehr als 15. Denn wäh­rend im­mer we­ni­ger Be­su­cher in die Sä­le ström­ten, ha­ben die Be­trei­ber ge­lernt, aus je­dem Ein­zel­nen mehr her­aus­zu­ho­len – mit Zu­schlä­gen für Über­län­ge, 3D-Ef­fek­te oder VIP-Lo­gen-Plät­ze.

Das müs­sen die Be­trei­ber auch. In den UCI-Ki­nos ha­ben nur 20 Pro­zent der Vor­stel­lun­gen mehr als 20 Pro­zent Aus­las­tung. In an­de­ren Mul­ti­plex-Ki­nos dürf­te es kaum bes­ser aus­se­hen, von den Pro­gramm­ki­nos ganz zu schwei­gen. Und weil sich die Men­schen oft an Aben­den oder den Wo­che­n­en­den in den rie­si­gen Sä­len tum­meln, gibt es vie­le Vor­füh­run­gen, in de­nen das Ver­hält­nis Ki­no­per­so­nal/Gäs­te et­wa eins zu eins be­tra­gen dürf­te. Und trotz­dem sagt UCI-Ge­schäfts­füh­rer Jens Hein­ze: „Das Ki­no­ti­cket ist im­mer noch un­se­re wich­tigs­te Ein­nah­me­quel­le.“

In den Lu­xus-Sä­len wer­den die Gäs­te mit ei­nem Glas Pro­sec­co be­grüßt und am

Platz be­dient

Rechts­ex­per­ten hal­ten Schäu­bles Ge­setz­ent­wurf für ver­fas­sungs­wid­rig.

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