Pe­gi­da-Gal­gen em­pört Po­li­ti­ker

Rheinische Post Goch - - VORDERSEITE - VON JAN DREBES, EVA QUAD­BECK UND THO­MAS REISENER

Der Ton rechts­ra­di­ka­ler Grup­pie­run­gen ver­schärft sich. In Dres­den hiel­ten De­mons­tran­ten ei­nen Gal­gen mit den Na­men von Kanz­le­rin und Vi­ze­kanz­ler hoch. Be­son­ders in NRW nimmt rechts­ex­tre­me Ge­walt zu.

BERLIN Ei­ne Ak­ti­on der is­lam­feind­li­chen Be­we­gung Pe­gi­da in Dres­den hat ein ju­ris­ti­sches Nach­spiel. De­mons­tran­ten hat­ten am Mon­tag ei­nen Gal­gen mit Na­mens­schil­dern von Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel und Vi­ze­kanz­ler Sig­mar Ga­b­ri­el ge­zeigt. Nun wer­de ge­gen Un­be­kannt „we­gen Stö­rung des öf­fent­li­chen Frie­dens durch An­dro­hung von Straf­ta­ten“und „öf­fent­li­cher Auf­for­de­rung zu Straf­ta­ten“er­mit­telt, er­klär­ten Po­li­zei und Staats­an­walt­schaft.

Am Mon­tag­abend wa­ren rund 9000 Pe­gi­da-An­hän­ger durch Dres­den ge­zo­gen. Ihr Pro­test rich­te­te sich vor al­lem ge­gen die Flücht­lings­po­li­tik der Bun­des­re­gie­rung. Der Gal­gen, der als Auf­for­de­rung zum Lynch­mord be­trach­tet wer­den kann, stellt ei­ne neue Stu­fe der Es­ka­la­ti­on in der Aus­ein­an­der­set­zung dar.

Po­li­ti­ker der gro­ßen Ko­ali­ti­on in Berlin zeig­ten sich em­pört. „Bil­der von De­mons­tran­ten, die Po­li­ti­kern mit Lynch­mord dro­hen, hät­te ich nicht für mög­lich ge­hal­ten“, sag­te die Mi­gra­ti­ons­be­auf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung, Ay­dan Özo­guz (SPD). Bun­des­tags­prä­si­dent Nor­bert Lam­mert (CDU) warn­te da­vor, sich sol­chen De­mo-Zü­gen an­zu­schlie­ßen: „Zur Li­be­ra­li­tät ge­hört, dass selbst­ver­ständ­lich auch Be­sorg­nis­se, Zwei­fel und Kri­tik öf­fent­lich ar­ti­ku­liert wer­den kön­nen. Aber mit Blick auf jüngs­te Er­fah­run­gen in Dres­den und dort prä­sen­tier­te Ge­schmack­lo­sig­kei­ten muss sich je­der Bür­ger fra­gen, ob und für wel­che un­ver­ant­wort­li­che Stim­mungs­ma­che er sich in An­spruch neh­men lässt.“

Auch die Deut­sche Po­li­zei­ge­werk­schaft ver­ur­teil­te die Ak­ti­on scharf. „Gal­gen für de­mo­kra­tisch ge­wähl­te Po­li­ti­ker zu zei­gen, ist ein­fach wi­der­lich“, sag­te der Ge­werk­schafts­vor­sit­zen­de Rai­ner Wendt. Das deu- te auf die „geis­ti­ge Ver­fas­sung der Ur­he­ber“hin.

Nicht nur der Ton der Aus­ein­an­der­set­zung hat sich ver­schärft, auch die Zahl der Straf­ta­ten ist hoch­ge­schnellt. „Seit ei­ni­gen Mo­na­ten er­rei­chen die Ta­ten ei­ne neue Quan­ti­tät und Qua­li­tät“, sag­te ei­ne Spre­che­rin des Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums. Bis zum 6. Ok­to­ber re­gis­trier­ten die Be­hör­den bun­des­weit 505 Straf­ta­ten ge­gen Asyl­un­ter­künf­te. Rechts­mo­ti­vier­te Tä­ter sei­en für 461 der Über­grif­fe ver­ant­wort­lich. Zum Ver­gleich: Im ge­sam­ten Jahr 2014 wur­den ins­ge­samt 198 Straf­ta­ten ge­gen Asyl­un­ter­künf­te ge­mel­det.

Nach ei­ner Ant­wort des Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums vom Ju­li auf ei­ne An­fra­ge der Lin­ken ent­wi­ckelt die rech­te Ge­walt sich nir­gends in Deutsch­land schnel­ler als in Nord­rhein-West­fa­len. Dem­nach stieg die Zahl der rechts­ex­tre­men Über­grif­fe je 100.000 Ein­woh­ner hier von 1,09 im Jahr 2013 auf 2,11 im ver­gan­ge­nen Jahr. Der jüngs­te Ver­fas­sungs­schutz­be­richt lis­tet für 2014 ins­ge­samt 3286 rechts­ex­trem mo­ti­vier­te Straf­ta­ten für NRW auf, 370 da­von Ge­walt­de­lik­te. Ak­tu­el­le­re Zah­len hat NRW-In­nen­mi­nis­ter Ralf Jä­ger (SPD) noch nicht. Aber die nächs­te Sta­tis­tik wird wohl auch die­sen Fall ent­hal­ten: In der Nacht zu ges­tern ha­ben Un­be­kann­te vier Asyl­be­wer­ber­un­ter­künf­te in Waltrop bei Reck­ling­hau­sen mit Ha­ken­kreu­zen und dem Wort „Raus“be­sprüht.

Ei­ne ähn­li­che Ent­glei­sung wie in Dres­den gab es am Wo­che­n­en­de in Berlin. Bei der Groß­de­mons­tra­ti­on ge­gen das trans­at­lan­ti­sche Frei­han­dels­ab­kom­men TTIP zeig­ten Teil­neh­mer die At­trap­pe ei­ner Guil­lo­ti­ne mit der War­nung an Wirt­schafts­mi­nis­ter Ga­b­ri­el mit der Auf­schrift „Pass bloß auf, Sig­mar!“. Die Po­li­zei prüft, ob ei­ne Straf­tat vor­liegt.

FO­TO: DPA

„Re­ser­viert: An­ge­la ,Mut­ti’ Mer­kel“, „Re­ser­viert: Sieg­mar ,das Pack’ Ga­b­ri­el“– auf der Kund­ge­bung von Pe­gi­da am Mon­tag.

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