Die Ju­gend wird wie­der po­li­tisch

Rheinische Post Goch - - STIMME DES WESTENS - VON JAN DREBES

Jun­ge Leu­te in Deutsch­land wün­schen sich ei­nen si­che­ren Job. Kar­rie­re ist für sie zweit­ran­gig. Vor al­lem Zeit für die Fa­mi­lie ist ih­nen wich­tig. Da­bei sind sie welt­of­fen und fürch­ten Frem­den­feind­lich­keit, wie ei­ne neue Stu­die zeigt.

BERLIN Sie sind ego­is­tisch, ver­wöhnt, be­trin­ken sich lie­ber, statt „Ta­ges­schau“ein­zu­schal­ten, und ve­ge­tie­ren ver­ein­samt vor ih­ren Smart­pho­ne-Bild­schir­men da­hin. Vor­ur­tei­le über Ju­gend­li­che in Deutsch­land sind sel­ten schmei­chel­haft. Doch ei­ne Um­fra­ge, die das Stim­mungs­bild der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on nach­zeich­net, räumt mit sol­chen Bil­dern nun ge­hö­rig auf. Dem­nach bli­cken die meis­ten jun­gen Men­schen zwi­schen zwölf und 25 Jah­ren zu­ver­sicht­lich auf ih­re Zu­kunft, in­ter­es­sie­ren sich so sehr für Po­li­tik wie seit der Wie­der­ver­ei­ni­gung nicht mehr und be­für­wor­ten die Auf­nah­me von Flücht­lin­gen. Das geht aus der neu­en Ju­gend­stu­die des Öl­kon­zerns Shell her­vor, die ges­tern ein For­scher­team ge­mein­sam mit Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Manuela Schwe­sig (SPD) vor­stell­te. Op­ti­mis­tisch in die Zu­kunft Trotz glo­ba­ler Kri­sen, schwin­den­den Zu­sam­men­halts in Eu­ro­pa und zu­neh­men­der Angst vor Ter­ror freu­en sich die meis­ten Ju­gend­li­chen auf die Zu­kunft. 61 Pro­zent der rund 2500 Be­frag­ten schau­en op­ti­mis­tisch auf ihr künf­ti­ges Le­ben, 2006 wa­ren es erst 50 Pro­zent. Die Ju­gend will mit an­pa­cken, ist prag­ma­tisch und hat da­bei die Ent­wick­lung der Ge­sell­schaft im Blick. So be­ur­teilt erst­mals seit den 90er Jah­ren ei­ne Mehr­heit von 52 Pro­zent der Ju­gend­li­chen auch die ge­sell­schaft­li­che Zu­kunft op­ti­mis­tisch. 2006 wa­ren es nur 44 Pro­zent.

Doch bei der Ein­schät­zung, wie gut die Zu­kunft aus­fal­len wird, wächst der Spalt zwi­schen Ober- und Un­ter­schicht. Die am meis­ten ge­bil­de­ten und reichs­ten 13 Pro­zent al­ler Be­frag­ten sind nun noch zu­ver­sicht­li­cher ge­wor­den: Drei Vier­tel von ih­nen sind op­ti­mis­tisch, 2010 – als die letz­te Shell-Stu­die er­schien – wa­ren es 68 Pro­zent. Im Ge­gen­satz da­zu glaubt nur ein Drit­tel der so­zi­al schwächs­ten Ju­gend­li­chen (An­teil von elf Pro­zent) an ei­ne po­si­ti­ve per­sön­li­che Zu­kunft. Und 15 Pro­zent al­ler Ju­gend­li­chen se­hen sich gar als die „Ab­ge­häng­ten“, zu­mal die Chan­cen auf ei- nen hö­he­ren Schul­ab­schluss stark von der so­zia­len Her­kunft ab­hän­gen. „Die­ses Warn­si­gnal neh­men wir sehr ernst. Je­der jun­ge Mensch, der Hil­fe be­nö­tigt und möch­te, muss die­se auch be­kom­men“, sag­te Schwe­sig da­zu. Ihr Ver­weis auf ein Pro­gramm, mit dem ihr Haus Hilfs­pro­jek­te in 180 Kom­mu­nen för­dert, wirk­te da aber eher wie ein Fei­gen­blatt und nicht wie ein um­fang­rei­ches Lö­sungs­kon­zept. Auch oh­ne Kin­der glück­lich Wer die Wert­schät­zung von Fa­mi­li­en und den ei­ge­nen Kin­der­wunsch der jun­gen Men­schen ge­gen­über­stellt, ent­deckt ei­nen ver­meint­li­chen Wi­der­spruch. 90 Pro­zent der Be­frag­ten fin­den es wich­tig, ein gu­tes Fa­mi­li­en­le­ben zu füh­ren. Sie schät­zen die ei­ge­ne Fa­mi­lie als si­che­ren Ha­fen und ge­ben im­mer­hin zu 40 Pro­zent an, bes­tens mit den ei­ge­nen El­tern aus­zu­kom­men. Aber nur noch 64 Pro­zent der Ju­gend­li­chen wol­len ei­ge­ne Kin­der ha­ben. 2010 wa­ren es noch 69 Pro­zent, wo­bei der Kin­der­wunsch bei den Jungs noch stär­ker zu­rück­ge­gan­gen ist. Der Aus­sa­ge, man kön­ne auch oh­ne Kin­der ge­nau­so glück­lich le­ben, stimm­ten 40 Pro­zent von ih­nen zu, 2010 war es nur je­der Drit­te. Si­cher­heit hat im Job Prio­ri­tät Zur Er­klä­rung der Kin­der­wunsch­an­ga­ben füh­ren die Wis­sen­schaft­ler Ängs­te der Ju­gend­li­chen zum spä­te­ren Be­rufs­le­ben ins Feld. „Vie­les deu­tet dar­auf hin, dass sich die Sor­ge um die Ver­ein­bar­keit von Ar­beit und Pri­vat­le­ben auch auf den Kin­der­wunsch aus­wirkt“, schreibt die Grup­pe um Stu­di­en­lei­ter Ma­thi­as Al­bert von der Uni­ver­si­tät Bie­le­feld. Je­weils 50 Pro­zent der Be­frag­ten glau­ben, dass es schwie­rig wird, Be­ruf und Pri­vat­le­ben un­ter ei­nen Hut zu be­kom­men, und dass ne­ben dem Job zu we­nig freie Zeit blei­ben wird. Über­rascht zeig­ten sich die Au­to­ren, dass Si­cher­heit im Job mit 95 Pro­zent höchs­te Prio­ri­tät bei den jun­gen Men­schen ge­nießt. Zu­gleich müs­sen nur 55 Pro­zent das Ge­fühl ha­ben, et­was zu leis­ten, um zu­frie­den mit dem Be­ruf zu sein. Mehr Angst vor Frem­den­feind­lich­keit als vor Zu­wan­de­rung Ei­ne wei­te­re Kern­bot­schaft der Stu­di­en­er­geb­nis­se ist das stark ge­stie­ge­ne po­li­ti­sche In­ter­es­se. 41 Pro­zent be­zeich­nen sich heu­te selbst als po­li­tisch in­ter­es­siert, 2002 gab es mit nur 30 Pro­zent ein Re­kord­tief. „Das ist ei­ne Trend­wen­de, die sich fort­setzt“, pro­gnos­ti­ziert Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Al­bert. Al­ler­dings schen­ken die Ju­gend­li­chen den eta­blier­ten Par­tei­en we­ni­ger Ver­trau­en als et­wa Men­schen­rechts- und Um­welt­grup­pen. Auch die Kir­chen ver­lie­ren an Rück­halt. Gleich­zei­tig sind die Ju­gend­li­chen of­fen für das Welt­ge­sche­hen und zie­hen dar­aus Rück­schlüs­se auf Zu­wan­de­rung und De­bat­ten über Aus­län­der­hass. 48 Pro­zent der be­frag­ten Ju­gend­li­chen ha­ben Angst vor Frem­den­feind­lich­keit, aber nur 37 Pro­zent sind da­für, die Zu­wan­de­rung nach Deutsch­land zu ver­rin­gern. 2006 wa­ren es noch 58 Pro­zent. Da­zu je­doch der Hin­weis, dass die Da­ten An­fang 2015 und da­mit noch vor dem zu­letzt dras­ti­schen An­stieg der Flücht­lings­zah­len er­ho­ben wur­den. Im­mer on­line, aber nicht na­iv Kei­ne Ge­ne­ra­ti­on ist so selbst­ver­ständ­lich mit dem In­ter­net auf­ge­wach­sen wie die heu­te Zwölf- bis 25-Jäh­ri­gen. 99 Pro­zent von ih­nen sind on­line, 2002 wa­ren es erst 66 Pro­zent. Fast die Hälf­te der Ju­gend­li­chen aus der obe­ren Schicht kann auf drei oder mehr Ge­rä­te zu­rück­grei­fen, bei der un­te­ren Schicht sind es nur 17 Pro­zent. Da­bei wis­sen die Ju­gend­li­chen sehr wohl die Ge­schäfts­in­ter­es­sen von Goog­le oder Face­book ein­zu­schät­zen. 84 Pro­zent stim­men dem Satz zu, Kon­zer­nen ge­he es im Um­gang mit Nut­zer­da­ten ums Geld­ver­die­nen. 72 Pro­zent hal­ten es für ge­ge­ben, dass die Fir­men mit ih­ren An­ge­bo­ten „das In­ter­net be­herr­schen wol­len“. Und vie­le El­tern dürf­te hoff­nungs­voll stim­men, dass nur ein Drit­tel der Ju­gend­li­chen der Aus­sa­ge zu­stimmt, sie sei­en so oft im In­ter­net, dass für an­de­re Din­ge nur we­nig Zeit blei­be. Al­ler­dings: Jun­ge Men­schen ver­brin­gen heu­te mehr als 18 St­un­den pro Wo­che im Netz, 2002 wa­ren es sie­ben St­un­den.

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