Bund nimmt Atom­kon­zer­ne in die Pflicht

Rheinische Post Goch - - WIRTSCHAFT - VON A. HÖ­NING UND B. MAR­SCHALL

Das Ka­bi­nett ver­ab­schie­det heu­te ein Ge­setz zur Nach­haf­tung der Ener­gie­ver­sor­ger für den Rück­bau der Re­ak­to­ren und die La­ge­rung des Atom­mülls. Ei­ne neue Ex­per­ten­kom­mis­si­on soll über ei­ne Atom­stif­tung be­ra­ten.

BERLIN Die Bun­des­re­gie­rung ent­schei­det heu­te über zen­tra­le Fi­nanz­fra­gen zum Atom­aus­stieg. Auf der Ta­ges­ord­nung des Ka­bi­netts steht der Ge­setz­ent­wurf zur „Nach­haf­tung für Rück­bau- und Ent­sor­gungs­kos­ten im Kern­ener­gie­be­reich“. Zu­dem wird die Run­de ei­ne Ex­per­ten-Kom­mis­si­on ein­set­zen, die der Re­gie­rung bis Fe­bru­ar ei­ne Re­ge­lung vor­schla­gen soll, wie die Fi­nan­zie­rung der Mei­ler-Ab­ris­se und der End­la­ger-Kos­ten auf Dau­er ge­si­chert wer­den kann. Was steht im Ge­setz­ent­wurf? Im Kern geht es dar­um, dass sich Eon, RWE, Vat­ten­fall und EnBW durch Um­struk­tu­rie­run­gen, et­wa die Aus­glie­de­rung von Kern­kraft­wer­ken, nicht der Haf­tung für Still­le­gung und Ent­sor­gung ent­le­di­gen kön­nen. Wie be­grün­det Berlin die Plä­ne? Bis­her wä­re die Haf­tung des Mut­ter­kon­zerns fünf Jah­re nach ei­ner Aus- glie­de­rung der Atom-Spar­te er­lo­schen. Dar­auf hat­te zu­nächst auch der Eon-Kon­zern ge­setzt, der sei­ne Atomspar­te in die Toch­ter Uni­per aus­glie­dern woll­te. Die­se Mög­lich­keit wird nun ver­sperrt. Eon hat sei­ne Plä­ne be­gra­ben und be­hält die Spar­te un­ter dem Na­men Preus­senElek­tra als 100-pro­zen­ti­ge Toch­ter. Was hat der Stress­test er­ge­ben? Um zu er­mit­teln, ob die Kon­zer­ne ge­nug Geld für den Atom­aus­stieg zu­rück­ge­legt ha­ben, hat Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el ein Gut­ach­ten bei der Düs­sel­dor­fer Kanz­lei Warth&Klein Grant Thorn­ton in Auf­trag ge­ge­ben. Nach de­ren schlech­tes­tem Sze­na­rio ha­ben die Ver­sor­ger 39 Mil­li­ar­den Eu­ro zu we­nig zu­rück­ge­stellt. Hier­bei ha­ben die Gut­ach­ter ei­nen Zins­satz von zwei Pro­zent un­ter­stellt, was zu­sam­men mit ei­ner In­fla­ti­ons­ra­te von drei Pro­zent ei­nen ne­ga­ti­ven Zins be­deu­tet. Als der Ent­wurf vor we­ni­gen Wo­chen erst­mals be­kannt wur­de, wa­ren die Ak­ti­en von RWE und Eon um bis zu 13 Pro­zent ab­ge­stürzt. Nach In­ter­ven­tio­nen der Ver­sor­ger er­klär­te Ga­b­ri­el vor­ges­tern: „Die Un­ter­neh­men sind in der La­ge, die Kos­ten des Aus­stiegs zu tra­gen.“Die Ak­ti­en spran­gen dar­auf­hin um zehn Pro­zent in die Hö­he. Gleich­wohl dürf­te es für die Kon­zer­ne schwer wer­den, ih­re Ver­pflich­tun­gen zu er­fül­len. Denn die Koh­leund Gas-Kraft­wer­ke, in de­nen die Rück­stel­lun­gen un­ter an­de­rem ge­bun­den sind, ver­lie­ren an Wert. Was tut die neue Kom­mis­si­on? Wenn die Kon­zer­ne in Not ge­ra­ten oder gar in­sol­vent wer­den, wä­ren die Rück­stel­lun­gen für die All­ge­mein­heit ver­lo­ren. Nun soll ei­ne Ex­per­ten-Kom­mis­si­on er­ör­tern, wie das Geld auch lang­fris­tig ge­si­chert wer­den kann. Sie soll der Re­gie­rung bis zum Früh­jahr ei­ne Emp­feh­lung ge­ben. In der Kom­mis­si­on sol­len bis zu 19 Fach­leu­te aus Po­li­tik, Wirt­schaft, Ge­werk­schaf­ten und Wis­sen­schaft sit­zen. Sei­ne Teil­nah­me zu­ge­sagt hat be­reits der frü­he­re Bun­des­um­welt­mi­nis­ter Jür­gen Trit­tin (Grü­ne), der auch als Vor­sit­zen­der ge­han­delt wird. Im Ge­spräch wa­ren zu­dem der frü­he­re Um­welt­mi­nis­ter Klaus Töp­fer (CDU), IG BCE-Chef Michael Vas­si­lia­dis so­wie der Vi­ze-Chef von RWE, Rolf Mar­tin Schmitz. Was ist mit der Atom­stif­tung? Um die Rück­stel­lun­gen zu si­chern, er­wägt die Re­gie­rung die Ein­rich­tung ei­nes Fonds (Staat haf­tet nicht mit) oder ei­ner Stif­tung (Staat haf­tet mit). Die Kon­zer­ne sind auch da­für, sie ha­ben selbst die ers­te Blau­pau­se ge­schrie­ben. Sie sind auch be­reit, ih­re Rück­stel­lun­gen suk­zes­si­ve an die Stif­tung zu über­tra­gen, wenn der Staat sie im Ge­gen­zug ganz aus der Haf­tung ent­lässt. Das ist je­doch um­strit­ten – vor al­lem, weil das Ri­si­ko kräf­ti­ger Kos­ten­stei­ge­run­gen hoch ist und nicht al­lein dem Steu­er­zah­ler auf­ge­bür­det wer­den soll. Im Ge­spräch ist des­halb, die Nach­haf­tung auf 50 oder gar 100 Jah­re aus­zu­deh­nen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.