Kreuz­feu­er

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Un­be­ein­druckt ging ich ins Bad und zog mei­ne Bo­xer­shorts an. Dann hol­te ich mei­ne neue Ka­me­ra aus dem Schrank un­term Wasch­be­cken, wo ich sie bei mei­ner An­kunft de­po­niert hat­te, und ver­ge­wis­ser­te mich, dass sie ein­ge­schal­tet war. Nicht nur der Cham­pa­gner war in der Plas­tik­tü­te ge­we­sen.

„Beeil dich, du Schlim­mer“, rief sie. „Kom­me schon“, rief ich zu­rück. Ich trat aus dem Bad und schoss ei­ne Auf­nah­me nach der an­de­ren von ih­rem nack­ten Kör­per. Sie lag noch in der­sel­ben kom­pro­mit­tie­ren­den Stel­lung auf dem Bett, und sie hat­te die Au­gen ge­schlos­sen, so dass sie erst nach ei­ni­gen Se­kun­den be­griff.

„Schei­ße, was soll das denn?“, schrie sie und warf die Peit­sche nach mir, be­vor sie die De­cke über sich zog.

„Ich ma­che nur ein paar Fo­tos“, sag­te ich ru­hig. „Wo­zu?“, rief sie wü­tend. „Er­pres­sung“, ant­wor­te­te ich. „Er­pres­sung!“, kreisch­te sie. „Ja“, sag­te ich. „Wol­len Sie mal se­hen?“

Ich hielt ihr die Ka­me­ra so hin, dass sie das Dis­play auf der Rück­sei­te se­hen konn­te. Aber ich zeig­te ihr nicht die Fo­tos, die ich gera­de auf­ge­nom­men hat­te, son­dern ihr Halb­pro­fil von ges­tern, das Bild, auf dem sie die Hand in Post­fach 116 steck­te, um das Päck­chen mit dem Geld mei­ner Mut­ter her­aus­zu­ho­len. Sie wein­te. Wir wa­ren im­mer noch im Gäs­te­zim­mer. Ich hat­te ihr den Mor­gen­rock zu­ge­wor­fen, als ich ins Bad ge­gan­gen war, um Hemd und Ho­se zu ho­len, und als ich wie­der her­aus­kam, saß sie da, die Bett­de­cke ganz hoch­ge­zo­gen. Sie sah nicht aus wie je­mand, der bis zum Hals in ver­bre­che­ri­schen Ma­chen­schaf­ten steck­te. So­gar ge­kämmt hat­te sie sich.

„Es war nur ein Spiel“, schluchz­te sie.

„Mord ist nie ein Spiel“, sag­te ich, am Fu­ßen­de des Betts ste­hend.

„Mord?“Sie wur­de ganz blass. „Was für ein Mord?“

Mei­ne Er­mor­dung, dach­te ich. In Greysto­ne Sta­bles an die Wand ge­ket­tet.

„Wer ist er­mor­det wor­den?“, woll­te sie wis­sen.

„Ein ge­wis­ser Ro­de­rick Ward“, sag­te ich, ob­wohl ich kei­ne Be­wei­se da­für hat­te.

„Nein“, heul­te sie auf. „Ro­de­rick ist nicht um­ge­bracht wor­den; er ist mit dem Au­to ver­un­glückt.“

Sie wuss­te al­so von Ro­de­rick Ward.

„So soll­te es aus­se­hen, ja“, sag­te ich. „Wer hat ihn um­ge­bracht?“

„Ich ha­be nie­man­den um­ge­bracht“, rief sie.

„Ir­gend­je­mand hat aber“, sag­te ich. „War es Ewen?“

„Ewen?“Sie lach­te bei­nah. „Ewen in­ter­es­siert sich doch für nichts als sei­ne ver­damm­ten Pfer­de. Und Whis­ky. Tags­über Pfer­de, nach Fei­er­abend Whis­ky.“

Ich hat­te es schon ge­ahnt – da sie im Ehe­bett kei­ne Be­frie­di­gung fand, schau­te sie sich an­der­wei­tig um.

„Wer hat Ro­de­rick Ward um­ge­bracht?“, frag­te ich noch ein­mal.

„Nie­mand. Glau­ben Sie mir doch. Er ist mit dem Au­to ver­un­glückt.“

„Wer sagt das?“, frag­te ich. Kei­ne Ant­wort. Ich schau­te sie an. „Wis­sen Sie, was für ei­ne Stra­fe auf Bei­hil­fe zum Mord steht?“Im­mer noch kei­ne Ant­wort. „Le­bens­lang“, sag­te ich. „Das ist sehr lan­ge, wenn man so jung ist wie Sie.“

„Ich sag doch, ich hab nie­man­den um­ge­bracht.“Sie wein­te wie­der.

„Ja, den­ken Sie, die Ge­schwo­re­nen neh­men Ih­nen das ab, wenn Sie erst mal we­gen Er­pres­sung ver­ur­teilt sind?“Die Trä­nen ver­schmier­ten ih­re Wim­pern­tu­sche, die schwarz auf den wei­ßen Bett­be­zug tropf­te. „Al­so – wer hat Ro­de­rick Ward er­mor­det?“, frag­te ich.

Sie ver­grub ihr Ge­sicht im Kopf­kis­sen und schluchz­te.

„Frü­her oder spä­ter wer­den Sie es mir sa­gen“, mein­te ich. „Ist Ih­nen klar, dass auf Er­pres­sung bis zu vier­zehn Jah­re Haft ste­hen?“

Da kam ihr Kopf wie­der hoch. „Nein!“Es war fast ein Fle­hen.

„O doch“, sag­te ich. „Und auf Ver­ab­re­dung zur Er­pres­sung ge­nau­so.“

Ich wuss­te das. Ich hat­te es im In­ter­net nach­ge­schaut.

„Wo ist das Geld?“, setz­te ich neu an. „Wel­ches Geld?“„Das Geld, das Sie ges­tern in New­bury ab­ge­holt ha­ben.“

„In mei­ner Hand­ta­sche“, wim­mer­te sie. „Und der Rest?“„Der Rest?“„Ja, die Päck­chen, die Sie in den letz­ten sie­ben Mo­na­ten Wo­che für Wo­che kas­siert ha­ben. Wo ist das gan­ze Geld?“„Ich hab’s nicht“, ant­wor­te­te sie. „Wer hat es denn?“Sie moch­te es mir im­mer noch nicht sa­gen.

„Ju­lie“, er­klär­te ich, „Sie las­sen mir kei­ne an­de­re Wahl, als das Fo­to, das ich ges­tern in New­bury von Ih­nen ge­macht ha­be, der Po­li­zei zu über­ge­ben.“„Nein“, heul­te sie wie­der. „Aber wenn Sie mir hel­fen, hel­fe ich Ih­nen auch“, sag­te ich sanft. „Sonst wer­de ich auch die an­de­ren Fo­tos Ewen schi­cken müs­sen.“Wir wuss­ten bei­de, was auf den an­de­ren Fo­tos zu se­hen war. Denk wie ein Dieb, und du fängst den Dieb. Oder viel­mehr, wie ein Er­pres­ser, und du fängst den Er­pres­ser. „Bit­te nicht.“Jetzt bet­tel­te sie. „Dann sa­gen Sie mir, wer das Geld hat.“

„Kann ich Sie nicht an­ders ent­schä­di­gen?“Sie zog die Stepp­de­cke her­un­ter, öff­ne­te den Mor­gen­rock und ent­blöß­te ih­re lin­ke Brust. „Nein“, sag­te ich ent­schie­den. Sie be­deck­te sich wie­der. „Ju­lie“, sag­te ich im Be­fehls­ton, „das ist Ih­re letz­te Chan­ce. Wenn Sie mir jetzt nicht er­zäh­len, wo das Geld ist, ru­fe ich die Po­li­zei.“Sie konn­te nicht wis­sen, wie fern mir das lag.

„Ich kann nicht“, er­wi­der­te sie hilf los.

„Wo­vor ha­ben Sie Angst?“, frag­te ich. „Vor gar nichts.“„Aber Sie sag­ten doch, es sei nur ein Spiel. Nennt er das so?“Ich hielt in­ne. Sie gab kei­ne Ant­wort. „Soll­ten Sie ein­fach je­de Wo­che für ihn was aus dem Post­fach ho­len?“Ich schwieg. Wie­der kam kei­ne Ant­wort, da­für Trä­nen. „Hat er ge­sagt, Ih­nen kann nichts pas­sie­ren?“Sie nick­te leicht. „Jetzt ist aber was pas­siert.“Sie nick­te wie­der, und Trä­nen lie­fen ihr übers Ge­sicht. „Aber Sie wol­len mir nicht sa­gen, wer es ist. Das scheint mir nicht be­son­ders klug. Nach­her bleibt al­les an Ih­nen hän­gen.“

„Ich will nicht ins Ge­fäng­nis“, schluchz­te sie. Die Wor­te mei­ner Mut­ter.

„Müs­sen Sie auch nicht“, sag­te ich. „Wenn Sie mir sa­gen, wem Sie das Geld aus­ge­hän­digt ha­ben, schickt kein Ge­richt Sie ins Ge­fäng­nis.“Je­den­falls nicht für vier­zehn Jah­re. (Fort­set­zung folgt)

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