Pu­blish and pe­rish

Rheinische Post Goch - - HOCHSCHULE - VON HEI­NER BARZ

Die Ver­fah­ren des heu­ti­gen wis­sen­schaft­li­chen Pu­bli­zie­rens sind vor­bild­lich qua­li­täts­ge­si­chert, von Ethik­kom­mis­sio­nen über­wacht und „dop­pelb­lind“pee­re­va­lu­iert. Das heißt, der Au­tor weiß nicht, wel­cher Kol­le­ge sei­nen Auf­satz be­gut­ach­tet, be­vor er er­scheint – und um­ge­kehrt weiß der Gut­ach­ter nicht, wes­sen Auf­satz er da für die Ver­öf­fent­li­chung emp­fiehlt oder ab­lehnt. Es gel­ten höchs­te An­sprü­che.

Es gibt nur ein klei­nes Pro­blem: Bes­ten­falls die Hälf­te der Auf­sät­ze in wis­sen­schaft­li­chen Jour­nals wird von an­de­ren Per­so­nen als den Gut­ach­tern ge­le­sen; neun von zehn Ar­ti­kel wer­den von an­de­ren Wis­sen­schaft­lern nie zi­tiert. Leer­lauf auf höchs­tem Ni­veau, so scheint es. Aber es lohnt sich of­fen­bar – zu­min- dest für die For­schungs­kar­rie­ren und für die Ver­la­ge. Was die Ge­sell­schaft da­von hat, steht auf ei­nem an­de­ren Blatt. Un­ter dem Na­men „Ama­zons Mecha­ni­cal Turk“bie­tet Ama­zon schon län­ger in den USA die Ver­mitt­lung von ein­fa­che­ren Di­enst­leis­tungs­auf­trä­gen an. Ar­bei­ten wie das Ab­tip­pen von Au­dio-Da­tei­en – zum Bei­spiel ins Dik­ta­fon ge­spro­che­ne Arzt­brie­fe, so­zi­al­wis­sen­schaft­li­che In­ter­views und so wei­ter – oder Usability-Tests für Web­sei­ten und Ähn­li­ches wer­den on­line an­onym ab­ge­wi­ckelt, oh­ne dass die Ge­schäfts­part­ner viel mehr von­ein­an­der ken­nen als die Bank­ver­bin­dung und die E-Mail-Adres­se.

Als ich neu­lich von ei­nem Da­ten­bank-Sys­tem ei­ne Mail zu ei­ner Pu­bli­ka­ti­ons­an­fra­ge be­kam, muss­te ich an Ama­zons Mecha­ni­cal Turk den­ken. Der hat jetzt näm­lich Kon­kur­renz be­kom­men. Vom au­to­ma­ti­schen Wis­sen­schaft­ler. Die voll­stän­dig au­to­ma­ti­sier­te Pu­blish-or-Pe­rish-Be­trieb­sam­keit hat ei­ne wei­te­re Stu­fe er­reicht. An­fra­gen für Bei­trä­ge zu Sam­mel­bän­den oder Hand­bü­chern kom­men nicht mehr kol­le­gi­al per Te­le­fon oder als E-Mail ei­ner Stu­den­ti­schen Hilfs­kraft. Sie kom­men heu­te gleich aus der di­gi­ta­len Ver­lags-Platt­form. Frü­her hieß es „pu­blish or pe­rish“(pu­bli­zie­re oder ver­schwin­de). Heu­te gilt „pu­blish and pe­rish“.

FO­TO: WER­NER GA­B­RI­EL

Un­ser Au­tor ist Bil­dungs­for­scher an der Uni Düsseldorf.

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