Frü­her war fast al­les schlech­ter

Rheinische Post Goch - - STIMME DES WESTENS - VON MAR­TIN KESSLER

al­ler Krie­ge und Flücht­lings­strö­me ist die heu­ti­ge Welt die fried­lichs­te in der Ge­schich­te der Men­schen. Zu­gleich ha­ben Wohl­stand und Le­bens­er­war­tung neue Höchst­stän­de er­reicht. Da­für ist die Un­gleich­heit ge­stie­gen.

DÜSSELDORF Bür­ger­krieg in Sy­ri­en, Ter­ror­an­schlä­ge in Ni­ge­ria, An­ar­chie in Li­by­en – Hun­dert­tau­sen­de sind in den ver­gan­ge­nen Jah­ren Op­fer von Krieg, Ter­ror oder be­waff­ne­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen ge­wor­den. Knapp 60 Mil­lio­nen Men­schen sind auf der Flucht, meh­re­re Tau­send un­ter ih­nen su­chen je­den Tag Zuflucht in Deutsch­land. Zu­gleich lei­den fast 800 Mil­lio­nen Men­schen an Hun­ger und Un­ter­ernäh­rung.

Ist die Welt da­bei, sich in ei­ne Wüs­te zu ver­wan­deln, wird sie von Krieg, wirt­schaft­li­cher De­pres­si­on und Um­welt­zer­stö­rung be­herrscht? Wer die Ent­wick­lung der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te und auch Jahr­hun­der­te genau be­trach­tet, kommt zum ge­gen­tei­li­gen Er­geb­nis. Die Ge­fahr, durch Krie­ge und Ver­bre­chen um­zu­kom­men, war nie so nied­rig wie heu­te. Zu­gleich er­le­ben die Men­schen ei­nen noch nie da­ge­we­se­nen Stand der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung, der Bil­dung und ih­rer Ge­sund­heit.

Der in Mon­tre­al ge­bo­re­ne Har­var­dP­sy­cho­lo­ge Ste­ven Pin­ker hat das Jahr 2005 zu ei­nem der fried­lichs­ten in der Welt­ge­schich­te er­klärt. 17.400 Men­schen sind da­mals als Fol­ge von Krieg, Ter­ror oder be­waff­ne­ten Kon­flik­ten ge­stor­ben, das wa­ren gera­de ein­mal 0,03 Pro­zent al­ler To­des­fäl­le in die­sem Jahr. Selbst wenn man Mor­de und al­le nicht po­li­tisch mo­ti­vier­ten Tö­tun­gen hin­zu­nimmt, war 2005 bei deut­lich we­ni­ger als ei­nem Pro­zent al­ler To­des­fäl­le Ge­walt im Spiel. Das hat sich in­zwi­schen wie­der ver­schlech­tert durch die Kon­flik­te im Na­hen Os­ten und nörd­li­chen Afri­ka. Im Ver­gleich zu frü­he­ren Jahr­zehn­ten oder gar Jahr­hun­der­ten ist die Welt aber wei­ter­hin ei­ne Oa­se des Frie­dens.

Der Ver­hal­tens­for­scher Pin­ker hat da­zu frü­he­re Jahr­hun­der­te so­wie Jä­ge­rund-Samm­ler-Ge­sell­schaf­ten un­ter­sucht und kommt zu dem Schluss: Wäh­rend in sol­chen Ge­sell­schaf­ten im Schnitt je­der Vier­te ge­walt­sam starb, wa­ren es selbst zu Zei­ten der bei­den Welt­krie­ge nur drei Pro­zent. Die Mor­d­ra­ten sin­ken seit dem 14. Jahr­hun­dert kon­ti­nu­ier­lich – so­weit sie sta­tis­tisch zu er­fas­sen sind. In We­st­eu­ro­pa stirbt der­zeit so­gar nur ei­ner von 100.000 pro Jahr durch die Hand ei­nes Mör­ders. Das wa­ren in De­troit in den 70er Jah­ren noch 45, be­vor auch in den US-Städ­ten die Zahl der Tö­tungs­de­lik­te dras­tisch zu­rück­ging. „Der Rück­gang der Ge­walt dürf­te die be­deut­sams­te und am we­nigs­ten ge­wür­dig­te Ent­wick­lung in der Ge­schich­te un­se­rer Spe­zi­es sein“, meint der Psy­cho­lo­ge, der staat­li­che Struk­tu­ren, mensch­li­che Ver­nunft, das Ge­walt-Ta­bu und die Herr­schaft des Rechts für den Rück­gang ver­ant­wort­lich macht.

Bes­ser als je­mals zu­vor in der mensch­li­chen Ge­schich­te ha­ben sich auch Ein­kom­men, Ge­sund­heit, Le­bens­er­war­tung und Bil­dung in un­se­rer Ge­sell­schaft ent­wi­ckelt. Nicht nur im wohl­ha­ben­den Wes­ten, son­dern auch in den auf­stre­ben­den Schwel­len­län­dern. So­gar Afri­ka und gro­ße Tei­le Latein­ame­ri­kas ha­ben sich in die­ser Hin­sicht deut­lich ver­bes­sert.

Der erst vor we­ni­gen Ta­gen mit dem No­bel­preis aus­ge­zeich­ne­te US-Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler An­gus Dea­ton hat in ei­ner um­fas­sen­den Stu­die fest­ge­stellt, dass seit 1960 fast al­le Län­der die­ser Welt rei­cher ge­wor­den sind und ih­re Be­woh­ner län­ger le­ben. Nur vier von rund 200 Staa­ten – dar­un­ter Li­be­ria und der Kon­go – hat­ten 2010 ein nied­ri­ge­res Pro-Kopf-Ein­kom­men als vor 50 Jah­ren. Die meis­ten ha­ben es ver­dop­pelt und ver­drei­facht. „Seit dem Zwei­ten Welt­krieg ha­ben sich Wohl­stand und Ge­sund­heit in der Welt dra­ma­tisch ver­bes­sert“, re­sü­miert der frisch ge­kür­te No­bel­preis­trä­ger. Al­lein in der Volks­re­pu­blik Chi­na stieg die Le­bens­er­war­tung von 50 Jah­ren (1958) auf jetzt 73 Jah­re. Und im eins­ti­gen Ar­men­haus In­di­en wer­den die Men­schen in­zwi­schen im Schnitt 64 Jah­re alt. Selbst in den von Hun­ger und Seu­chen heim­ge­such­ten Re­gio­nen Afri­kas süd­lich der Sa­ha­ra ster­ben die Men­schen mit 55 und nicht mehr, wie vor Jahr­zehn­ten, schon be­vor sie das 40. Le­bens­jahr er­reicht ha­ben.

Bei der Ge­ne­ral­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Na­tio­nen hal­ten die Mäch­ti­gen gern Sonn­tags­re­den oder be­schwö­ren trotz ei­ge­ner Un­ta­ten die gro­ße Welt­ge­mein­schaft. Doch et­li­che Zie­le, die sich die Uno zum Jahr­tau­send­wech­sel ge­setzt hat, sind er­reicht. Zwar le­ben noch im­mer 800 Mil­lio­nen Men­schen in bit­te­rer Ar­mut. Aber 1980 wa­ren es 1,5 Mil­li­ar­den. Und die Welt­be­völ­ke­rung hat sich um zwei Mil­li­ar­den Men­schen ver­mehrt. Die Welt­bank hat aus­ge­rech­net, dass der­zeit 13,4 Pro­zent der Men­schen mit we­ni­ger als 1,25 Dol­lar pro Tag aus­kom­men müs­sen. Vor 25 Jah­ren wa­ren es noch 43,6 Pro­zent.

Auch die Kin­der­sterb­lich­keit in den Ent­wick­lungs­län­dern ist seit 1990 um über die Hälf­te ge­fal­len. Und selbst in den ärms­ten Län­dern er­hal­ten rund 70 Pro­zent der Kin­der zu­min­dest ei­ne Grund­schul­aus­bil­dung. Zu­gleich ha­ben welt­weit noch nie so vie­le Men­schen ei­nes Jahr­gangs ei­ne Be­rufs- oder Uni­ver­si­täts­aus­bil­dung durch­lau­fen wie heu­te.

Zu sau­be­rem Was­ser ha­ben mehr als 80 Pro­zent der Men­schen in­zwi­schen Zu­gang, wenn man die är­me­ren Tei­le Afri­kas her­aus­rech­net. Und auch das Wachs­tum des Koh­len­di­oxid-Aus­sto­ßes, das für den Kli­ma­wan­del ver­ant­wort­lich ge­macht wird, ist von drei auf zwei Pro­zent ge­sun­ken, was na­tür­lich im­mer noch zu viel ist.

Der „gro­ße Aus­bruch“, wie der Wirt­schafts­for­scher Dea­ton die­sen Er­folg nennt, hat frei­lich sei­nen Preis. Nach­dem sich in den 60er und 70er Jah­ren die Ein­kom­men an­nä­her­ten, nimmt die Un­gleich­heit seit­her wie­der zu. In den USA pro­fi­tie­ren seit über 40 Jah­ren nur die Rei­chen vom wirt­schaft­li­chen Wachs­tum. Auch in den west­eu­ro­päi­schen Staa­ten ist die Sche­re zwi­schen Arm und Reich aus­ein­an­der­ge­gan­gen. Und die obe­ren zehn Pro­zent be­sit­zen rund 80 Pro­zent des glo­ba­len Geld­ver­mö­gens. Das ber­ge Spreng­stoff, warnt Dea­ton. Denn es sei kei­nes­falls ge­si­chert, dass die po­si­ti­ve Ent­wick­lung oh­ne En­de wei­ter­ge­he.

Die Ge­fahr, durch Krie­ge und Ver­bre­chen um­zu­kom­men,

war noch nie so nied­rig wie heu­te

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