Flücht­lin­ge sol­len auf NS-Burg über­win­tern

Rheinische Post Goch - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON CHRIS­TI­AN SCHWERDTFEGER, DET­LEV HÜWEL UND MAR­KUS PLÜM

In die „Or­dens­burg“Vo­gel­sang sol­len 900 Schutz­su­chen­de zie­hen. Das Land mel­det 17.000 win­ter­fes­te Quar­tie­re für Flücht­lin­ge.

DÜSSELDORF Ei­gent­lich ist Ma­roua­ne Al­laoui wär­me­re Tem­pe­ra­tu­ren ge­wohnt. Der 23-jäh­ri­ge Al­ge­ri­er sitzt mit sei­nem Bru­der Ham­zi un­ter ei­nem Heiz­schlauch und trägt Oh­ren­wär­mer und Hand­schu­he. Da­bei zeigt das Ther­mo­me­ter in ei­ner der städ­ti­schen Zelt­un­ter­künf­te für Flücht­lin­ge in Düsseldorf zwei­stel­li­ge Plus­gra­de an. „Aber gera­de

Klaus Kai­ser (CDU) nachts, wenn man sich nicht be­wegt, frie­re ich sehr“, be­rich­tet Al­laoui, „weil kal­te Luft durch Schlit­ze in das Zelt dringt.“

Wie lan­ge Al­laoui noch frie­ren muss, kann bei der Stadt der­zeit kei­ner mit Ge­wiss­heit sa­gen. Die städ­ti­schen Flücht­lings­be­auf­trag­ten wis­sen, dass die Wohn­zel­te nicht win­ter­fest sind. Des­halb steht bald ei­ne grö­ße­re Um­sied­lungs­ak­ti­on in an­de­re Un­ter­künf­te an – et­wa in ei­ne be­heiz­ba­re Trag­luft­hal­le für 600 Per­so­nen. Und das soll so schnell wie mög­lich pas­sie­ren. Mög­lichst noch bis En­de des Mo­nats.

An­ders als in an­de­ren Bun­des­län­dern wird die Un­ter­brin­gung der Flücht­lin­ge in NRW in den Win­ter­mo­na­ten wohl nicht so pro­ble­ma­tisch wie er­war­tet. „Wir sind gut vor­be­rei­tet“, sagt ei­ne Spre­che­rin von In­nen­mi­nis­ter Ralf Jä­ger (SPD). Da­mit meint sie, dass die be­ste­hen­den 15.000 Plät­ze in den Not­un­ter­künf­ten des Lan­des be­heiz­bar sind. Dar­über hin­aus könn­ten bei Be­darf kurz­fris­tig noch 2000 wei­te­re Plät­ze win­ter­fest ge­macht wer­den. Die Lan­des­re­gie­rung legt Wert dar­auf, dass es sich bei die­sen Un­ter­künf­ten nicht – wie oft be­haup­tet – um rei­ne Zel­te, son­dern um Leicht­bau­hal­len mit sechs Zen­ti­me­ter di­cken, gut iso­lier­ten Wän­den hand­le. Die Fuß­bö­den der von Stahl­trä­gern ge­stütz­ten Ge­bäu­de sind un­ter­lüf­tet; von un­ten kann kei­ne Käl­te in die Un­ter­künf­te ge­lan­gen. Die In­nen­räu­me wer­den be­heizt, die Dä­cher sind so kon­stru­iert, dass Schnee schnell schmilzt und nicht lie­gen blei­ben kann. Der Grund, dass NRW so vie­le win­ter­fes­te Plät­ze be­reit hal­ten kön­ne, lie­ge dar­in, dass Jä­ger den Bau der Zelt­städ­te im Som­mer zur Chef­sa­che er­klärt und drauf be­stan­den ha­be, dass al­le zu er­rich- ten­den Ge­bäu­de win­ter­fest sind, sagt die Spre­che­rin. Das be­stä­tigt der Flücht­lings­rat NRW. „Wir sind zu­frie­den mit den Ein­rich­tun­gen, die zwar nicht toll sind, aber man muss in ih­nen of­fen­bar auch nicht frie­ren“, sagt ei­ne Spre­che­rin. Das kön­ne sie auch für die vie­len Flücht­lings­un­ter­künf­te in den 396 NRWKom­mu­nen sa­gen. „Das ein­zi­ge, was der­zeit vie­ler­orts fehlt, sind war­me De­cken“, sagt sie. Des­halb soll­ten sich Bür­ger, die Wint­er­de- cken ab­zu­ge­ben ha­ben, bei den Un­ter­künf­ten in ih­ren Städ­ten mel­den.

Den­noch gibt es auch Kri­tik an den Un­ter­künf­ten. „Flücht­lin­ge ha­ben An­spruch auf ei­ne men­schen­wür­di­ge Un­ter­brin­gung. Ein Win­ter in Zel­ten ist nicht men­schen­wür­dig. Da muss die Lan­des­re­gie­rung han­deln“, sag­te CDU-Po­li­ti­ker Klaus Kai­ser un­se­rer Re­dak­ti­on. Der Vor­sit­zen­de der CDU-Nie­der­rhein, Gün­ter Krings, sag­te, an­ge­sichts des im­men­sen Zus­troms von Flücht­lin- gen „dür­fen wir schon zu­frie­den sein, wenn es ge­lingt, je­dem ei­nen tro­cke­nen war­men Auf­ent­halts­und Schlaf­platz zu bie­ten. Das kön­nen dann im üb­ri­gen Un­ter­künf­te von sehr un­ter­schied­li­cher Qua­li­tät sein“. Par­tei­kol­le­ge Karl-Jo­sef Lau­mann er­klär­te, dass ei­ni­ge Kom­mu­nen be­reits an die Gren­ze der Be­last­bar­keit ge­ra­ten sei­en. Von ei­ner Ober­gren­ze hal­te er nichts: „Ich ha­be noch kei­ne Zahl ge­hört, die auf ver­nünf­ti­gen sta­tis­ti­schen oder wis­sen­schaft­li­chen Fak­ten ba­siert.“

Die zur Ver­fü­gung ste­hen­den Plät­ze wer­den wohl nicht aus­rei­chen. Die Be­zirks­re­gie­rung Köln will des­halb Hun­der­te Flücht­lin­ge in un­mit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft zum frü­he­ren Are­al der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen „Or­dens­burg“Vo­gel­sang in der Ei­fel un­ter­brin­gen. In Ge­bäu­den, die das bel­gi­sche Mi­li­tär in der Nach­kriegs­zeit ge­nutzt hat­te, könn­ten nach An­ga­ben der Be­zirks­re­gie­rung bis zu 900 Men­schen un­ter­ge­bracht wer­den. Die Be­le­gung der ers­ten Häu­ser sei ei­ne Fra­ge von we­ni­gen Mo­na­ten, sag­te ei­ne Spre­che­rin der Be­hör­de. Die Be­woh­ner könn­ten sich dann je nach Fä­hig­keit an der Her­rich­tung wei­te­rer Häu­ser be­tei­li­gen. Burg Vo­gel­sang in der Ei­fel war als Schu­lungs­zen­trum für „NS-Jun­ker“ge­baut wor­den. Das Are­al wur­de nach dem Krieg bis 2005 als Na­to-Trup­pen­übungs­platz un­ter bel­gi­scher Ho­heit ge­nutzt. Mit mil­lio­nen­schwe­ren In­ves­ti­tio­nen soll sich Vo­gel­sang zum tou­ris­ti­schen Bil­dungs­ort wan­deln. Doch seit Jah­ren ge­rät das Pro­jekt we­gen der Kos­ten im­mer wie­der ins Sto­cken. Und nun wer­den wohl erst ein­mal Flücht­lin­ge dort hin­zie­hen.

„Ein Win­ter in Zel­ten ist nicht men­schen­wür­dig. Da muss die Lan­des

re­gie­rung han­deln“

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