„Be­gren­zung der Zu­wan­de­rung not­wen­dig“

Rheinische Post Goch - - POLITIK - GREGOR MAYNTZ UND EVA QUAD­BECK FÜHR­TEN DAS IN­TER­VIEW.

Der Bun­des­tags­prä­si­dent über den Streit in der Uni­on um die Flücht­lings­fra­ge und ei­ne neue Leit­kul­tur-De­bat­te in Deutsch­land.

BERLIN Wir tref­fen Bun­des­tags­prä­si­dent Nor­bert Lam­mert in ei­nem groß­zü­gi­gen Emp­fangs­raum ne­ben sei­nem Bü­ro im Bun­des­tag. Auch mit dem zwei­ten Mann im Staat gibt es kaum ein an­de­res Ge­sprächs­the­ma als die Flücht­lings­kri­se. Wel­chen An­satz hal­ten Sie in der Flücht­lings­po­li­tik für rich­tig, den von CSU-Chef See­ho­fer oder den von Kanz­le­rin Mer­kel? LAM­MERT Ich fin­de es eben­so un­nö­tig wie är­ger­lich, dass dies über­haupt als Al­ter­na­ti­ve vor­ge­tra­gen wird. Tat­säch­lich sind sich al­le Ver­ant­wort­li­chen dar­über im Kla­ren, dass wir die Will­kom­mens­kul­tur für Flücht­lin­ge mit ei­ner Steue­rung des Zus­troms ver­bin­den müs­sen. Aber der Kon­flikt zwi­schen See­ho­fer und Mer­kel war ja of­fen­sicht­lich in den ver­gan­ge­nen Ta­gen . . . LAM­MERT In Volks­par­tei­en schla­gen sich na­tür­lich die Aus­ein­an­der­set­zun­gen nie­der, die es in der Öf­fent­lich­keit zu die­sem The­ma zwei­fel­los gibt. Dass es ne­ben der Be­reit­schaft zur per­sön­li­chen en­ga­gier­ten Hil­fe auch Sor­gen gibt, un­ter wel­chen Be­din­gun­gen wir wie vie­le Flücht­lin­ge auf­neh­men kön­nen, ist nicht zu be­an­stan­den. Wie viel Rück­halt hat die Kanz­le­rin noch in ih­rer ei­ge­nen Par­tei? LAM­MERT Selbst die­je­ni­gen, die ih­re Sor­gen in der Flücht­lings­fra­ge stär­ker be­to­nen, las­sen an ih­rer Loya­li­tät zur Kanz­le­rin kei­nen Zwei­fel. Üb­ri­gens an­ge­führt von Horst See­ho­fer, der im­mer wie­der be­tont, dass er Mer­kel für die un­be­strit­te­ne ge­mein­sa­me Kanz­ler­kan­di­da­tin für 2017 hält. Der Streit zwi­schen CDU und CSU hat aber ei­ne neue Qua­li­tät. Oder woll­te auch mal Strauß ge­gen Kohl vor das Ver­fas­sungs­ge­richt zie­hen? LAM­MERT Ich bin Ih­nen für die Nach­fra­ge durch­aus dank­bar: Wäh- rend Franz Jo­sef Strauß die Eig­nung von Hel­mut Kohl als Kanz­ler öf­fent­lich be­strit­ten hat, be­stä­tigt Horst See­ho­fer aus­drück­lich die Rol­le der Kanz­le­rin. Agiert die Kanz­le­rin in der Flücht­lings­kri­se ra­tio­nal? LAM­MERT Selbst­ver­ständ­lich. Es geht bei die­ser Fra­ge im Kern um ih­re Ent­schei­dung von An­fang Sep­tem­ber, die in Un­garn fest­sit­zen­den Flücht­lin­ge nach Deutsch­land ein­rei­sen zu las­sen. Das war ei­ne si­tua­ti­ons­be­dingt kurz­fris­ti­ge, aber nicht spon­ta­ne, son­dern durch­dach­te Ent­schei­dung. Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass ein an­de­rer Spit­zen­po­li­ti­ker in Deutsch­land als Kanz­ler die­se Fra­ge da­mals an­ders ent­schie­den hät­te. Das Grund­ge­setz kennt kei­ne Ober­gren­ze für Asyl­be­geh­ren­de. Soll­te der Haus­halts­ge­setz­ge­ber, der die Ver­sor- gung der Flücht­lin­ge fi­nan­zie­ren muss, ei­ne sol­che Ober­gren­ze ein­for­dern? LAM­MERT Die Ver­fas­sungs­la­ge ist klar. Aber von nie­man­dem, we­der von ei­ner Per­son noch von ei­ner Ge­sell­schaft noch von ei­nem Staat, kann mehr er­war­tet wer­den, als er fak­tisch leis­ten kann. Dar­auf hat der Bun­des­prä­si­dent zu Recht und un­miss­ver­ständ­lich hin­ge­wie­sen. Un­se­re Auf­ga­be be­steht dar­in, den Zu­sam­men­hang zwi­schen Asyl­recht und fak­ti­schen Gren­zen der Be­last­bar­keit zu be­wah­ren. Es ist ei­ne un­miss­ver­ständ­li­che Selbst­ver­pflich­tung un­se­rer Ver­fas­sung, die auf ei­ne ein­schlä­gi­ge Er­fah­rung un­se­rer Ge­schich­te zu­rück­geht, po­li­tisch Ver­folg­ten Asyl zu ge­wäh­ren. Wir kön­nen aber die­se Selbst­ver­pflich­tung nur ein­lö­sen, wenn wir ge­nau­so un­miss­ver­ständ­lich klar ma­chen, dass nicht al­le die­je­ni­gen, die lie­ber in Deutsch­land als in ih­rem Her- kunfts­land ih­re Zu­kunft be­grün­den wol­len, nach Deutsch­land kom­men und hier blei­ben kön­nen. Die Be­gren­zung der Zu­wan­de­rung ist viel­mehr ei­ne not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung für das Ein­lö­sen des Asyl­rechts. Be­nö­ti­gen wir ein Ein­wan­de­rungs­ge­setz? LAM­MERT Wir soll­ten die De­bat­te um die Flücht­lin­ge und um ein Ein­wan­de­rungs­ge­setz nicht par­al­lel füh­ren. Es geht bei ei­nem Ein­wan­de­rungs­ge­setz ganz si­cher nicht um wei­te­re Zu­wan­de­rung, viel­mehr um ei­ne Bün­de­lung und Zu­sam­men­fas­sung be­ste­hen­der recht­li­cher Re­ge­lun­gen. Es könn­te hilf­reich sein, die­se Re­ge­lun­gen in ei­nem ei­ge­nen Ge­setz nach­voll­zieh­bar dar­zu­stel­len und dar­aus auch ei­ne Phi­lo­so­phie er­ken­nen zu kön­nen, wie sich die­ser Staat ge­gen­über Zu­wan­de­rung ver­hält. Wie se­hen Sie neue ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen zur In­te­gra­ti­on? LAM­MERT Über die Gestal­tung ei­nes In­te­gra­ti­ons­ge­set­zes kön­nen wir nicht die Ori­en­tie­rung her­bei­füh­ren, die wir drin­gend brau­chen. Grund­sätz­lich gilt, dass die In­te­gra­ti­on nicht nur ei­ne gro­ße Auf­ga­be für Staat und Ge­sell­schaft ist, son­dern sie wird auch den Flücht­lin­gen ei­ni­ges ab­ver­lan­gen. Wir müs­sen im­mer wie­der deut­lich ma­chen, dass, wer nach Deutsch­land kommt, nicht in die Bun­des­li­ga ein­wan­dert, son­dern ins Grund­ge­setz und sei­ne Re­geln für das Zu­sam­men­le­ben in die­ser Ge­sell­schaft. Das gilt aus­nahms­los. Wir sind auch kein Aus­tra­gungs­ort für al­ter­na­ti­ve Ge­sell­schafts­mo­del­le. Was ver­lan­gen Sie den Flücht­lin­gen ab? LAM­MERT Ein Bei­spiel: Die für uns selbst­ver­ständ­li­che Gleich­be­rech­ti- Brau­chen wir da­zu ei­ne neue Leit­kul­tur-De­bat­te? LAM­MERT Ich ver­fol­ge das Wie­der­auf­le­ben die­ser De­bat­te mit ei­ner Mi­schung aus Amü­se­ment und Ge­nug­tu­ung. Ich ha­be schon vor zehn Jah­ren ge­sagt, dass die­se De­bat­te of­fen­kun­dig leich­ter zu ver­wei­gern als zu füh­ren ist, und ha­be je­nen, die die De­bat­te da­mals mit mis­sio­na­ri­schem Ei­fer ver­wei­gert ha­ben, vor­aus­ge­sagt, dass sie die­se Ver­wei­ge­rung ein­ho­len wür­de. Wir brau­chen – mit oder oh­ne die­sen Be­griff – ei­ne Leit­kul­tur, weil ei­ne Ge­sell­schaft Viel­falt nur er­trägt, wenn es ein Maß an Ge­mein­sam­keit gibt, das nicht zur Dis­po­si­ti­on steht. Das wird in die­sen Wo­chen auch im­mer mehr Leu­ten of­fen­kun­dig, die dies jah­re­lang be­strit­ten ha­ben.

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