Was wir so tun, soll­te nicht Maß al­ler Din­ge sein

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Die Men­schen­wür­de ist un­an­tast­bar. Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel hat das kürz­lich bei ih­rem Be­such an der CDU-Par­tei­ba­sis ei­nen Grund­satz ge­nannt, von dem wir „nicht nur sonn­tags“re­den dürf­ten. Sonn­tags – das ist der Tag des Kirch­gangs, wenn das in­zwi­schen auch schon alt­mo­disch klingt. Der Tag al­so, an dem frü­her für die meis­ten die Ar­beit ruh­te, Men­schen aus ih­rem pri­va­ten Da­sein tra­ten, sich als Ge­mein­de ver­sam­mel­ten und in die­sem öf­fent­li­chen Raum dar­über nach­dach­ten, wie ein gu­tes Le­ben zu füh­ren sei.

Doch der Ruf von Sonn­tags­re­den ist schlecht. Es haf­tet schon dem Wort et­was von Welt­fremd­heit an, von heh­ren An­sprü­chen, die den All­tags­test nicht be­ste­hen. Wenn die Kanz­le­rin al­so da­vor warnt, Ar­ti­kel 1 un­se­res Grund­ge­set­zes als Sonn­tags­wort zu be­han­deln, warnt sie vor ei­ner Hal­tung, nach der es okay wä­re, sonn­tags die Men­schen­wür­de

Ge­wis­se Prin­zi­pi­en für un­an­fecht­bar zu hal­ten, passt nicht mehr in ei­ne Kul­tur, die ge­wohnt ist, al­les zur Dis­kus­si­on zu stel­len. Vor al­lem das Un­be­que­me.

theo­re­tisch für un­an­tast­bar zu er­klä­ren, ab Mon­tag aber die Flücht­lin­ge lie­ber wo­an­ders­hin zu wün­schen – al­so die ei­ge­ne Wür­de für ein biss­chen un­an­tast­ba­rer zu hal­ten als die der Neu­an­kömm­lin­ge.

Mit ih­rer Sonn­tags-War­nung hat Kanz­le­rin Mer­kel et­was Grund­sätz­li­ches be­rührt: dass es näm­lich ei­nen Un­ter­schied gibt zwi­schen Ethik und Moral, zwi­schen theo­re­ti­schen Grund­sät­zen und dem täg­li­chen Han­deln. Man­che Men­schen wür­den lie­ber nur noch von der Moral aus­ge­hen, al­so ihr Han­deln zum Maß al­ler Din­ge ma­chen. Es lebt sich eben leich­ter, wenn man die Maß­stä­be für Gut und Schlecht, Falsch und Rich­tig je nach La­ge und per­sön­li­cher Be­find­lich­keit ein we­nig ver­rü­cken kann.

Der mo­der­ne Mensch hat ja oh­ne­hin ein Pro­blem mit ab­so­lu­ten Wahr­hei­ten. Die meis­ten ha­ben sich his­to­risch er­le­digt, dar­um ist er skep­tisch ge­wor­den. Zu Recht. Doch um den Preis, dass in­zwi­schen auch Grund­sät­ze, die ei­gent­lich un­an­tast­bar sein soll­ten, nicht mehr zwangs­läu­fig als bin­dend an­ge­se­hen wer­den.

Wie schnell die Pra­xis Wer­te­maß­stä­be ver­schie­ben kann, zeigt zum Bei­spiel die Fort­pflan­zungs­tech­no­lo­gie, in der die Ta­bus von frü­her heu­te prak­ti­ziert wer­den. Weil es geht, weil es ei­nen Be­darf gibt, weil da­mit Geld zu ver­die­nen ist. Fun­da­men­ta­le Grund­sät­ze un­se­res Mit­ein­an­ders, und da­zu dürf­te der Schutz der Men­schen­wür­de wohl zäh­len, müs­sen aber stär­ker sein als die Ge­wohn­hei­ten und flüch­ti­gen Über­zeu­gun­gen je­des Ein­zel­nen. Sonst geht die­sem Mit­ein­an­der die Ba­sis ver­lo­ren. Ei­gent­lich be­schä­mend, wenn dar­an er­in­nert wer­den muss. Egal an wel­chem Wo­chen­tag.

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