Die Tür­kei hat ei­ne lan­ge Wun­sch­lis­te für die EU

Rheinische Post Goch - - POLITIK -

AN­KA­RA/BRÜSSEL (hüw/zie) Die Tür­kei ist in Brüssel plötz­lich wie­der in al­ler Mun­de. Die EU will mehr Un­ter­stüt­zung vom wich­tigs­ten Tran­sit­land, um der Flücht­lings­kri­se Herr zu wer­den. Zum ei­nen soll die Re­gie­rung die Küs­ten­wa­che und de­ren Ko­ope­ra­ti­on mit den grie­chi­schen Kol­le­gen ver­stär­ken – ana­log könn­te an den grü­nen Gren­zen zu Bul­ga­ri­en und Grie­chen­land ver­fah­ren wer­den. Und zwei­tens be­steht die Er­war­tung, dass die Tür­ken mit fi­nan­zi­el­ler Hil­fe der EU sechs Flücht­lings­la­ger bau­en für wei­te­re zwei Mil­lio­nen Men­schen aus Sy­ri­en. Im Ge­spräch ist, dass et­wa ein Vier­tel da­von – oh­ne die ge­fähr­li­che Boots­über­fahrt – di­rekt in die EU um­ge­sie­delt wer­den könn­ten. Das je­doch ist An­ka­ra an Ent­ge­gen­kom­men längst nicht ge­nug. Auf dem Tisch liegt ein gan­zer Ka­ta­log mit teils hoch­sen­si­blen For­de­run­gen, mit de­nen sich die Staats- und Re­gie­rungs­chefs beim EU-Gip­fel heu­te Abend be­fas­sen wol­len.

„Ein Ab­kom­men mit der Tür­kei ist sinn­voll, wenn es die Zahl der an­kom­men­den Flücht­lin­ge ef­fek­tiv re­du­ziert“, hat EU-Rats­chef Do­nald Tusk an An­ge­la Mer­kel und ih­re Amts­kol­le­gen ge­schrie­ben: „Zu­ge­ständ­nis­se sind nur ge­recht­fer­tigt, wenn die­ses Ziel er­reicht wird.“Doch wie weit sol­len die­se Zu­ge­ständ­nis­se ge­hen? Der Chef der NRW-CDU, Ar­min La­schet, be­tont wei­ter sei­ne Ab­leh­nung ei­nes tür­ki­schen EU-Bei­tritts, sagt aber auch, es sei jetzt wich­tig, „mit der Tür­kei über ei­ne Si­che­rung der Au­ßen­gren­ze der EU zu spre­chen, um die Zahl der Flücht­lin­ge zu re­du­zie­ren“.

Der An­sturm von Men­schen nach Eu­ro­pa zwingt die Mit­glied­staa­ten in Zei­t­raf­fer, ih­re Po­si­tio­nen zu über­den­ken. Al­len vor­an Deutsch­land. So war noch vor Kur­zem ein kla­res Nein zu ver­neh­men, als die Brüs­se­ler Kom­mis­si­on vor­schlug, die Tür­kei auf ei­ne neue EU-Lis­te si­che­rer Her­kunfts­staa­ten für Flücht­lin­ge zu set­zen. Die Asyl-An­er­ken­nungs­quo­ten sei­en viel hö­her als im Ver­gleich zu den Bal­kan­län­dern, hieß es un­ter Ver­weis auf die in­zwi­schen ob­so­le­te Waf­fen­ru­he in den Kur­den­ge­bie­ten oder die Ein­schüch­te­rung Op­po­si­tio­nel­ler.

Ges­tern nun war in deut­schen Re­gie­rungs­krei­sen zu hö­ren, An­ka­ra auf die Lis­te zu set­zen, ha­be im Ge­samt­zu­sam­men­hang Sinn – ei­ne Kehrt­wen­de. „Wenn auch Deutsch­land das Prin­zip ak­zep­tiert, dass ein EU-Bei­tritts­kan­di­dat si­cher ist“, sag­te ein Re­gie­rungs­ver­tre­ter Bel- gi­ens, „wer­den auch an­de­re skep­ti­sche Län­der der Tür­kei die­sen Sta­tus zu­spre­chen“. Er­füllt wer­den könn­te nun auch die lang­jäh­ri­ge For­de­rung tür­ki­scher Ge­schäfts­leu­te, sie von der Vi­sums­pflicht aus­zu­neh­men. Zwar gibt ein EU-Di­plo­mat zu be­den­ken, dass „es noch kei­nen De­al gibt“. Doch fin­det sich im Ent­wurf der Gip­fel­er­klä­rung, die un­se­rer Re­dak­ti­on vor­liegt, be­reits ei­ne ent­spre­chen­de For­mu­lie­rung. So­gar die For­de­rung des tür­ki­schen Prä­si­den­ten, Re­cep Tay­yip Er­do­gan, die EU-Bei­tritts­ge­sprä­che neu zu be­le­ben, et­wa über die Er­öff­nung neu­er Ver­hand­lungs­ka­pi­tel, scheint nun auf deut­lich mehr Ge­hör zu sto­ßen. Er­do­gan hat un­ter­des­sen erst­mals mög­li­che Feh­ler der Po­li­ti­ker und Be­hör­den im Zu­sam­men­hang mit dem Selbst­mord­at­ten­tat ein­ge­räumt, bei dem am ver­gan­ge­nen Sams­tag bei ei­ner Frie­dens­de­mons­tra­ti­on in An­ka­ra mehr als 100 Men­schen ge­tö­tet wur­den. Die bei­den mut­maß­li­chen At­ten­tä­ter sol­len Ver­bin­dun­gen zur Ter­ror­mi­liz IS ge­habt ha­ben. „Es hat wohl be­stimmt ir­gend­wo ei­nen Feh­ler, ein Ver­säum­nis ge­ge­ben“, sag­te Er­do­gan. Der Po­li­zei­chef von An­ka­ra so­wie die Lei­ter der Ge­heim­dienst­ab­tei­lung wur­den ges­tern sus­pen­diert.

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