Der Fit­ness-Gu­ru vom Nie­der­rhein

Rheinische Post Goch - - PANORAMA - VON CA­RO­LIN SKIBA

Die Pi­la­tes-Me­tho­de kennt fast je­der, den Mann, der sie ent­wi­ckelt hat, kaum ei­ner. Da­bei stammt Jo­seph Pi­la­tes vom Nie­der­rhein: In Mön­chen­glad­bach ver­leb­te er sei­ne Kind­heit. Ei­ne Bio­gra­fie wür­digt den Sport­ler.

MÖN­CHEN­GLAD­BACH An­span­nung, Ent­span­nung und be­wuss­te At­mung – im Kern sind es die­se drei Din­ge, die die Pi­la­tes-Me­tho­de aus­ma­chen. Spä­tes­tens seit­dem En­de der 90er Jah­re Stars wie Ma­don­na oder Oprah Win­frey die­se Form des Trai­nings für sich ent­deckt ha­ben, gibt es wohl kaum je­man­den, der nichts mit dem Be­griff Pi­la­tes an­fan­gen kann. Gleich­zei­tig wis­sen aber nur die we­nigs­ten et­was über den Ent­wick­ler Jo­seph Pi­la­tes.

Eva Rincke

So ging es auch Eva Rincke. Bei dem Ver­such, mehr über ihn her­aus­zu­fin­den, stell­te die Stutt­gar­ter Au­to­rin fest, dass es bis­lang noch kei­ne Bio­gra­fie gab. „Mich hat ein­fach die­ser Mensch fas­zi­niert, der zu 100 Pro­zent auf den Kör­per kon­zen­triert war“, sagt sie. Kur­zer­hand be­schloss sie, selbst ei­ne Bio­gra­fie zu schrei­ben und be­gab sich auf Spu­ren­su­che an den Nie­der­rhein. Ge­bo­ren wur­de Pi­la­tes 1883 in Mön­chen­glad­bach. Rincke fand her­aus, dass sich der Stamm­baum der Fa­mi­lie Pi­la­tes über meh­re­re Jahr­hun­der­te im Glad­ba­cher Raum zu­rück­ver­fol­gen lässt.

In sei­ner Kind­heit war zwar noch nicht dar­an zu den­ken, dass die spä­ter von ihm ent­wi­ckel­ten Übun­gen ein­mal in fast je­dem Fit­ness­stu­dio an­ge­bo­ten wer­den wür­den, die Grund­la­gen al­ler­dings wur­den schon da­mals ge­legt. „Er hat früh an­ge­fan­gen, Ide­en für ei­ge­ne Übun­gen zu ent­wi­ckeln“, sagt Rincke. Jo- sephs Va­ter Fried­rich, der als be­geis­ter­ter Tur­ner Mit­glied im Glad­ba­cher Turn­ver­ein „Ein­tracht“war, nahm sei­nen Sohn schon in jun­gen Jah­ren mit dort­hin. Übun­gen be­wusst aus­zu­füh­ren, ha­be Pi­la­tes schon als Jun­ge ge­lernt, steht in sei­ner Bio­gra­fie ge­schrie­ben: „Jo­seph hielt sich genau an die Vor­ga­ben sei­nes Va­ters, auch wenn ihm man­che Be­we­gun­gen selt­sam er­schie­nen: zu steif, zu un­na­tür­lich.“Da er es nicht wag­te, zu wi­der­spre­chen, über­leg­te er sich ei­ge­ne Va­ri­an­ten. Zu­dem war er ein gu­ter Be­ob­ach­ter, schau­te sich die Be­we­gun­gen sei­ner Mit- schü­ler und auch die von Tie­ren ganz genau an und ließ sie spä­ter in sei­ne Übun­gen mit ein­flie­ßen.

Rich­tig um­set­zen konn­te Pi­la­tes sei­ne Ide­en erst­mals 1914, nach­dem er nach En­g­land aus­ge­wan­dert war und dort wäh­rend des Ers­ten Welt­krie­ges als „feind­li­cher Aus­län­der“ins größ­te In­ter­nie­rungs­la­ger auf die Is­le of Men kam. „Aus­ge­rech­net dort hat­te er das ers­te Mal Zeit, sei­ne Vor­stel­lun­gen um­zu­set­zen“, sagt Rincke. Nach­dem er frei kam, ver­schlug es Pi­la­tes 1923 nach Ham­burg, wo er die Ham­bur­ger Ord­nungs­po­li­zei trai­niert ha­ben soll. Auch Gel­sen­kir­chen war ei­ne Sta­ti­on in sei­nem Le­ben, wo er laut Bio­gra­fie Pro­fi-Bo­xer war.

Pi­la­tes such­te im­mer nach ei­ner Me­tho­de, die tief lie­gen­den Mus­keln zu trai­nie­ren und den Kör­per zu sta­bi­li­sie­ren, um Krank­hei­ten wie Rü­cken- oder Ge­lenk­schmer­zen zu hei­len oder vor­zu­beu­gen. In sei­ne Übun­gen flos­sen ne­ben den ei­ge­nen Er­fah­run­gen auch an­de­re da­ma­li­ge Fit­ness-Trends wie Yo­ga mit ein. „Er hat sich vie­ler be­kann­ter Me­tho­den im Be­reich des Kör­per­trai­nings be­dient und sie ver­eint“, sagt Rincke.

Im Jahr 1926 wan­der­te Pi­la­tes nach Ame­ri­ka aus, in der Hoff­nung, sei­ne Me­tho­de be­kann­ter ma­chen zu kön­nen. Das ge­lang ihm – nicht zu­letzt durch die La­ge sei­nes Stu­di­os, das sich in Broad­way-Nä­he an der 8th Ave­nue be­fand. Vie­le Tän­ze­rin­nen fan­den den Weg zu ihm, um Ver­let­zun­gen be­han­deln zu las­sen. Die ef­fi­zi­en­ten Pi­la­tes-Übun­gen brach­ten die Künst­ler schnell wie­der auf die Büh­ne. Tes­sa Tam­me vom In­sti­tut für Tanz und Be­we­gungs­kul­tur in Köln, sagt: „Pi­la­tesÜbun­gen sind be­son­ders auf die Be­we­gungs­qua­li­tät, nicht auf die Quan­ti­tät fo­kus­siert. Der ge­sund­heit­li­che Aspekt ist viel hö­her als bei an­de­ren Fit­ness­ar­ten.“

So er­lang­te das Stu­dio schnell ei­ne wich­ti­ge Po­si­ti­on in New York. Sein gro­ßes Ziel, die Übun­gen be­rühmt zu ma­chen, er­reich­te er zu Leb­zei­ten al­ler­dings nicht mehr. Als Pi­la­tes am 9. Ok­to­ber 1967 in New York starb, hat­te er aber be­reits so vie­le Men­schen mit sei­ner Be­geis­te­rung für die Me­tho­de an­ge­steckt, dass sie sich auch nach sei­nem Ab­le­ben wei­ter ver­brei­te­te. „Das liegt si­cher an der Ef­fek­ti­vi­tät die­ser Übun­gen“, sagt Rincke, die selbst Kraft dar­aus schöpft. So wie mitt­ler­wei­le Mil­lio­nen Men­schen welt­weit.

„Mich fas­zi­niert die­ser

Mensch, der zu 100 Pro­zent auf den Kör­per fo­kus­siert war“

Au­to­rin

FO­TO: GET­TY

Jo­seph Pi­la­tes in sei­nem Stu­dio in New York. Vor al­lem Tän­ze­rin­nen nah­men an­fangs sei­ne Hil­fe in An­spruch, da Pi­la­tes’ Kon­zept auf die Stär­kung des Kör­pers zielt und die Tie­fen­mus­ku­la­tur trai­niert.

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