Töd­li­ches Di­lem­ma

Rheinische Post Goch - - KULTUR - VON HEL­MUT MI­CHE­LIS

Die Schuld ei­nes Kampf­pi­lo­ten wird in Fer­di­nand von Schi­rachs Dra­ma „Ter­ror“be­han­delt. Vie­le Büh­nen spie­len das Stück der­zeit. Ber­li­ner Thea­ter­leu­te be­such­ten da­für jetzt die Leit­stel­le in Uedem. Düsseldorf geht an­de­re We­ge.

UEDEM Muss ein Darstel­ler, der den Pi­lo­ten ei­nes Kampf­jets spielt, ein­mal im Cock­pit ei­nes „Euro­figh­ters“ge­ses­sen ha­ben? Muss die Rol­le der Staats­an­wäl­tin mit je­man­dem be­setzt sein, der selbst schon im Ge­richts­saal ge­we­sen ist? Un­ter­schied­li­che We­ge ge­hen das Deut­sche Thea­ter Berlin und das Düs­sel­dor­fer Schau­spiel­haus, wenn es um die Um­set­zung des ak­tu­el­len Dra­mas „Ter­ror“geht, des ers­ten Thea­ter­stücks des Straf­ver­tei­di­gers und Au­tors Fer­di­nand von Schi­rach.

„Wir woll­ten sehr genau sein“, meint Dra­ma­turg Ul­rich Beck aus Berlin. Er durf­te des­halb mit Klaus Steppat, dem ge­schäfts­füh­ren­den

Bis zu 1800 Ma­schi­nen von der Cess­na bis zum

Jum­bo-Jet flie­gen gleich­zei­tig durch den deut­schen Luf­t­raum

Di­rek­tor der Ber­li­ner Büh­ne, so­gar auf Ein­la­dung der Luft­waf­fe das Na­tio­na­le La­ge- und Füh­rungs­zen­trum Si­cher­heit im Luf­t­raum (NLFZ SiLuRa) in Uedem am Nie­der­rhein be­su­chen. Hier ist der Zu­tritt nor­ma­ler­wei­se streng ver­bo­ten. Die NLFZMit­ar­bei­ter ha­ben in der An­la­ge auf dem Pauls­berg den kom­plet­ten Über­blick über den deut­schen und den eu­ro­päi­schen Luf­t­raum – dank ei­nes Net­zes von 45 Ra­dar­an­la­gen der Flug­si­che­rung und der Bun­des­wehr so­wie der Da­ten von AwacsF­rüh­warn­jets. Es ist der Haupt­auf­trag des NLFZ, ter­ro­ris­ti­sche Be­dro­hun­gen durch ent­führ­te Flug­zeu­ge auf­zu­klä­ren und ab­zu­weh­ren.

Selbst auf den Bild­schir­men im La­ge­zen­trum ist das Ge­wu­sel wei­ßer Krei­se über den Um­ris­sen Deutsch­lands ein­drucks­voll: 1600 bis 1800 Ma­schi­nen von der klei­nen Cess­na bis zum Jum­bo-Jet flie­gen dort gleich­zei­tig; mehr als 10.000 Flug­be­we­gun­gen sind es pro Tag. „Es han­delt sich um den am dich­tes­ten be­flo­ge­nen Luf­t­raum auf der Welt“, er­läu­tert Ge­ne­ral­ma­jor Bern­hard Schul­te Ber­ge den Thea­ter­leu­ten.

Ein ro­tes Drei­eck ist nicht zu se­hen – es wä­re je­ner ge­fürch­te­te Alarm­fall „Re­ne­ga­de“(Ab­trün­ni­ger): Ter­ro­ris­ten ha­ben sich ei­nes Flug­zeugs be­mäch­tigt. Der Schuld­fra­ge, um die sich von Schi­rachs Stück dreht, ist zum Glück bis heu­te Fik­ti­on: Der Kampf­pi­lot Lars Koch, der sich ent­schied, ei­nen von Ter­ro­ris­ten ent­führ­ten „Luft­han­sa“-Jet ab­zu­schie­ßen, um ei­nen ge­ziel­ten Ab­sturz auf das mit 70.000 Men­schen ge­füll­te Münch­ner Olym­pia-Sta­di­on zu ver­hin­dern, ist nur vor Thea­ter­be­su­chern des 164-fa­chen Mor­des an­ge­klagt – weil er ein schreck­li­ches Ver­bre­chen be­ging, um ein noch viel­fach ent­setz­li­che­res zu ver­hin­dern.

In dem ab­ge­dun­kel­ten Raum zei­gen der Ge­ne­ral und sei­ne Sol­da­ten mit­hil­fe ei­ner Com­pu­ter­si­mu­la­ti­on, wie die Re­ak­tio­nen in ei­nem sol­chen Fall tat­säch­lich ab­lie­fen: Die Na­toLuft­ver­tei­di­gung ent­deckt ein klei­nes Ver­kehrs­flug­zeug, das von sei­nem Weg von En­g­land nach Stock­holm in Rich­tung der Bal­lungs­zen­tren Ham­burg und Bre­men ab­weicht, auf­fäl­lig an Hö­he ver­liert und nicht mehr auf Funk re­agiert. Auf dem Bild­schirm scheint die­ses ver­däch­ti­ge Flug­zeug über die Kar­te Nord­deutsch­lands zu krie­chen, doch in Wirk­lich­keit gin­ge es um Mi­nu­ten, am En­de so­gar um Se­kun­den: Die Leit­stel­le in Uedem in­for­miert so­fort den In­spek­teur der Luft­waf­fe, der die Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin, die das Ka­bi­nett – „ein ein­ge­spiel­tes Ver­fah­ren“, be­to­nen die Sol­da­ten. Ver­schlüs­selt er­hält die po­li­ti­sche Füh­rung in­ner­halb we­ni­ger Mi­nu­ten aus Uedem ein kom­plet­tes La­ge­bild als Ent­schei­dungs­grund­la­ge, zu­gleich wer­den Jä­ger ge­star­tet. Zwei „Euro­figh­ter“ver­su­chen, Sicht­kon­takt zu den Pi­lo­ten auf­zu­neh­men und sol­len die Ma­schi­ne ge­ge­be­nen­falls ab­drän­gen oder zur Lan­dung zwin­gen.

Doch wenn das schei­tert? „Ter­ror“be­schreibt ei­ne ju­ris­ti­sche Lü­cke: Deut­sche Ge­set­ze ver­bie­ten ei­nen Ab­schuss. Wür­de die Bun­des­kanz­le­rin oder ihr Ver­tre­ter ihn im Rah­men des Staats­not­stands trotz­dem an­ord­nen? Oder wä­re der Kampf­flie­ger in sei­nem Cock­pit am En­de so al­lein wie Lars Koch? „Es ist als Bür­ger be­ru­hi­gend zu se­hen, dass da ei­ne ge­üb­te Ma­schi­ne­rie ab­läuft“, meint Klaus Steppat. „Ich ha­be hier Men­schen mit ho­her Ver­ant­wor­tung ge­trof­fen, die sehr klug und über­legt han­deln.“Es sei Wahn­sinn, in welch ex­trem kur­zer Zeit ei­ne sol­che schwer­wie­gen­de Ent­schei­dung zu tref­fen wä­re, er­gänzt Ul­rich Beck. Um nah an die­ser Rea­li­tät zu sein, ha­be der Ber­li­ner Lars-Koch-Darstel­ler Timo Weis­schnur so­gar im „Euro­fig­her“-Si­mu­la­tor in Ros­to­ckLaa­ge trai­nie­ren dür­fen.

„Es gibt ge­nü­gend Do­ku­men­ta­ti­ons­ma­te­ri­al, mit dem man sich gut vor­be­rei­ten kann – und wir ver­trau­en na­tür­lich auf die Ima­gi­na­ti­ons­fä­hig­keit der Schau­spie­ler“, wi­der­spricht Dirk Diek­mann, der stell­ver­tre­ten­de In­ten­dant und Dra­ma­turg der Pro­duk­ti­on in Düsseldorf. Das Vor­ge­hen des Deut­schen Thea­ters „schien für un­se­re Kon­zep­ti­on zu kei­nem Zeit­punkt sinn­voll. In dem Stück geht es ja im We­sent­li­chen um die Be­schrei­bung ei­nes Vor­gangs, der zu ei­ner Straf­tat führt. Und die Straf­tat sel­ber, nicht der Ablauf oder de­ren Aus­füh­rung, ist das The­ma des Stücks.“Zu­dem hät­ten die Schau­spie­ler gar nicht die Zeit, ei­nen sol­chen Aus­flug zu ma­chen, da sie täg­lich pro­ben oder auf­tre­ten müss­ten.

Doch wer­de der In­halt sehr sorg­fäl­tig re­flek­tiert, ver­si­chert Diek­mann: „Als ich das Stück zum ers­ten Mal las, ha­be ich es so­fort ei­nem be­freun­de­ten Ju­ris­ten ge­sandt, der es, eben­so wie ich, für ei­nes der wich­tigs­ten Stü­cke der Zeit hält. Mit ihm ha­be ich lan­ge über die Ver­ant­wor­tung des Men­schen in ei­ner Welt nach dem Ter­ror von ,Ni­ne-Ele­ven’ und über die im Grund­ge­setz ver­an­ker­ten Grund­rech­te ge­spro­chen.“

Am En­de je­der Auf­füh­rung stimmt das Pu­bli­kum dar­über ab, ob der Pi­lot schul­dig zu spre­chen ist. Steppart be­rich­tet, dass die Zu­schau­er in Berlin teils sehr lei­den­schaft­lich mit dem En­sem­ble das Dra­ma und sei­ne Schlüs­sel­fra­ge dis­ku­tier­ten. Beck: „Auch da­für woll­ten wir uns vor Ort in Uedem An­re­gun­gen ho­len.“

FO­TO: MAR­CUS ROTT/BUN­DES­WEHR

Ein Kampf­pi­lot der deut­schen Luft­waf­fe, hier im Cock­pit ei­nes „Tor­na­do“-Jets.

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