Die Welt er­ken­nen mit Richard Da­vid Precht

Rheinische Post Goch - - KULTUR - VON LOTHAR SCHRÖ­DER

Der po­pu­lä­re Den­ker und Best­sel­ler­au­tor stellt auf der Mes­se sein neu­es phi­lo­so­phi­sches Buch vor.

FRANKFURT/MAIN Ein­ein­halb Jah­re hat er na­he­zu „mön­chisch“ge­lebt, kaum E-Mails ge­le­sen, we­ni­ge Kon­tak­te ge­pflegt – nur für die­ses Buch. Ges­tern hat sich mit Richard Da­vid Precht ei­ner der po­pu­lärs­ten Phi­lo­so­phie-Au­to­ren Deutsch­lands auf dem Buch­markt zu­rück­ge­mel­det: „Er­ken­ne die Welt“heißt sein ent­beh­rungs­rei­ches Werk. Es be­schreibt das Den­ken in der An­ti­ke und be­gibt sich da­mit den Ge­heim­nis­sen des Le­bens auf die Spur – nicht mehr, aber auch nicht we­ni­ger. Im grel­len Auf­merk­sam­keits­wett­kampf der Buch­mes­se wirkt die­se Neu­er­schei­nung fast wie ein Ali­en.

Es ist ein gu­ter Au­ßer­ir­di­scher ge­wor­den, und Precht – der auch fern­seh­kom­pa­ti­ble Den­ker, Pu­bli­zist und In­ha­ber zwei­er Ho­no­rar­pro­fes­su­ren – weiß das. Auch wenn ihm sein Werk, das er auf der Mes­se erst­mals in den Hän­den hält, als Wa­re wie das Ge­gen­teil von dem er­scheint, wo­mit er zu­vor be­schäf­tigt war: dem „in­ten­si­ven Zwie­ge­spräch mit sich selbst“.

„Er­ken­ne die Welt“ist kein Rat­ge­ber; des­halb wur­de auch auf das Aus­ru­fe­zei­chen im Ti­tel ver­zich­tet. Bloß kein Eti­ket­ten­schwin­del. Den­noch nimmt es den Le­ser an die Hand und ver­sucht, ihn mit Hil­fe der gro­ßen grie­chi­schen Den­ker zum Grü­beln zu er­mun­tern. We­ni­ger über Gott, da­für um­so mehr über die Welt. „Wir wis­sen, dass wir nur ein Wir­bel­tier­ge­hirn ha­ben, das sich dem­ent­spre­chend sei­ne Welt zu­recht­zim­mert.“Wie schön muss es ge­we­sen sein, sagt Precht, noch in ei­ner Welt ge­lebt zu ha­ben, in der klar war, wo oben und wo un­ten ist. „Un­se­re Welt hin­ge­gen ist im­mer nur ei­ne Vor­stel­lung von Welt, die ich nicht ab­le­gen kann.“

Das neue Buch des 50-Jäh­ri­gen, der mit dem in über 30 Spra­chen über­setz­ten Werk „Wer bin ich – und wenn ja, wie vie­le?“ein Mil­lio­nen­pu­bli­kum er­reich­te – reicht phi­lo­so­phie­ge­schicht­lich nicht ein­mal bis ins Mit­tel­al­ter; doch na­tür­lich hat Precht im­mer auch die Ge­gen­wart im Blick. Die Grie­chen, sagt er, „wa­ren be­müht, ih­ren Geist zu op­ti­mie­ren und ach­te­ten dar­auf, dass ihr Kör­per halb­wegs in Schuss war“. Das Ge­gen­teil be­trie­ben wir heu­te: „Es herrscht ei­ne Leib­freund­lich­keit bei re­la­ti­ver Geist­feind­lich­keit. Wir le­ben heu­te in ei­ner Dik­ta­tur der Fit­ness. Und wer nicht mit­hal­ten kann, ge­hört eben nicht mehr da­zu.“Das ist das Mo­sa­ik­stein­chen ei­nes Ge­ne­ral­be­fun­des der Ge­gen­wart, der nach sei­nen Wor­ten das gro­ße Gan­ze ab­han­den­ge­kom­men ist. „Durch das In­ter­net herrscht die Gleich­zei­tig­keit von al­lem. Wo frü­her Zu­sam­men­hän­ge exis­tier­ten, gibt es heu­te bes­ten­falls Ma­te­ri­al­samm­lun­gen. Und auch die krie­gen wir heu­te nicht mehr sor­tiert.“Sei­ne Über­zeu­gung: Phi­lo­so­phen wer­den bei der Sor­tier­ar­beit ge­braucht. Sei­ne un­aus­ge­spro­che­ne Hoff­nung: Sein gut les­ba­res Buch über das Den­ken der An­ti­ke mö­ge da­zu ei­nen Bei­trag leis­ten.

„Er­ken­ne die Welt“en­det ko­misch, mit ei­nem la­ko­ni­schen Hin­weis auf die Neu­zeit und drei ab­schlie­ßen­den Pünkt­chen. Das ist ei­ne Art li­te­ra­ri­scher Cliff­han­ger. Denn zwei wei­te­re Phi­lo­so­phie­ge­schich­ten wer­den fol­gen; mit ih­nen schließt er zur Ge­gen­wart an. Zu­min­dest die Ti­tel ste­hen schon: „Er­ken­ne dich selbst“heißt der nächs­te Band und „Sei du selbst“der Ab­schluss. Das sind dann wei­te­re drei Jah­re ei­nes mön­chi­schen Da­seins. Richard Da­vid Precht: „ Er­ken­ne die Welt – Ei­ne Ge­schich­te der Phi­lo­so­phie“. Gold­mann-Ver­lag, 576 Sei­ten, 22,99 Eu­ro

FO­TO: DPA

Der Phi­lo­soph und Au­tor Richard Da­vid Precht.

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