Die Leis­tungs-Ex­plo­si­on

Rheinische Post Goch - - SPORT - VON JAN­NIK SORGATZ

Is­land war ein­mal ein Fuß­ball­zwerg. Per­fek­te Auf­bau­ar­beit führt die Na­tio­nal­mann­schaft zur EM.

REYK­JA­VIK Ei­dur Gud­john­sen schaut grim­mig, als er über die Er­fül­lung sei­nes Le­benstraums spricht. Das 2:2 ge­gen Lett­land im letz­ten Heim­spiel der EM-Qua­li­fi­ka­ti­on schmeckt Is­lands ge­al­ter­ter Le­gen­de gar nicht. Gud­john­sen, Re­kord­tor­jä­ger des Na­tio­nal­teams und Cham­pi­ons-Le­ague-Sie­ger mit dem FC Bar­ce­lo­na, ist nur ein­ge­wech­selt wor­den, die Par­tie lief am 37-Jäh­ri­gen vor­bei. Das Ti­cket für die Eu­ro­pa­meis­ter­schaft in Frank­reich dürf­te er trotz­dem si­cher ha­ben, zu­min­dest als ge­ach­te­tes Mas­kott­chen.

Gud­john­sen re­prä­sen­tiert das al­te Is­land, den Fuß­ball­zwerg a. D. mit sei­nen ku­rio­sen An­ek­do­ten. 1996 wur­de er beim Län­der­spiel­de­büt für sei­nen Va­ter Arnór ein­ge­wech­selt, ein­zig­ar­tig. „Für mich ist es noch­mal ei­ne wun­der­vol­le Er­fah­rung am En­de mei­ner Kar­rie­re“, sagt Gud­john­sen mit Blick auf das kom­men­de Jahr. Er steht auf ei­ner Fecht­bahn un­ter der Haupt­tri­bü­ne des Na­tio­nal­sta­di­ons Lau­gard­als­völlur, die als pro­vi­so­ri­sche Mi­xed Zo­ne dient. Auch die­ser Ort ist das al­te Is­land, das vor ein paar Jah­ren noch in ei­nem Los­topf mit An­dor­ra und San Ma­ri­no steck­te.

Wer das neue Is­land sucht, fin­det es in Kópa­vogur, ei­ner Vor­stadt von Reyk­ja­vik. Hier ist selbst das Land der atem­be­rau­ben­den Fjor­de und mys­ti­schen Vul­kan­land­schaf­ten, des­sen Tou­ris­mus­bran­che gera­de durch die De­cke geht, nicht hübsch. Al­ler­dings wird in ei­ner rie­si­gen Well­blech­hal­le an ei­ner der größ­ten Er­folgs­ge­schich­ten des eu­ro­päi­schen Fuß­balls ge­schrie­ben.

Auf 9000 Qua­drat­me­tern trai­nie­ren an die­sem Nach­mit­tag et­wa 100 Kin­der und Ju­gend­li­che. Die Rie­sen­hal­le von Vi­ze­meis­ter Brei­da­blik UBK ist ei­ne von sie­ben im Land, ge­baut kurz nach der Jahr­tau­send­wen­de und da­mit recht­zei­tig vor der Fi­nanz­kri­se, die das Fuß­ball­mär- chen um min­des­tens ei­ne Ge­ne­ra­ti­on nach hin­ten ver­scho­ben hät­te. Drei ent­schei­den­de Fak­to­ren tau­chen in Ge­sprä­chen mit Ex­per­ten über das Fuß­ball­mär­chen im­mer wie­der auf, die Hal­len sind der wich­tigs­te.

Ólaf­ur Bryn­jólfs­son sitzt am Rand und schaut sei­ner Toch­ter zu. Die Zehn­jäh­ri­ge ge­hört zu ei­ner Ge­ne­ra­ti­on, die es nicht kennt, sich we­gen des rau­en Wet­ters ge­gen Fuß­ball im Frei­en zu ent­schei­den. Is­län- dern wird nach­ge­sagt, dass sie sich mit den Din­gen ab­fin­den, die sie nicht än­dern kön­nen. Wind und Re­gen ge­hö­ren dank der Fuß­ball­hal­len nicht mehr da­zu. Bryn­jólfs­son trägt ei­nen Trai­nings­an­zug von Valur Reyk­ja­vik. Dort coacht der 40-Jäh­ri­ge das Frau­en­team in der ers­ten Li­ga und ver­kör­pert den zweit­wich­tigs­ten Er­folgs­fak­tor. „Al­le Trai­ner müs­sen min­des­tens ei­ne B-Li­zenz ha­ben“, er­klärt er. En­de 2014 zähl­te der Ver­band so­gar 191 Trai­ner mit ei­ner A-Li­zenz – pro Ein­woh­ner sind das sechs­mal so vie­le wie in an­de­ren skan­di­na­vi­schen Län­dern. „In Schwe­den oder Dä­ne­mark trai­nie­ren meist Vä­ter oh­ne ent­spre­chen­de Aus­bil­dung die Kids“, sagt Bryn­jólfs­son. „Da­bei wer­den im Al­ter von acht bis zwölf Jah­ren die wich­tigs­ten Grund­la­gen ge­schaf­fen.“

Den drit­ten Fak­tor fin­det man nicht nur bei Bryn­jólfs­son, son­dern bei den meis­ten der nur 330.000 Is­län­der: Bei Reyk­ja­viks ehe­ma­li­gem Bür­ger­meis­ter Jón Gnarr, ei­nem be­kann­ten Ko­mi­ker. Bei Tor­wart Han­nes Hall­dórs­son, ei­nem der wich­tigs­ten Fil­me­ma­cher des Lan­des. Oder bei Na­tio­nal­trai­ner Hei­mir Hall­gríms­son, der ne­ben­bei als Zahn­arzt ge­ar­bei­tet hat.

Die Je­der-macht-al­les-Men­ta­li­tät der Is­län­der ist kaum ko­pier­bar. „Wir den­ken im­mer so groß wie mög­lich“, sagt Bryn­jólfs­son. Auf­op­fe­rungs­vol­ler Ein­satz mischt sich mit ei­ner Krea­ti­vi­tät, die Hall­dór Lax­ness ei­nen No­bel­preis für Li­te­ra­tur und Björk ei­ne Welt­kar­rie­re im Mu­sik­ge­schäft be­schert hat.

Wer et­was über die See­le des Vol­kes er­fah­ren will, wird beim Fri­sör fün­dig. „Wenn wir für ei­ne Sa­che bren­nen, dann rich­tig“, sagt Bryn­dís. Am Fuß­ball füh­re zur­zeit kein Weg vor­bei. Al­le Ge­sprächs­part­ner in Is­land er­wäh­nen die Ver­drän­gungs­ef­fek­te des Fuß­ball-Hy­pes. „Wenn der Er­folg in ei­nem Be­reich nach­lässt, lässt auch das In­ter­es­se schlag­ar­tig nach“, sagt Bryn­dís. Im Fuß­ball deu­tet so­gar ei­ni­ges dar­auf hin, dass das Ma­xi­mum noch nicht er­reicht ist. Die U 21 bril­liert in der EM-Qua­li­fi­ka­ti­on. „Die Leu­te war­ten sehn­süch­tig dar­auf, dass die­ser Jahr­gang reif ist für A-Na­tio­nal­mann­schaft“, sagt Sport­re­por­ter Vi­dir Si­gurds­son. Ein Rück­fall in tris­te Zei­ten sei nicht ab­seh­bar. Und dass Ei­dur Gud­john­sen im Na­tio­nal­team ei­nes Ta­ges Platz macht für sei­nen Sohn, kann man des­halb aus­schlie­ßen. Sveinn ist erst 17.

FO­TO: DPA

Bis­her war Is­land haupt­säch­lich we­gen der Na­tur­schön­hei­ten be­kannt – Gey­si­re zum Bei­spiel.

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