„Vor­bei die Zei­ten des Ster­bens in größt­mög­li­cher Schön­heit“

Rheinische Post Goch - - SPORT - VON ANDRÉ SCHAHIDI

DÜSSELDORF Re­si­gna­ti­on ist das Schlimms­te, was ei­ner Be­zie­hung pas­sie­ren kann. Re­si­gna­ti­on be­deu­tet Auf­ga­be, be­deu­tet Hoff­nungs­lo­sig­keit. Re­si­gna­ti­on ist das, was ges­tern in der bis­lang so groß­ar­ti­gen Be­zie­hung zwi­schen mir und Oran­je ein­ge­zo­gen ist. Kei­ne Trau­er. Kei­ne Wut. Lie­be so­wie­so nicht. Nur noch Re­si­gna­ti­on.

Wenn ich mein Le­ben so re­ka­pi­tu­lie­re, ha­be ich vie­le mei­ner größ­ten emo­tio­na­len Mo­men­te mit Oran­je ver­bracht. Als Hol­land bei der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft 2000 fünf von sechs Elf­me­tern ge­gen Ita­li­en ver­schoss, ha­be ich ech­te, bit­te­re Trä­nen ge­weint. Ich ha­be be­reits ei­ne Couch ka­putt ge­ju­belt. 1998 war das, als Den­nis Berg­kamp ge­gen Ar­gen­ti­ni­en... las­sen wir das, sonst be­kom­me ich doch noch schlech­te Lau­ne. Am Di­ens­tag saß ich je­den­falls nur noch fas­sungs­los vor dem Fern­se­her und wun­der­te mich über die­se gro­tes­ken Sze­nen, die sich dort in Ams­ter­dam ab­spiel­ten. Das Pu­bli­kum of­fen­bar auch. Es wur­de nicht ein­mal mehr groß­ar­tig ge­pfif­fen nach dem Ab­pfiff – die meis­ten wa­ren oh­ne­hin schon ge­gan­gen.

Ehr­lich ge­sagt war ich schon vor der ver­gan­ge­nen Welt­meis­ter­schaft skep­tisch. Wir wa­ren nicht so gut. Wir hat­ten schlech­te Ver­tei­di­ger. Ich hat­te aber ver­ges­sen, was für ein Ge­nie Lou­is van Gaal ist. Der zeig­te im wohl größ­ten Glanz­stück sei­ner Trai­ner­kar­rie­re, wie man dank der per­fek­ten Tak­tik und ei­nem Welt­star WM-Drit­ter wer­den kann. Van Gaal wuss­te, dass die De­fen­si­ve das Pro­blem ist. Al­so hat er ein­fach fünf Ver­tei­di­ger vor das ei­ge­ne Tor ge­stellt. Vor­ne soll­te es Ar­jen Rob­ben Fuß­ball­gott rich­ten. Das reich­te.

Mit Trai­nern, die ih­re letz­ten Er­fol­ge je­doch 2008 (Hid­dink, mit Russ­land) oder gar nicht (Blind, der genau ei­ne Sai­son Chef­coach von Ajax war) vor­wei­sen konn­ten, muss­te es schon fast im De­ba­kel en­den. Zu­ge­ge­ben, ich hät­te nie er­war­tet, dass wir bei ei­nem Teil­neh­mer­feld, das die Hälf­te al­ler eu­ro­päi­schen Mann­schaf­ten um­fasst, je­mals die EM ver­pas­sen könn­ten.

Die­se EM-Qua­li­fi­ka­ti­on zeig­te je­doch, wie es wirk­lich um mein Oran­je steht. Der Pa­ti­ent ist kli­nisch tot. Das ewig-nie­der­län­di­sche 4-33-Sys­tem mit zwei Flü­gel­stür­mern stammt aus dem letz­ten Jahr­hun­dert. Und wird, weil Alt­stars wie Jo­han Cruyff laut ge­nug kra­kee­len, in der Ere­di­vi­sie im­mer noch ge­spielt. In Zei­ten des Pep-und-Klopp-Fuß­balls kommt man mit nai­vem Of­fen­siv­fuß­ball nicht mehr weit. Es muss sich et­was än­dern. Die Nach­wuchs- aus­bil­dung, für die wir jah­re­lang so ge­rühmt wur­den, muss kom­plett über den Hau­fen ge­wor­fen und neu aus­ge­rich­tet wer­den.

Das wird dau­ern. Min­des­tens bis zur nächs­ten Welt­meis­ter­schaft, die wir dank ei­ner Qua­li-Grup­pe mit Frank­reich und Schwe­den wohl eben­falls ver­pas­sen wer­den. Die Zei­ten des Ster­bens in größt­mög­li­cher Schön­heit sind vor­bei. Jetzt ster­ben wir halt schon vor­her. Ein Zu­stand, an den ich mich schon mal ge­wöh­ne. Re­si­gna­ti­on eben.

FO­TO: PRI­VAT

Hup, Hol­land, hup: Un­ser Au­tor als Fan der Elf­tal.

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