Kreuz­feu­er

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Ich sah ihr an, dass sie im­mer noch nicht re­den woll­te. War es Angst oder un­an­ge­brach­te Loya­li­tät? „Lie­ben Sie ihn?“, frag­te ich.

Im­mer noch schluch­zend sah sie mich an. Aber sie nick­te.

„War­um ma­chen Sie dann so was?“Ich deu­te­te mit ei­ner Hand­be­we­gung auf sie, das Bett und die Reit­peit­sche, die noch lag, wo sie sie hin­ge­wor­fen hat­te. Wie ei­ne von Lie­be er­füll­te Frau hat­te sie sich nicht gera­de ver­hal­ten.

„Ge­wohn­heit, glaub ich“, mein­te sie lei­se. Schö­ne Ge­wohn­heit. „Liebt er Sie auch?“, frag­te ich. „Sagt er“, ant­wor­te­te sie, aber ich hör­te ge­wis­se Zwei­fel her­aus.

„Sie sind sich nicht si­cher?“, frag­te ich. „Nein.“„Wie­so um al­les in der Welt schüt­zen Sie ihn dann?“Sie gab kei­ne Ant­wort. „Okay“, mein­te ich schließ­lich. „Sa­gen Sie nicht, ich hät­te Sie nicht ge­warnt.“Ich nahm mein Han­dy aus der Ta­sche. „Ewen fin­det die Fo­tos von Ih­nen be­stimmt sehr in­ter­es­sant. Weiß er von Ih­rem heim­li­chen Lieb­ha­ber, dem Er­pres­ser? Dem­nächst wird er’s er­fah­ren.“

Ich klapp­te mein Han­dy auf und drück­te die No­t­ruf­num­mer 999 so, dass sie es se­hen konn­te. Bei je­dem Tas­ten­druck piep­te das Han­dy auch schön. Dann hielt ich es mir ans Ohr. Sie konn­te nicht wis­sen, dass ich nicht auf Ver­bin­den ge­drückt hat­te.

„Hal­lo“, sag­te ich in den Hö­rer. „Die Po­li­zei bit­te.“Ich lä­chel­te Ju­lie an. „Das ist Ih­re letz­te Chan­ce“, sag­te ich.

„Okay“, rief sie. „Okay, ich sag’s Ih­nen.“

„Par­don“, sag­te ich in den Hö­rer. „Das war ein Miss­ver­ständ­nis. Es ist al­les in Ord­nung. Dan­ke.“Ich klapp­te das Han­dy zu. „Wer al­so?“, frag­te ich. Sie ant­wor­te­te nicht. „Los jetzt!“Ich klapp­te das Han­dy wie­der auf. „Wem ge­ben Sie das Er­pres­s­er­geld?“„Alex Reece“, kam es zö­gernd. „Was?“Ich war ehr­lich ver­blüfft. „Dem Buch­hal­ter­wie­sel?“

„Alex ist kein Wie­sel“, pro­tes­tier­te sie. „Er ist rei­zend.“

Ich dach­te an die St­un­den, die ich an ei­ne Stall­wand ge­ket­tet ver­bracht hat­te, und konn­te ihr nicht zu­stim­men. „Sie und Alex Reece ha­ben mich al­so zum Ster­ben an die­se Wand ge­ket­tet?“Auf ein­mal war ich sehr wü­tend, und man merk­te es mir an.

„Nein,“sag­te sie. „Na­tür­lich nicht. Wo­von re­den Sie?“

„Da­von, dass Sie mich an De­hy­drie­rung ster­ben las­sen woll­ten.“

Sie war sicht­lich ent­setzt. „Ich weiß über­haupt nicht, was Sie mei­nen.“

„Hat er Ih­nen er­zählt, er wä­re noch mal da ge­we­sen und hät­te mich frei­ge­las­sen?“, frag­te ich, mein Zorn im­mer noch dicht un­ter der Ober­flä­che.

„Nichts der­glei­chen hat er mir er­zählt!“

„Aber bei mei­ner Ent­füh­rung ha­ben Sie ihm ge­hol­fen?“, brüll­te ich sie an.

„Hö­ren Sie auf, Tom“, bat sie. „Sie ma­chen mir Angst. Ich weiß wirk­lich nicht, wo­von Sie re­den. Ich ha­be noch nie im Le­ben je­man­den ent­führt, ge­schwei­ge denn ir­gend­wo an­ge­ket­tet. Ich schwö­re es!“

„War­um soll­te ich Ih­nen das ab­neh­men?“Doch ich hat­te die Angst in ih­ren Au­gen ge­se­hen, und ich glaub­te ihr. Wenn sie aber nicht mit- ge­hol­fen hat­te, mich zu ent­füh­ren und an­zu­ket­ten, wer dann?

Oder konn­te es sein, dass Alex Reece, der Er­pres­ser mei­ner Mut­ter, und der­je­ni­ge, der mich um­brin­gen woll­te, gar nicht ein und die­sel­be Per­son wa­ren?

Ju­lie hat­te mir nur noch we­nig mit­zu­tei­len. Sie hol­te das Päck­chen in New­bury im­mer nur dann ab, wenn Alex Reece ver­hin­dert war, und sie wuss­te noch nicht mal, wie viel Geld es ent­hielt. Als wir schließ­lich in ih­re Kü­che hin­un­ter­gin­gen und ich die zwei­tau­send Pfund aus dem Päck­chen nahm, das sie in der Hand­ta­sche hat­te, trau­te sie ih­ren Au­gen kaum.

„Das ist kein Spiel“, sag­te ich zu ihr. „Zwei­tau­send Pfund die Wo­che sind kein Spiel.“

„Sie kann sich’s doch leis­ten“, mein­te Ju­lie trot­zig.

„Kann sie nicht. Und selbst wenn, was wür­de das än­dern?“

„Alex sagt, es han­delt sich bloß um Ver­mö­gensum­ver­tei­lung.“

„Und dann ist es in Ord­nung, oder was?“Sie schwieg. „An­ge­nom­men, ich wür­de Ih­nen zwecks ,Ver­mö­gensum­ver­tei­lung’ Ih­ren na­gel­neu­en BMW steh­len“, fuhr ich fort, „fän­den Sie das dann in Ord­nung, oder wür­den Sie die Po­li­zei ru­fen?“„Alex sagt –“, setz­te sie an. „Mir ist egal, was Alex sagt“, un­ter­brach ich sie. „Alex ist nichts als ein ge­wöhn­li­cher Dieb, und er nutzt Sie of­fen­sicht­lich aus. Je eher Sie sich das klar­ma­chen, des­to bes­ser. Sonst lan­den Sie mit ihm auf der An­kla­ge­bank, und dann im Ge­fäng­nis.“

Und für mich, dach­te ich, war es jetzt Zeit für ein Wie­der­se­hen mit Mr. Alex Reece, dem Wie­sel. – „Wann und wo sol­len Sie Reece das Päck­chen über­ge­ben?“, frag­te ich. – „Er kommt mor­gen wie­der.“„Von wo?“„Gi­bral­tar“, sag­te sie. „Da ist er am Di­ens­tag mit den Gar­ra­ways hin­ge­flo­gen.“

Dem­nach konn­te er nicht der­je­ni­ge sein, der am Don­ners­tag­abend das Tor von Greysto­ne Sta­bles auf­ge­sperrt hat­te.

„Wann sol­len Sie ihm das Päck­chen al­so über­ge­ben?“, frag­te ich.

Sie woll­te es mir of­fen­bar nicht sa­gen, aber ich stand ne­ben ihr und trom­mel­te ge­räusch­voll mit den Fin­gern auf den Kü­chen­tisch. „Am Mon­tag soll ich’s mit nach New­bury brin­gen“, sag­te sie schließ­lich. „Wo­hin in New­bury?“„In der Cheap Street gibt es ein Ca­fé“, sag­te sie. „Da tref­fen wir uns frei­tag­mor­gens im­mer. Nur die­se Wo­che na­tür­lich nicht, weil er ver­reist war.“Gott sei Dank, dach­te ich. „Sie tref­fen sich al­so am Mon­tag mit ihm in dem Ca­fé?“, frag­te ich. „Ja“, er­wi­der­te sie. „Um halb elf.“Für das, was ich mit ihm vor­hat­te, war das ein viel zu öf­fent­li­cher Ort.

„Än­dern Sie das“, ver­lang­te ich. „Er soll das Geld hier ab­ho­len.“

„Nein, nein. Hier­her kommt er nicht. Er denkt nicht dran.“

„Wo tref­fen Sie sich denn sonst noch so?“Die Tas­se Kaf­fee mit ihm in New­bury reich­te wohl kaum aus, um ih­re an­de­ren Ge­lüs­te zu stil­len.

„Bei ihm“, sag­te sie und wur­de ein we­nig rot.

„Und wo ist das?“, frag­te ich un­ge­dul­dig. „Gre­en­ham“, ant­wor­te­te sie. Das Dorf Gre­en­ham war von dem im­mer wei­ter um sich grei­fen­den New­bury prak­tisch ver­schluckt wor­den. (Fort­set­zung folgt)

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