Russ­lands neu­er Lieb­lings­krieg

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON KLAUS-HEL­GE DO­NATH UND BIRGIT SVENSSON

Mos­kaus Pro­pa­gan­da schwenkt von der Ost-Ukrai­ne auf Sy­ri­en um. Un­klar ist, was den Kreml au­ßer dem Hass auf die USA an­treibt. Die Ri­si­ken sind groß: Is­la­mis­ten ru­fen be­reits Glau­bens­ge­nos­sen im Kau­ka­sus zu Ra­che­ak­ten auf.

MOSKAU Dmi­tri Ki­sel­jow, der Chef­pro­pa­gan­dist des Kreml, hieß die Zu­schau­er des wö­chent­li­chen Po­lit­ma­ga­zins „Nach­rich­ten der Wo­che“mit ei­nem „Ra­ket­nij pri­vet“will­kom­men – ei­nem Ra­ke­ten­gruß. Der „Ka­li­br“, Mos­kaus ers­ter Marsch­flug­kör­per, be­herrscht Russ­lands Nach­rich­ten­sen­dun­gen. Er sei schnel­ler, prä­zi­ser und flie­ge viel wei­ter als der „To­ma­hawk“, das ame­ri­ka­ni­sche Mo­dell, sag­te der Mo­de­ra­tor. Am Mitt­woch hat­te die Ma­ri­ne vier „Ka­li­br“vom Kas­pi­schen Meer aus auf Zie­le in Sy­ri­en ab­ge­schos­sen – ein Feu­er­werk als Ge­schenk für den Ober­be­fehls­ha­ber Wla­di­mir Pu­tin, der am sel­ben Tag sei­nen 63. Ge­burts­tag be­ging.

Die Bot­schaft an die Zu­schau­er ist un­miss­ver­ständ­lich: Es ist voll­bracht, waf­fen­tech­nisch ha­ben wir mit den USA gleich­ge­zo­gen. Der­glei­chen ver­fängt in ei­nem Land, des­sen Bür­ger stolz auf die Leis­tun­gen der Rüs­tungs­in­dus­trie sind. Die Um­stel­lung vom Kriegs­schau­platz Ukrai­ne auf den Na­hen Os­ten fällt dem TV-Pu­bli­kum schwe­rer als den Kriegs­be­richt­er­stat­tern. Ei­ni­ge von ih­nen ha­ben den Don­bass schon in Rich­tung Sy­ri­en ver­las­sen. Vor­über­ge­hend könn­te das be­deu­ten, dass in der um­kämpf­ten Re­gi­on Ru­he ein­kehrt. In der Ukrai­ne durf­ten die rus­si­schen Jour­na­lis­ten Mos­kaus Sol­da­ten nur als Frei­wil­li­ge be­zeich­nen. In Sy­ri­en muss sich nie­mand mehr ver­stel­len. Im Ge­gen­teil: Dort ver­tei­di­ge Russ­land zum vier­ten Mal in der Ge­schich­te das Abend­land vor dem Un­ter­gang, gibt sich Dmi­tri Ki­sel­jow über­zeugt.

Noch wird ex­pe­ri­men­tiert. Da­zu ge­hört auch der Ver­such des Ab­ge­ord­ne­ten Sem­jon Bag­dasa­row, der im Nach­rich­ten­ka­nal Ros­si­ja 24 die „hei­li­ge Er­de Sy­ri­ens“für Russ­land be­an­sprucht. In An­leh­nung an die Be­we­gung „Krim­nasch“(„Die Krim ist un­ser“) be­haup­te­te Bag­dasa­row: „Sy­ri­en ist un­ser Land.“Oh­ne An­tio­chia im an­ti­ken Sy­ri­en gä­be es we­der die Or­tho­do­xie noch die hei­li­ge Rus, das mit­tel­al­ter­li­che Groß­reich als Vor­läu­fer­staat Russ­lands, der Ukrai­ne und Weiß­russ­lands. An­tio­chia, einst Sitz ei­nes Pa­tri­ar­chats der al­ten Kir­che, heißt heu­te An­takya und ge­hört zur Tür­kei. Ver­mut­lich hat­ten die rus­si­schen Kampf­jets, die letz­te Wo­che mehr­mals den tür­ki­schen Luf­t­raum ver­letz­ten, schon neue Kar­ten. Da­bei geht es Moskau we­der um Sy­ri­en noch die Tür­kei. Es ist wie be­ses­sen vom Hass auf die USA. Moskau scheint in Sy­ri­en kei­ne Dif­fe­ren­zie­rung der Zie­le zu wol­len. Ganz auf der Li­nie As­sads be­tont Pu­tin, Re­gie­rungs­geg­ner sei­en al­le­samt Ter­ro­ris­ten, und die wür­den an­ge­grif­fen – ei­ne ris­kan­te Stra­te­gie, die Washington em­pört.

Die Al-Nus­ra-Front, sy­ri­scher Ab­le­ger von Al Kai­da, ruft des­we­gen die Dschi­ha­dis­ten im Kau­ka­sus zu Ra­che­ak­tio­nen auf: „Wenn die rus­si­sche Ar­mee die Be­völ­ke­rung in Sy­ri­en tö­tet, dann tö­tet ih­re Be­völ­ke­rung.“Der Krieg in Sy­ri­en wer­de für Russ­land fürch­ter­li­che Kon­se­quen­zen ha­ben. Um die Ernst­haf­tig­keit der Dro­hung zu un­ter­strei­chen, de­to­nier­ten zwei Mör­ser­gra­na­ten vor der rus­si­schen Bot­schaft in Da­mas­kus , vor der sich mehr als 300 Men­schen ver­sam­melt hat­ten, um Russ­land für die Luft­an­grif­fe zu dan­ken.

Doch was plant Russ­land in Sy­ri­en? In der ägyp­ti­schen Ta­ges­zei­tung „Al Ahram“ist von lan­gen Ver­hand­lun­gen und Ab­stim­mun­gen im Vor­feld die Re­de. Moskau wol­le ei­nen Mi­li­tär­rat von As­sad-An­hän­gern und Re­bel­len grün­den, des­sen Trup­pen die Kon­trol­le über die Ge­bie­te in Re­gie­rungs­hand und die der der sä­ku­la­ren Op­po­si­ti­on über­neh­men sol­len. Nach und nach sol­len ge­mä­ßig­te Grup­pen da­zu­kom­men.

Un­ter­des­sen be­klagt die in­ter­na­tio­na­le Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Hu­man Rights Watch, dass seit dem Ein­grei­fen Russ­lands ein neu­er Typ Streu­bom­ben zum Ein­satz kom­me, der vor al­lem die Zi­vil­be­völ­ke­rung tref­fe. 107 Län­der ha­ben die UN-Kon­ven­ti­on zur Äch­tung sol­cher Streu­bom­ben un­ter­schrie­ben. Russ­land und Sy­ri­en sind nicht da­bei.

FO­TO: AFP

Sy­rer de­mons­trie­ren in Da­mas­kus mit Fo­tos der Prä­si­den­ten Ba­schar al As­sad und Wla­di­mir Pu­tin, um Moskau für den Mi­li­tär­ein­satz zu dan­ken.

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