„Ich wür­de bei die­sem ,Tat­ort’ ab­schal­ten“

Rheinische Post Goch - - GESELLSCHAFT - DAS GE­SPRÄCH FÜHR­TE TO­BI­AS JOCHHEIM.

An­na Schudt (41) steht im Mit­tel­punkt des ex­trem düs­te­ren Dort­mund-„Tat­orts“am Sonn­tag. Ein In­ter­view dar­über, war­um man Zu­schau­ern so et­was zu­mu­ten muss.

Aus­län­der­feind­lich­keit un­ter deut­schen Bie­der­män­nern bis hin zu Bei­fall für ei­ne Mord­se­rie, weil „end­lich mal je­mand was tut“– im Dort­mun­der Rat­haus dürf­te die Freu­de über die neue „Tat­ort“-Fol­ge „Kol­laps“über­schau­bar sein. SCHUDT Ver­ste­he ich, aber wir sind eben ein Kri­mi – und zwar kein wit­zi­ger, son­dern ein düs­te­rer, das Ge­gen­stück zu Müns­ter. Das ist die Vor­ga­be. Des­halb su­chen wir häss­li­che Ecken und schlim­me The­men, Dra­men und Ab­grün­de, ob das den Dort­mun­dern ge­fällt oder nicht. Das wer­den wir auch bei­be­hal­ten. Hu­mor­frei sind die Dort­mun­der Fol­gen den­noch nicht. SCHUDT Ab­so­lut nicht! Ich fin­de die tro­cke­nen Sprü­che und Wort­ge­fech­te zwi­schen Er­mitt­lern to­tal wit­zig. Und wenn wir sie spon­tan wei­ter ver­schär­fen, kras­ser ma­chen, sind al­le Feu­er und Flam­me. Krass trifft es. Ein sechs­jäh­ri­ges Mäd­chen stirbt elend an ei­ner Über­do­sis Ko­ka­in, das in ei­nem Sand­kas­ten ver­bud­delt war. Nach ei­ner Vier­tel­stun­de se­hen wir die Lei­che, die Pa­tho­lo­gin do­ziert kühl: „Das war ein­fach zu viel für den klei­nen Kör­per“. SCHUDT Ich fin­de es auch schreck­lich. Ganz ehr­lich: Als Zu­schau­er wür­de ich da ab­schal­ten. Das brau­che ich nicht am Sonn­tag­abend. Im Netz häuft sich Zu­schau­er-Kri­tik an den „ka­put­ten“Kom­mis­sa­ren und den ge­sell­schaft­lich re­le­van­ten Mi­lieus. Wie viel muss man den Men­schen zu­mu­ten? SCHUDT Ganz viel! Sehr viel mehr als „GZSZ“. Wir Künst­ler kön­nen mu­tig sein und dem Pu­bli­kum viel zu­mu­ten – Tra­gi­sches, aber auch Freu­de, Lie­be, Hoff­nung. Wir brau­chen die­sen Mut, aus der Kom­fort­zo­ne raus­zu­kom­men und auch die Zu­schau­er dort raus­zu­ho­len. Wir sol­len auf­for­dern, gro­ße Ge­füh­le zu emp­fin­den. Denn der All­tag ist klein, und das ist auch wun­der­bar so, das macht ihn er­träg­lich. Aber ab und an muss man an­ge­stupst wer­den. „Ich schei­ße auf die Recht­spre­chung!“, sagt die von Ih­nen ge­spiel­te Kom­mis­sa­rin Bö­nisch. Ihr Part­ner Fa­ber ver­spricht ei­nem Gangs­ter sar­kas­tisch, er wer­de sich be­mü­hen, eben­falls „ein gu­ter Tür­ke“zu wer­den. Ein Bür­ger warnt vor ei­nem „ge­sell­schaft­li­chen Tsu­na­mi“durch Zu­wan­de­rer. Har­ter Stoff. SCHUDT Wir sind so un­fass­bar po­li­tisch kor­rekt im deut­schen Fern­se­hen. Wir müs­sen ein Mei­nungs­bild auf­zei­gen, das vie­le Men­schen ha­ben. Und wenn wir so po­li­tisch kor­rekt blei­ben wie bis­lang, ins­be­son­de­re bei den Öf­fent­lich-Recht­li­chen, wird al­les Brei. Wir müs­sen uns Fi­gu­ren mit Hal­tung er­lau­ben, über die man dann kon­tro­vers dis­ku­tie­ren kann und soll. Span­nen­de, auf­rei­ben­de, zur Dis­kus­si­on an­re­gen­de Ge­schich­ten fin­den wir eben nur in ex­tre­men Hal­tun­gen. Vor­sich­tig sind wir trotz­dem. Die Cha­rak­te­re sa­gen die­se Sät­ze in Aus­nah­me­si­tua­tio­nen. Spre­chen wir über Aus­län­der­kri­mi­na­li­tät. Se­hen Sie in Parks auch vor al­lem dun­kel­häu­ti­ge Dea­ler? SCHUDT Dea­ler sind tat­säch­lich sehr sel­ten deut­sche, gut ge­klei­de­te Golf­spie­ler. An­de­rer­seits wä­re es klug, wenn wir un­se­re Wahr­neh­mung hin­ter­fra­gen: Schwarz­afri­ka­ner ste­chen aus un­se­rer Sicht am meis­ten her­aus. Oh­ne­hin müs­sen wir auf­pas­sen, was Ein­tei­lun­gen nach Her­kunft, Re­li­gi­on oder Haut­far­be be­trifft. Tun wir ja auch. Me­di­en ver­zich­ten auf die Nen­nung ei­nes Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grunds von Straf­tä­tern, wenn er für die Tat kei­ne Rol­le spielt. Es gibt kei­ne ent­spre­chen­den Kri­mi­nal­sta­tis­ti­ken. Spielt das nicht Men­schen in die Hän­de, die „Zen­sur“be­kla­gen? SCHUDT Dies zu er­he­ben, hal­te ich auch für ab­so­lut sinn­voll. Ei­ne kom­men­tar­lo­se Ver­öf­fent­li­chung fän­de ich al­ler­dings sehr ge­fähr­lich. Da müs­sen klu­ge Leu­te ran, um Zu­sam­men­hän­ge auf­zu­zei­gen, auch zwi­schen Ar­mut, Bil­dungs­man­gel, Per­spek­tiv­lo­sig­keit und Kri­mi­na­li­tät. Ei­ne Aus­sa­ge wie „90 Pro­zent al­ler Klein­dea­ler sind Schwarz­afri­ka­ner“führt in die Ir­re, selbst falls sie sta­tis­tisch kor­rekt sein soll­te. Das sind klei­ne Fi­sche, ar­me Schwei­ne, de­ren Not, Per­spek­tiv­lo­sig­keit und Lan­ge­wei­le kalt­blü­tig aus­ge­nutzt wird. Oft von an­de­ren Mi­gran­ten, die ge­rin­ge Chan­cen auf ei­ne Be­rufs­lauf­bahn hat­ten, heu­te aber plötz­lich den „Neu­en“über­le­gen sind, sich von ih­nen Schrott­woh­nun­gen teu­er be­zah­len las­sen, sie zu Dro­gen­han­del und Pro­sti­tu­ti­on zwin­gen... SCHUDT Die­sen Kreis­lauf muss man un­ter­bre­chen. Aber das pas­siert auch. Es gibt Men­schen, die die­se Si- sy­phos-Ar­beit ma­chen: Chan­cen kre­ieren, Zu­gang zu Bil­dung schaf­fen, In­te­gra­ti­on er­mög­li­chen. Sor­gen Sie sich, dass auch der Flücht­lings­zu­strom im Kol­laps en­det? SCHUDT Nein. Es macht mich wahn­sin­nig wü­tend, wenn ich Neo­na­zis de­mons­trie­ren und Hei­me bren­nen se­he. Wie kann man so viel Mist im Hirn ha­ben, dass man denkt, das löst ir­gend­et­was? Das ist ent­setz­lich. Aber ich er­le­be auch und vor al­lem das Ge­gen­teil: Dass die Leu­te hel­fen wol­len. Ich glau­be und hof­fe, dass die­se po­si­ti­ve Kraft die ne­ga­ti­ve über­wiegt. Das kann ge­lin­gen.

FO­TO: ARD

An­na Schudt lebt mit ih­rer Fa­mi­lie in Düsseldorf

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