Ue­fa stellt sich vor Pla­ti­ni

Rheinische Post Goch - - SPORT - VON BERND JOLITZ

Der Treue­schwur der Eu­ro­päi­schen Fuß­ball-Uni­on zu ih­rem ins Zwie­licht ge­ra­te­nen Prä­si­den­ten lässt vie­le rat­los zu­rück.

DÜSSELDORF/NYON Nur be­son­ders nai­ve Zeit­ge­nos­sen hat­ten da­mit ge­rech­net, dass die Eu­ro­päi­sche Fuß­ball-Uni­on ih­rem Prä­si­den­ten Mi­chel Pla­ti­ni mit so­for­ti­ger Wir­kung den Stuhl vor die Tür stel­len wür­de. Die Hand­ha­be da­zu hät­ten die Ver­tre­ter der 54 Mit­glieds­ver­bän­de ge­habt: Die 90-Ta­ge-Sper­re, die die Ethik­kom­mis­si­on des Welt­ver­ban­des Fi­fa so­wohl ge­gen den Fran­zo­sen als auch ge­gen Fi­fa-Prä­si­dent Sepp Blat­ter ver­hängt hat­te, wä­re in an­de­ren Le­bens­be­rei­chen durch­aus der An­stoß zu solch ei­ner Maß­nah­me ge­we­sen. Der Fuß­ball aber tickt an­ders und über­rascht selbst die Rea­lis­ten. Kri­tik­los stellt sich die Ue­fa vor ih­ren ins Zwie­licht ge­ra­te­nen Prä­si­den­ten – und lässt da­mit die Fuß­ball­freun­de rat­los zu­rück.

„Wir un­ter­stüt­zen Mi­chel Pla­ti­nis Recht auf ei­nen ge­rech­ten Pro­zess, auf ein ge­rech­tes Ver­fah­ren und sein Recht, sei­nen Na­men rein­zu­wa­schen“, sag­te Ue­fa-Ge­ne­ral­se­kre­tär Gi­an­ni In­fan­ti­no. „Wir ap­pel­lie­ren ein­dring­lich an al­le In­stan­zen, die be­tei­ligt sind, schnell zu ar­bei­ten und si­cher­zu­stel­len, dass es bis spä­tes­tens Mit­te No­vem­ber 2015 ei­ne ab­schlie­ßen­de Ent­schei­dung gibt.“Die Fi­fa-Ethik­kom­mis­si­on hat­te Pla­ti­ni auf­grund ei­ner bis­lang un­er­klär­ten Zah­lung von um­ge­rech­net 1,83 Mil­lio­nen Eu­ro, die Pla­ti­ni im Jahr 2011 von Blat­ter an­geb­lich für längst ver­gan­ge­ne Be­ra­ter­diens­te er­hal­ten hat­te, eben­so wie den Schwei­zer bis 5. Ja­nu­ar 2016 aus dem Ver­kehr ge­zo­gen.

Der Fran­zo­se kann sich al­so wei­ter auf sei­ne al­ten Seil­schaf­ten ver­las­sen. Und das, ob­wohl we­gen der 90-Ta­ge-Sper­re wich­ti­ge Weg­ge­fähr­ten von ihm ab­ge­rückt wa­ren. DFB-Prä­si­dent Wolf­gang Niers­bach zum Bei­spiel. Vor der Ue­fa-Sit­zung im schwei­ze­ri­schen Nyon hat­te Niers­bach zwar im Ge­spräch mit der Wo­chen­zei­tung „Die Zeit“auf die Un­schulds­ver­mu­tung hin­ge­wie­sen, die auch für Pla­ti­ni gel­te. Gleich­wohl fand er deut­li­che Wor­te in des­sen Rich­tung. „Wir müs­sen die Ue­fa schüt­zen“, be­ton­te Niers­bach. Der Ver­band dür­fe nicht un­ter den An­schul­di­gun­gen ge­gen Pla­ti­ni lei­den, und wenn die Ue­fa in den Sog des Fi­fa-Skan­dals mit hin­ein­ge­zo­gen wer­de, wä­re das „fa­tal“.

Ähn­lich äu­ßer­ten sich auch an­de­re Ver­tre­ter eu­ro­päi­scher Ver­bän­de, doch all das ge­nüg­te of­fen­bar nicht, die ver­krus­te­ten Struk­tu­ren der Ue­fa auf­zu­bre­chen. Der Treue­schwur für den der Kor­rup­ti­on ver­däch­ti­gen Fran­zo­sen ist ein Schlag ins Ge­sicht des DFB, des­sen Prä­si­den­ten Wolf­gang Niers­bach und das Ge­sicht al­ler, die auf mehr Trans­pa­renz im Fuß­ball ge­hofft hat­ten. Er stürzt die Ue­fa in ei­ne Kraft­pro­be, denn es ist trotz der „ge­mein­sa­men Er­klä­rung“von Nyon kaum zu er­war­ten, dass sich der DFB und an­de­re Kri­ti­ker nun wort- und ta­ten­los zu treu­en Ge­folgs­leu­ten des ge­fal­le­nen Prä­si­den­ten er­klä­ren wer­den.

Zu­nächst ein­mal je­doch ist der Fran­zo­se trotz sei­ner nach wie vor gel­ten­den Sper­re der Ge­win­ner des Ta­ges. Er bleibt zu­dem ein Kan­di­dat für die Wahl zum Fi­fa-Prä­si­den­ten, die für den 26. Fe­bru­ar 2016 an­ge­setzt ist. Aus die­sem Ter­min re­sul­tiert auch die Ei­le, die aus In­fan­ti­nos Wor­ten her­aus­zu­hö­ren ist. Falls es näm­lich bis zum Ablauf der Sper­re im Ja­nu­ar kei­ne Ent­las­tung für Pla­ti­ni – wo­her auch im­mer die kom­men soll­te – gibt, wür­de für den 60-Jäh­ri­gen die Zeit ex­trem knapp.

Vor al­lem des­halb mahnt der Ue­fa-Ge­ne­ral­se­kre­tär ei­ne Ent­schei­dung bis No­vem­ber an. Wä­re bis da­hin al­les er­folg­reich un­ter den Tep­pich ge­kehrt, könn­te Pla­ti­ni noch Blat­ters Nach­fol­ger wer­den. Ei­ne Vor­stel­lung, die den meis­ten Fuß­ball­freun­den nicht mehr schmeckt. Sie für aus­ge­schlos­sen zu hal­ten, wä­re je­doch ein neu­es Zei­chen von Nai­vi­tät.

FO­TO: DPA

Mi­chel Pla­ti­ni kann sich auf sei­ne al­ten Seil­schaf­ten ver­las­sen.

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