Kreuz­feu­er

Rheinische Post Goch - - UNTERHALTUNG -

Be­rühmt war es we­gen sei­nes Parks, des Gre­en­ham Com­mon, und we­gen der auf dem Hö­he­punkt des Kal­ten Krie­ges dort sta­tio­nier­ten Marsch­flug­kör­per. Je­der in der Ge­gend kann­te Gre­en­ham Com­mon und er­in­ner­te sich an die da­mals dort er­rich­te­ten Frie­dens­camps der Atom­kriegs­geg­ner.

„Wo in Gre­en­ham?“, woll­te ich wis­sen. „Was ha­ben Sie mit ihm vor?“„Gar nichts. So­lan­ge er mit­spielt.“„Wo­bei?“, frag­te sie. „Wenn er mir das Geld mei­ner Mut­ter zu­rück­gibt, las­se ich ihn in Ru­he.“

Die Steu­er­un­ter­la­gen wür­de ich ihm auch ab­neh­men. „Und wenn nicht?“„Dann über­re­de ich ihn“, sag­te ich lä­chelnd.

„Wie denn?“, frag­te sie mit ei­nem An­flug von Sar­kas­mus. „Wol­len Sie von ihm auch Nackt­auf­nah­men ma­chen?“

„Das nun nicht gera­de“, mein­te ich. „Aber mir wird schon was ein­fal­len.“

Bush Clo­se in Gre­en­ham be­stand weit­ge­hend aus je­nen gleich­för­mi­gen mo­der­nen Fer­tig­teil­häu­sern, wie man sie über­all sieht, und Num­mer sech­zehn, das Haus von Alex Reece, stand ganz am En­de der Sack­gas­se.

Es war spä­ter Sams­tag­nach­mit­tag, und Ju­lie Yor­ke war, als ich sie ver­ließ, ei­nem Ner­ven­zu­sam­men­bruch na­he ge­we­sen. Da­bei hat­te ich le­dig­lich an­ge­deu­tet, wenn sie in den nächs­ten sechs­und­drei­ßig St­un­den auch nur ver­su­chen wür­de, Kon­takt mit Alex Reece auf­zu­neh­men, ob per­sön­lich, per E-Mail oder Te­le­fon, wä­re das für mich ein Grund, die frei­zü­gi­gen Fo­tos ih­rem Mann zu­kom­men zu las­sen und sie auf mei­ner neu­en Face­book­sei­te im In­ter­net zu pos­ten.

Sie hat­te mich an­ge­fleht, die Fo­tos von mei­ner Ka­me­ra zu lö­schen, aber ich hat­te ihr ge­ant­wor­tet, da sie und Alex mit der Er­pres­se­rei an­ge­fan­gen hät­ten, dürf­ten sie sich jetzt nicht be­kla­gen, dass ih­nen mit glei­cher Mün­ze heim­ge­zahlt wur­de.

Ich hat­te Ian Nor­lands Wa­gen an der Wes­tern La­ne in Gre­en­ham ab­ge­stellt und war zu Fuß die paar Schrit­te in die Bush Clo­se ge­gan­gen. Auf dem Arm trug ich ei­nen Stoß Gra­tis­zei­tun­gen, die ich an der Tank­stel­le mit­ge­nom­men hat­te, und wäh­rend ich die Stra­ße ent­lang­ging, steck­te ich in je­den Brief­kas­ten ei­ne da­von. Die Häu­ser wa­ren bei nä­he­rer Be­trach­tung nicht genau gleich, aber sehr ähn­lich, und Num­mer sech­zehn hat­te ei­ne Kunst­stoff­tür im sel­ben Stil wie die an­de­ren.

„Wann kommt Alex zu­rück?“, hat­te ich Ju­lie ge­fragt.

„Sein Flug­zeug lan­det mor­gen Abend um zwan­zig nach sechs in He­a­throw.“

„Und wie kommt er nach Gre­en­ham?“„Kei­ne Ah­nung.“Ich blieb ei­nen Mo­ment vor der Haus­tür von Num­mer sech­zehn ste­hen und rück­te die rest­li­chen Zei­tun­gen zu­recht. Da­bei sah ich mich nach ei­nem ge­eig­ne­ten Ver­steck um, doch die kur­ze Zu­fahrt um­gab bloß Gras. Und ich schau­te, von wel­chem der an­de­ren Häu­ser man di­rekt die Haus­tür von Num­mer sech­zehn se­hen konn­te, das leicht zu­rück­ge­setzt ne­ben der Ein­zel­ga­ra­ge stand.

Nur Num­mer fünf­zehn, ge­gen­über, hat­te freie Sicht.

Ich füt­ter­te noch ein paar Brief­käs­ten, auch den von Num­mer fünf- zehn, mit mei­ner Zei­tung, ehe ich in Rich­tung von Ians Wa­gen da­von­ging. Dort an­ge­kom­men, ent­deck­te ich ein Tor, das auf ei­ne an­gren­zen­de Wie­se führ­te. Hin­ter dem Haus von Alex Reece und al­len an­de­ren mit ge­ra­den Haus­num­mern in Bush Clo­se lag Acker­land, und sorg­fäl­tig er­kun­de­te ich ei­ne Zeit­lang das gan­ze Ge­län­de.

Ich sah auf die Uhr. Es war kurz nach halb sechs, und es däm­mer­te schon.

Alex Reece konn­te frü­hes­tens am nächs­ten Abend um acht wie­der hier sein, wahr­schein­lich eher ge­gen neun, wenn er am Flug­ha­fen Ge­päck ab­zu­ho­len hat­te. So­fern sein Flug über­haupt pünkt­lich an­kam. Um acht wür­de es je­den­falls längst dun­kel sein.

Im Schat­ten der Bäu­me lief ich an den Gär­ten von Bush Clo­se ent­lang, bis ich zu Num­mer sech­zehn kam. Ne­ben­an, in der Kü­che von Num­mer vier­zehn, brann­te Licht, und ich sah ei­nen Mann und ei­ne Frau, die sich un­ter­hiel­ten. Gut so, dach­te ich. Von ei­nem be­leuch­te­ten Raum aus konn­te man we­gen der spie­geln­den Fens­ter nicht se­hen, was drau­ßen in der Däm­me­rung vor­ging, schon gar nicht, wenn man in ein Ge­spräch ver­tieft war. Es war so gut wie aus­ge­schlos­sen, dass sie mich be­merk­ten.

Schnell schwang ich mich über den nied­ri­gen Zaun in den Gar­ten von Alex Reece. Auch hier gab es vor­wie­gend Ra­sen­flä­chen, so dass man sich we­der in wu­chern­den Pflan­zen ver­hed­dern noch an dor­ni­gen Ro­sen­sträu­chern hän­gen­blei­ben konn­te.

Lei­se lief ich zur Rück­sei­te der Ga­ra­ge und schau­te hin­ein. Selbst im schwin­den­den Licht konn­te ich die glän­zen­den Kon­tu­ren ei­nes Wa­gens aus­ma­chen. Mr. Reece kam al­so wahr­schein­lich mit dem Ta­xi nach Hau­se, ent­we­der di­rekt vom Flug­ha­fen oder vom Bahn­hof New­bury aus. Und ich wür­de ihn er­war­ten. „Ha­ben wir ge­won­nen?“, frag­te ich Ian, als ich um sie­ben bei ihm zur Tür her­ein­kam.

„Was denn?“, sag­te er, oh­ne den Blick vom Bild­schirm ab­zu­wen­den.

„Ore­gon“, ant­wor­te­te ich. „Das Ren­nen in Hay­dock.“

„Spie­lend.“Er dreh­te sich im­mer noch nicht um. „Mit sechs Län­gen. Dürf­te im Tri­umph schwer zu schla­gen sein.“

„Gut“, sag­te ich zu sei­nem Hin­ter­kopf. „Was gibt’s zu se­hen?“„Ei­ne Ta­l­ent­show.“„Ha­ben Sie schon ge­ges­sen?“„Heu­te Mit­tag ei­ne Piz­za“, ant­wor­te­te er. „Ei­ne von den tief­ge­kühl­ten, die Sie ges­tern mit­ge­bracht ha­ben. Aber erst nach dem Ren­nen. Vor­her war ich zu ner­vös.“„Und ha­ben Sie jetzt Hun­ger?“„Nicht rich­tig. Noch nicht. Viel­leicht ess ich spä­ter was Chi­ne­si­sches.“

„Pri­ma“, sag­te ich. „Dann hol ich uns noch mal was.“

Er dreh­te sich um und lä­chel­te, und ich nahm an, er hat­te ge­hofft, dass ich das sa­gen wür­de.

„Wie lan­ge wol­len Sie blei­ben?“, frag­te er, wie­der mit Blick auf den Bild­schirm.

„Wenn Sie möch­ten, such ich mir was an­de­res“, er­wi­der­te ich. „Nach drei Ta­gen wird Be­such be­kannt­lich läs­tig, und mei­ne Zeit läuft heu­te Abend ab.“

„Blei­ben Sie, so lan­ge Sie wol­len“, mein­te er. „Ich hab Sie gern hier.“

Und mein Gra­tis­es­sen, dach­te ich, doch viel­leicht zu Un­recht.

(Fort­set­zung folgt)

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