Ent­schei­dend ist auf ’m Kon­to

Rheinische Post Goch - - STIMME DES WESTENS - VON GI­AN­NI COS­TA, RO­BERT PE­TERS UND THO­MAS REISENER

Dass die Ver­ga­be in­ter­na­tio­na­ler Fuß­ball-Tur­nie­re nicht im­mer le­gal ab­läuft. wird seit Lan­gem ver­mu­tet. Jetzt tref­fen schwe­re Vor­wür­fe den DFB. Das Mil­li­ar­den­ge­schäft Fuß­ball ist an­fäl­li­ger ge­wor­den für kri­mi­nel­le Ma­chen­schaf­ten.

DÜSSELDORF Es gab im­mer mal wie­der die­se Ge­rüch­te. Deutsch­land soll bei der Ver­ga­be der WM 2006 et­was nach­ge­hol­fen ha­ben. Bis kurz vor der Ent­schei­dung lag Süd­afri­ka, der ärgs­te Kon­kur­rent, um ei­ni­ge Stim­men vorn. Au­ßer­halb Eu­ro­pas woll­te da­mals nie­mand den DFB un­ter­stüt­zen. Die Stim­mung än­der­te sich in­des bin­nen kür­zes­ter Zeit ge­wal­tig. In den Schluss­wo­chen wech­sel­ten vor al­lem die asia­ti­schen Ver­bän­de das La­ger. Der Au­tor Tho­mas Kis­ter be­schreibt in sei­nem Buch „Fi­fa Ma­fia“, wie deut­sche Fir­men Mil­lio­nen in Län­dern in­ves­tier­ten, die Ver­tre­ter im Exe­ku­tiv­ko­mi­tee hat­ten, dem höchs­ten Ent­schei­dungs­gre­mi­um des Welt­ver­bands. Mer­ce­des, Spon­sor der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft, soll 800 Mil­lio­nen Eu­ro in den süd­ko­rea­ni­schen Au­to­bau­er Hy­un­dai ge­steckt ha­ben. Wie es der Zu­fall will, saß ein Sohn des Hy­un­dai-Grün­ders zu je­ner Zeit im Exe­ku­tiv­ko­mi­tee der Fi­fa.

Beim DFB glaubt man, für vie­les plau­si­ble Er­klä­run­gen zu ha­ben. In ei-

Si­mon Zeid­ler ner ges­tern ver­brei­te­ten Pres­se­mit­tei­lung wer­den im­mer­hin Un­ge­reimt­hei­ten rund um ei­ne Zah­lung von 6,7 Mil­lio­nen Eu­ro an den Welt­ver­band ein­ge­räumt. Man ha­be den Vor­gang in­tern un­ter­su­chen las­sen. Die ei­ge­nen Er­mitt­ler hät­ten aber kei­ne An­halts­punk­te ge­fun­den, die zur An­nah­me ver­lei­ten könn­ten, die WM 2006, prä­zi­se die Stim­men von De­le­gier­ten beim Ver­ga­be­ver­fah­ren, sei­en ge­kauft wor­den. Franz Be­cken­bau­er führ­te da­mals als Prä­si­dent des Or­ga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tees die Be­wer­bung an, der heu­ti­ge DFBPrä­si­dent Wolf­gang Niers­bach war ei­ner sei­ner Stell­ver­tre­ter. Der frü­he­re Adi­das-Chef Ro­bert Lou­is-Drey­fus soll als Pri­vat­mann dem deut­schen Be­wer­bungs­ko­mi­tee 13 Mil­lio­nen Mark ge­lie­hen ha­ben. Da­mit soll­ten, be­rich­tet zu­min­dest der „Spie­gel“, die vier Stim­men der asia­ti­schen Ver­tre­ter im Fi­fa-Exe­ku­tiv­ko­mi­tee ge­won­nen wer­den.

Adi­das gab zu­nächst kei­ne Stel­lung­nah­me ab. Das Un­ter­neh­men zählt zu den engs­ten Ver­bün­de­ten des DFB – die Be­zie­hun­gen rei­chen bis zum WM-Sieg 1954 zu­rück. Die en­gen Ver­flech­tun­gen zwi­schen dem Sport­ar­ti­kel­her­stel­ler aus Her­zo­ge­nau­rach und dem Fuß­ball­ver­band ha­ben in der Bran­che schon seit Lan­gem für Spe­ku­la­tio­nen ge­sorgt. Be­son­ders der schärfs­te Mit­be­wer­ber, der US-Kon­zern Ni­ke, spot­te­te, es sei egal, was man dem DFB für ei­nen Aus­rich­ter­ver­trag bie­ten wür­de, den Zu­schlag be­kom­me so­wie­so Adi­das. Der ak­tu­el­le Kon­trakt läuft 2018 aus – Adi­das bie­tet für ei­ne Ver­län­ge­rung um zehn Jah­re dem Ver­neh­men nach ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro. Bei der letz­ten Ver­hand­lungs­run­de 2006 hat­te Ni­ke ein deut­lich bes­se­res An­ge­bot ab­ge­ge­ben – und ging am En­de doch leer aus.

Die am mut­maß­li­chen Skan­dal be­tei­lig­ten deut­schen Funk­tio­nä­re selbst ha­ben wohl kei­ne per­sön­li­chen Kon­se­quen­zen zu fürch­ten. „Es ste­hen die Vor­wür­fe der Un­treue, der Be­ste­chung und der Be­stech­lich­keit im Raum. Das wä­re al­les ver­jährt“, sagt der re­nom- mier­te Straf­recht­ler Si­mon Zeid­ler aus Düsseldorf. Oh­ne Ver­jäh­rung wä­ren sie beim Nach­weis der vom „Spie­gel“be­rich­te­ten Straf­ta­ten „mit Si­cher­heit ins Ge­fäng­nis ge­kom­men“, so Zeid­ler, „bei die­ser Grö­ßen­ord­nung kommt nie­mand mehr mit ei­ner Geld­stra­fe da­von, und Be­wäh­rung gibt es dann auch nicht mehr.“An­de­re Rechts­ex­per­ten be­zwei­fel­ten da­ge­gen, ob es über­haupt zu ei­ner An­kla­ge we­gen Be­ste­chung kom­men könn­te. Das ist näm­lich in Deutsch­land nur jus­ti­zia­bel, wenn es um Amts­trä­ger wie Be­am­te geht. Fuß­ball­funk­tio­nä­re ge­hö­ren nicht da­zu. In­ter­es­san­ter­wei­se hal­ten sich vie­le Sport­rechts­ex­per­ten mit Stel­lung­nah­men zu­rück. Denn vie­le von ih­nen ar­bei­ten mit dem DFB zu­sam­men und er da­mals auch hin­zu: „Die­ser Be­weis wur­de bis­her nicht er­bracht.“Das könn­te sich aber noch än­dern: Im­mer­hin er­mit­telt die Schwei­zer Bun­des­an­walt­schaft we­gen „Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten“bei der Ver­ga­be an Russ­land und Ka­tar.

Ei­ner der schärfs­ten Kri­ti­ker der Welt­meis­ter­schaf­ten in Russ­land und Ka­tar ist Theo Zwan­zi­ger. Er ge­hör­te zu den mäch­tigs­ten Sport-Funk­tio­nä­ren. Der 70-Jäh­ri­ge war Prä­si­dent des Deut­schen Fuß­ball-Bun­des und saß bis Mai 2014 im Exe­ku­tiv­ko­mi­tee des Welt­ver­bands. Wolf­gang Niers­bach trat sei­ne Nach­fol­ge als deut­scher und eu­ro­päi­scher Ver­tre­ter in der Welt­re­gie­rung des Fuß­balls an. Zwan­zi­ger ver­ließ die gro­ße Büh­ne ein­sam. Er war in Ungna­de ner­freund­schaft. Zwan­zi­ger hat seit­her je­den­falls nichts un­ver­sucht ge­las­sen, Niers­bachs In­te­gri­tät in­fra­ge zu stel­len.

Seit der in­ter­na­tio­na­le Fuß­ball zu ei­nem Mil­li­ar­den­ge­schäft wur­de, ist er an­fäl­lig für kri­mi­nel­le Ma­chen­schaf­ten. Oder, in Ab­wand­lung ei­nes Zi­tats von Fuß­ball-Le­gen­de Adi Preiß­ler: Ent­schei­dend ist auf’m Kon­to. Al­lein ARD und ZDF zah­len für die Über­tra­gungs­rech­te der WM in Russ­land und in Ka­tar je knapp 220 Mil­lio­nen Eu­ro. Für die WM 2006 wa­ren es 179 Mil­lio­nen Eu­ro. Hin­zu kom­men ne­ben ähn­lich ho­hen Sum­men für Über­tra­gungs­rech­te in an­de­re In­dus­trie­län­der vor al­lem die gi­gan­ti­schen Wer­be- und Spon­so­ren­ein­nah­men. So setz­te die Fi­fa mit der jüngs­ten WM in Bra­si­li­en 3,3 Mil­li­ar­den

„Es ste­hen Vor­wür­fe der Un­treue und der Be­stech­lich­keit im Raum“

Straf­recht­ler

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