Al­les nur ge­lo­gen?

Rheinische Post Goch - - WM-SKANDAL - VON RO­BERT PE­TERS UND GI­AN­NI COS­TA

Der DFB ge­wann 2000 im Ab­stim­mungs-Kri­mi mit 12:11 Stim­men ge­gen Süd­afri­ka. Ge­rüch­te, Deutsch­land ha­be bei der Ver­ga­be der Fuß­ball-WM 2006 ma­ni­pu­liert, gab es schon län­ger. Bis­lang konn­ten die­se nicht be­wie­sen wer­den.

DÜSSELDORF Es ist wie bei der Os­carver­lei­hung. Auf der Büh­ne zieht Fi­fa-Prä­si­dent Sepp Blat­ter ein Pa­pier aus ei­nem Um­schlag. In der Zü­ri­cher Mes­se ist die Span­nung mit Hän­den zu grei­fen. Um 14.07 Uhr sagt der Chef des Fuß­ball-Welt­ver­bands die­sen ma­gi­schen Satz: „The Win­ner is“– klei­ne Pau­se – „Deutsch­land.“In der deut­schen De­le­ga­ti­on bricht ein Ju­bel aus, der nur mit dem nach ganz gro­ßen Sie­gen auf dem Ra­sen zu ver­glei­chen ist. Deutsch­land ist zum Aus­rich­ter der Welt­meis­ter­schaft 2006 ge­kürt wor­den. Franz Be­cken­bau­er, der Prä­si­dent des Be­wer­bungs­ko­mi­tees, wirft sich sei­nem lang­jäh­ri­gen Ver­trau­ten Fe­dor Rad­mann an den Hals, die De­le­ga­ti­on führt Freu­den­tän­ze auf. „Es war die größ­te Her­aus­for­de­rung mei­nes Le­bens“, sagt Be­cken­bau­er, „hö­her zu be­wer­ten als die Welt­meis­ter­ti­tel, die ich als Spie­ler und Te­am­chef ge­won­nen ha­be.“Es ist Don­ners­tag, der 6. Ju­li 2000. Und die Deut­schen füh­len sich wie im Mär­chen.

Sechs Jah­re spä­ter er­lebt das gan­ze Land sein Som­mer­mär­chen. Deutsch­land stellt sich der Welt als freund­li­cher, gut ge­laun­ter, wit­zi­ger Gast­ge­ber vor. „Die Welt zu Gast bei Freun­den“, ist das Mot­to. Es ge­lingt die per­fek­te Um­set­zung. Die Gäs­te der Deut­schen schwö­ren ih­rem Vor­ur­teil ab, nach de­nen die Teu­to­nen un­be­lehr­ba­re Bes­ser­wis­ser und hu­mor­lo­se Bü­ro­kra­ten sind. Ei­nen Mo­nat lang fei­ert der Fuß­ball in der Mit­te Eu­ro­pas ei­ne gro­ße Par­ty. So­gar das Wet­ter ist schön. Und ganz ne­ben­bei spie­len die Deut­schen ei­nen her­vor­ra­gen­den Fuß­ball. Sie stür­men bis auf Platz drei und wer­den ge­fei­ert, als hät­ten sie den Ti­tel ge­won­nen.

Das größ­te Sport­fest auf deut­schem Bo­den steht jetzt nach dem Be­richt des „Spie­gel“in völ­lig an­de­rem Licht da. Ist das Som­mer­mär­chen ein Lü­gen­mär­chen? Ent­stand die­se Par­ty, die dem Land ein völ­lig neu­es An­se­hen in der Welt ein­trug, aus ei­nem gro­ßen Be­trug? Ist der DFB, der größ­te Sport­ver­band der Er­de, so kor­rupt wie die Fi­fa und de­ren Prä­si­dent Sepp Blat­ter, die er jüngst an den Pran­ger ge­stellt hat? Vie­le hal­ten das für un­denk­bar.

Da geht es wei­ten Tei­len der Öf­fent­lich­keit nicht an­ders als den Zeit­zeu­gen der Wahl Deutsch­lands zum Aus­rich­ter der WM 2006. Sie glau­ben vor 15 Jah­ren na­tür­lich dar­an, dass aus­schließ­lich Be­cken­bau­ers aus­dau­ern­des Rei­sen in die Län­der der Fi­fa-Mit­glieds­staa­ten ei­ne po­si­ti­ve Stim­mung für Deutsch­land er­zeugt hat. Sie sind si­cher, dass die letz­te Prä­sen­ta­ti­on vor den Mit­glie­dern des Exe­ku­tiv­ko­mi­tees der Fi­fa den Aus­schlag ge­ge­ben hat. Be­cken­bau­er spricht von Ho­tel­ka­pa­zi­tä­ten, In­fra­struk­tur, zu­kunfts­wei­sen­den Sta­di­en. Auf der Büh­ne drü­cken Bun­des­kanz­ler Ger­hard Schrö­der, die le­ben­de Ten­nis­le­gen­de Bo­ris Becker, der ehe­ma­li­ge Fuß­ball-Welt­star Gün­ter Net­zer und das Mo­del Clau­dia Schif­fer die Dau- men. Noch in die­sem Ju­ni sagt DFBPrä­si­dent Wolf­gang Niers­bach, da­mals im Be­wer­bungs­ko­mi­tee und spä­ter Vi­ze­prä­si­dent im WM-Or­ga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tee: „Ich darf dar­an er­in­nern, dass wir die bes­te Be­wer­bung hat­ten.“

Ob das tat­säch­lich ent­schei­dend war, muss im­mer mehr an­ge­zwei­felt wer­den. Deutsch­land wird mit ei- nem knap­pen Ab­stim­mungs­er­geb­nis ge­wählt: 12:11 bei ei­ner Ent­hal­tung. Dar­an ent­zün­den sich da­mals wüs­te Theo­ri­en.

Die er­staun­lichs­te prä­sen­tiert das Sa­ti­rema­ga­zin „Ti­ta­nic“. De­ren Chef­re­dak­teur Mar­tin Son­ne­born be­haup­tet, sein Ma­ga­zin und nicht Franz Be­cken­bau­er ha­be die WM nach Deutsch­land ge­holt. Am Vor- abend der Ent­schei­dung schickt das Blatt ein fin­gier­tes Fax an die Mit­glie­der des Exe­ku­tiv­ko­mi­tees. Für die Un­ter­stüt­zung der deut­schen Be­wer­bung ver­spricht das Schrei­ben, das un­ter den Tü­ren in die Zim­mer im Grand Ho­tel Dol­der ge­scho­ben wird, „ei­nen Korb mit Spe­zia­li­tä­ten aus dem Schwarz­wald, wirk­lich gu­te Würs­te, Schin­ken und – hal­ten Sie sich fest – ei­ne wun­der­vol­le Ku­ckucks­uhr.“

Tat­säch­lich fällt ei­ner der Wahl­män­ner ei­nen Tag spä­ter um. Der Neu­see­län­der Charles Demp­sey soll ei­gent­lich für Süd­afri­ka stim­men, beim Patt hät­te die Stim­me des Prä­si­den­ten Blat­ter dop­pelt ge­zählt. Und Blat­ter ist für Süd­afri­ka. Demp­sey aber ent­hält sich. Im Fern­se­hen sagt er: „Die­ses letz­te Fax brach mir den Hals.“Spä­ter be­teu­ert er, der „Druck ein­fluss­rei­cher eu­ro­päi­scher In­ter­es­sen­ver­bän­de“ha­be die ent­schei­den­de Rol­le ge­spielt. Noch spä­ter er­klärt Demp­sey: „Den Haupt­aus­schlag gab, dass bei mei­nen Kol­le­gen ge­tu­schelt wur­de, ich wür­de Geld von der De­le­ga­ti­on Süd­afri­kas neh­men. Dem woll­te ich mit mei­ner Ent­hal­tung ent­ge­gen­tre­ten.“

Der lang­jäh­ri­ge Fi­fa-Prä­si­dent Sepp Blat­ter be­merkt ein paar Jah­re spä­ter in ei­nem Ne­ben­satz in ei­nem In­ter­view mit der Schwei­zer Zei­tung „Blick“: „Ge­kauf­te WM? Da er­in­ne­re ich mich an die WM-Ver­ga­be für 2006, wo im letz­ten Mo­ment je­mand den Raum ver­ließ.“

Der DFB kann die Darstel­lung der „Ti­ta­nic“über­haupt nicht lus­tig fin­den. Er droht dem Ma­ga­zin ei­ne Scha­den­er­satz­kla­ge in Hö­he von 600 Mil­lio­nen Mark (mehr als 300 Mil­lio­nen Eu­ro) an. Die „Bild“ver­öf­fent­licht die Te­le­fon­num­mer der „Ti­ta­nic“-Re­dak­ti­on und ruft ih­re Le­ser da­zu auf, den Re­dak­teu­ren die Mei­nung zu sa­gen. Die ma­chen von die­sem An­ge­bot re­gen Ge­brauch. „Nest­be­schmut­zer“und „Va­ter­lands­ver­rä­ter“sind noch die harm­lo­ses­ten Be­zeich­nun­gen, die ih­nen ein­fal­len.

Die­ser Auf­ruhr ist längst ver­ges­sen, als die deut­sche Mann­schaft am 9. Ju­ni 2006 mit ei­nem 4:2-Er­folg über Cos­ta Ri­ca ins Tur­nier star­tet. Es ist der Auf­takt für ein paar Wo­chen, die nicht nur we­gen der deut­schen Er­fol­ge schließ­lich zum Som­mer­mär­chen wer­den. Es herrscht ein Glanz über dem Land, der so gar kei­ne trü­ben Ge­dan­ken zu­lässt. Deutsch­land ent­deckt ei­nen ent­spann­ten Na­tio­nal­stolz, ein Land er­fin­det sich in die­sen Wo­chen neu. Den Grund­stein da­für hat die Ab­stim­mung in Zü­rich sechs Jah­re vor dem Tur­nier ge­legt. Dass es bei die­ser Wahl nicht mit rech­ten Din­gen zu­ge­gan­gen sein soll, ist ei­ne schreck­li­che Vor­stel­lung.

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