„Pegida und AfD sind rhe­to­ri­sche Brand­stif­ter“

Rheinische Post Goch - - POLITIK - MICHA­EL BRÖCKER UND JAN DREBES FÜHR­TEN DAS IN­TER­VIEW. DIE VOLL­STÄN­DI­GE VER­SI­ON LE­SEN SIE UN­TER WWW.RP-ON­LI­NE.DE/MAAS

Der Bun­des­jus­tiz­mi­nis­ter über sein kla­res Nein zu Tran­sit­zo­nen, ei­ne här­te­re Ab­schie­be­pra­xis und die Be­dro­hung durch rech­te Grup­pen.

BERLIN Wir tref­fen Bun­des­jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD) in sei­nem Amts­sitz in Berlin. Er ab­sol­viert der­zeit ein stram­mes Pro­gramm von Flücht­lings­kri­se und Vor­rats­da­ten­spei­che­rung bis zu neu­en BND-Vor­wür­fen. Im Ge­spräch wirkt er ru­hig und ge­las­sen und setzt sich – an­ders als man­che Mi­nis­ter­kol­le­gen – oh­ne di­cke Ak­ten­map­pe an den Tisch. Herr Maas, funk­tio­niert der Rechts­staat nicht mehr? MAAS Wie kom­men Sie dar­auf? Weil Deutsch­land nicht weiß, wie vie­le Flücht­lin­ge kom­men, weil es die Rück­füh­rung ab­ge­lehn­ter Asyl­be­wer­ber nicht hin­be­kommt, weil Kom­mu­nen Über­for­de­rung und Cha­os mel­den. MAAS Wir sind in ei­ner au­ßer­ge­wöhn­li­chen Si­tua­ti­on, aber un­ser Rechts­staat funk­tio­niert. Pro­ble­me gibt es bei den Asyl­ver­fah­ren und der Un­ter­brin­gung, weil es schlicht so vie­le Men­schen sind, die zu uns kom­men. Des­we­gen sor­gen wir ja auch für deut­lich mehr Per­so­nal beim Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge. Wir wol­len den Asyl­be­wer­bern schnel­ler sa­gen, ob sie blei­ben kön­nen. Wer nicht blei­ben darf, der muss das Land dann auch schnell wie­der ver­las­sen. Denn der Zustrom ist un­ge­bro­chen, und wir be­nö­ti­gen wirk­lich je­den Platz für die­je­ni­gen, die un­se­re Hil­fe am drin­gends­ten brau­chen. Die Uni­on will mit so­ge­nann­ten Tran­sit­zo­nen den Zustrom brem­sen. Die SPD will das nicht. Wie soll der Zustrom ge­re­gelt wer­den? MAAS Wir wol­len die Flücht­lin­ge schnel­ler re­gis­trie­ren und schnel­le­re Asy­l­er­fah­ren. Al­les, was da­zu bei­trägt und mit den gel­ten­den Ge­set­zen ver­ein­bar ist, wer­den wir tun. Aber Tran­sit­zo­nen in der Form, wie die Uni­on sie vor­ge­schla­gen hat, sind in Wirk­lich­keit Haft­zo­nen. Wir brau­chen kei­ne Mas­sen­ge­fäng­nis­se für Zehn­tau­sen­de Flücht­lin­ge an un­se­ren Gren­zen. Sie sind recht­lich be­denk­lich und lö­sen kein ein­zi­ges Pro­blem. Ei­ne gel­ten­de EU-Richt­li­nie er­mög­licht sol­che Zo­nen. MAAS Aber die Asyl­ver­fah­rens­richt­li­nie ist in­so­weit pri­mär für die Au­ßen­gren­zen der EU ge­dacht, nicht für die Bin­nen­gren­zen. Der Wort­laut wür­de auch das her­ge­ben, sa­gen Ex­per­ten. MAAS Wenn über­haupt, dann nur als ei­ne au­ßer­or­dent­li­che Maß­nah­me für ei­nen be­grenz­ten Zei­t­raum. Ent­schei­dend bleibt aber: Sie wür­de prak­tisch nicht funk­tio­nie­ren. Flücht­lin­ge las­sen sich doch nicht frei­wil­lig dort ein­sper­ren. Sie wür­den dann ein­fach über die grü­ne Gren­ze kom­men. Wie sol­len Men­schen denn sonst schnel­ler zu­rück­ge­schickt wer­den? MAAS Erst mal müs­sen die aus­rei­se­pflich­ti­gen, nicht an­er­kann­ten Asyl­be­wer­ber, die schon in Deutsch­land sind, zu­rück­ge­führt wer­den. Aber ge­nau das pas­siert ja nicht. Ei­ne gro­ße Zahl der Aus­rei­se­pflich­ti­gen bleibt ein­fach im Land. MAAS Und des­we­gen ha­ben wir ja ge­setz­lich be­schlos­sen, dass künf­tig die­je­ni­gen, die ih­re Aus­rei­se­frist ver­strei­chen las­sen, nur noch re­du­zier­te Leis­tun­gen er­hal­ten. Sie be­kom­men Un­ter­kunft in gro­ßen Ein­rich­tun­gen, Nah­rung und Hy­gie­ne­ar­ti­kel bis zu ih­rem nächs­ten Aus­rei­se­ter­min. Und da­mit die be­tref­fen­den Per­so­nen nicht ein­fach ab­tau­chen, um der Ab­schie­bung zu ent­ge­hen, wer­den Ter­mi­ne für die Ab­schie­bun­gen grund­sätz­lich nicht mehr vor­her an­ge­kün­digt. Mit Blick auf die rie­si­ge Zahl der Flücht­lin­ge ist doch völ­lig klar: Wenn wir das schaf­fen wol­len, müs­sen wir un­se­re Hil­fe auf die­je­ni­gen kon­zen­trie­ren, die sie am nö­tigs­ten ha­ben. Und das sol­len die Län­der auch bei Fa­mi­li­en mit Kin­dern durch­zie­hen? MAAS Das ist schmerz­haft und nicht schön. Aber die Rechts­la­ge ist jetzt ein­deu­tig: Wer aus­rei­se­pflich­tig ist und Deutsch­land nicht frei­wil­lig ver­lässt, wird ab­ge­scho­ben. Die be­son­de­re Si­tua­ti­on von Min­der­jäh­ri­gen wird al­ler­dings bei der Prü­fung der Aus­rei­se­pflicht be­rück­sich­tigt. Im In­land scheut sich Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel, Ober­gren­zen zu zie­hen. Fürch­ten Sie, dass die Stim­mung bald kip­pen könn­te? MAAS Nein. Da­für ist die Sen­si­bi­li­tät und Ver­ant­wort­lich­keit in der deut­schen Be­völ­ke­rung viel zu hoch. Die Zahl der Hel­fer ist noch im­mer weit grö­ßer als die der Het­zer. Und oh­ne die vie­len Men­schen, die vor Ort mit an­pa­cken, könn­ten wir das al­les gar nicht schaf­fen. Den­noch: Es gibt auch Sor­gen, und die müs­sen wir ernst neh­men. Wie ge­fähr­lich sind die Men­schen für un­se­ren Staat, die mon­tags in Dres­den auf die Stra­ße ge­hen? MAAS Ge­fähr­lich für die Rechts­ord­nung sind sie nicht, ge­fähr­lich für die Men­schen, die sie be­dro­hen, schon. Wer Hit­ler­frat­zen bas­telt, der ist längst kein be­sorg­ter Bür­ger mehr. Je­der, der da hin­ter­her­läuft, muss sich vor­hal­ten las­sen, ra­di­ka­le Het­ze in Kauf zu neh­men. Die AfD hat ei­nen „hei­ßen Herbst“aus­ge­ru­fen. Ist die Par­tei zu­neh­mend de­ckungs­gleich mit Pegida? MAAS Ich ha­be den Ein­druck, dass ei­ni­ge Mit­glie­der bei­der Grup­pen sich teil­wei­se auch in ih­rer Rhe­to­rik über­bie­ten wol­len. Bei­de sind rhe­to­ri­sche Brand­stif­ter. Sie ha­ben die Grup­pen ei­ne „Schan­de für Deutsch­land“ge­nannt. Ist das nicht et­was hef­tig? MAAS Nein. Ich fin­de, wir müs­sen an die­ser Stel­le klar Far­be be­ken­nen. Deutsch­land ist ein to­le­ran­tes und welt­of­fe­nes Land. Bei Pegida ver­sam­melt sich ei­ne ex­trem ra­di­ka­le Min­der­heit. Wer Gal­gen baut und Men­schen dar­an bau­meln se­hen will, setzt Hemm­schwel­len her­ab. Nie­mand, der da mit­läuft, kann sich von der Ver­ant­wor­tung frei­ma­chen für die Ta­ten, die die­se Het­ze in­spi­riert. Für bren­nen­de Hei­me oder ver­letz­te Flücht­lings­hel­fer. Da gibt es kei­ne Aus­re­de mehr.

FOTO: LAIF

Der Saar­län­der Hei­ko Maas (49) ist seit 2013 Bun­des­jus­tiz­mi­nis­ter. Vor­her war er Vi­ze-Re­gie­rungs­chef im Saar­land und dort Wirt­schafts­mi­nis­ter. Der Va­ter von zwei Söh­nen ist lei­den­schaft­li­cher Tri­ath­let.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.