Front ge­gen Mer­kel – auch in­ter­na­tio­nal

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON EVA QUADBECK

Die Kanz­le­rin steht nicht nur in­nen­po­li­tisch un­ter Druck: Auch der EU-Gip­fel brach­te kei­nen Durch­bruch in der Flücht­lings­fra­ge.

BERLIN Lan­ge Ver­hand­lungs­näch­te sind Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel am nächs­ten Mor­gen nicht im­mer an­zu­se­hen. Nach dem EU-Gip­fel zeig­te sie ges­tern al­ler­dings deut­li­che Spu­ren der Er­schöp­fung: die Au­gen rot, die Spra­che fah­rig. Der schlech­te Auf­tritt wird nicht nur den lan­gen Ver­hand­lun­gen ge­schul­det ge­we­sen sein. Muss die Kanz­le­rin doch seit Ta­gen Kri­tik von al­len Sei­ten ein­ste­cken: Die CSU, ih­re Frak­ti­on, die Par­tei­ba­sis, die Kom­mu­nen, die Län­der und auch ih­re eu­ro­päi­schen Freun­de zei­gen sich vom Kurs der deut­schen Kanz­le­rin in der Flücht­lings­po­li­tik ir­ri­tiert.

In Brüs­sel wur­de ein Ak­ti­ons­plan ver­ab­re­det, der den Zustrom der Flücht­lin­ge nach Eu­ro­pa ein­däm­men soll. Doch ein ech­ter Durch­bruch ist nicht ge­lun­gen. Der­zeit kom­men täg­lich 5000 bis 10.000 Flücht­lin­ge nach Deutsch­land. In den 40 Ta­gen zwi­schen dem 5. Sep­tem­ber und dem 15. Ok­to­ber re­gis­trier­ten die Bun­des­län­der nach An­ga­ben des „Spie­gel“409.000 neue Mi­gran­ten. Bis Jah­res­en­de könn­te sich ih­re Zahl auf deut­lich über ei­ne Mil­li­on sum­mie­ren. Wann der Zustrom ge­min­dert wer­den kann, bleibt of­fen. Es gibt noch nicht ein­mal Ter­mi­ne für den Ak­ti­ons­plan.

Da­bei wä­re in­ter­na­tio­na­ler Er­folg für die Kanz­le­rin wich­tig, die in­nen­po­li­tisch un­ter Druck steht. Sie lehnt es bis­lang ab, öf­fent­lich zu kom­mu­ni­zie­ren, dass die Auf­nah­me­ka­pa­zi­tä­ten in Deutsch­land be­grenzt sind, und setzt auf die Kar­te der in­ter­na­tio­na­len Lö­sung.

Im Mit­tel­punkt ei­ner sol­chen Lö­sung steht die Tür­kei, die ih­re Gren­zen bes­ser über­wa­chen und mehr durch­ge­reis­te Flücht­lin­ge zu­rück­neh­men soll. Die Tür­kei er­war­tet im Ge­gen­zug drei Mil­li­ar­den Eu­ro, um die Flücht­lin­ge zu ver­sor­gen. Eu­ro­pa war bis­lang be­reit, ei­ne Mil­li­ar­de zu­sätz­lich zu ge­ben; auch die­se Fi­nan­zie­rung steht noch nicht fest. EUKom­mis­si­ons­prä­si­dent Je­an-Clau­de Juncker be­klag­te, die Mit­glied­staa­ten kä­men ih­ren Ver­pflich­tun­gen nicht nach. Ums Geld wird es er­neut ge­hen, wenn sich Mer­kel und der tür­ki­sche Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan mor­gen tref­fen.

Au­ßer Geld ver­langt die Tür­kei auch mehr An­er­ken­nung von den Eu­ro­pä­ern, wenn sie ei­nen Teil des Flücht­lings­pro­blems lö­sen soll. So wur­den in der Nacht auch Vi­sa-Er­leich­te­run­gen für Rei­sen­de aus der Tür­kei ver­ein­bart und die Ab­sicht er­klärt, dass die Bei­tritts­ge­sprä­che mit der EU „mit neu­er Ener­gie“ge­führt wer­den sol­len. Er­do­gan nutzt die La­ge für sich. Er frag­te ges­tern: „Wenn es oh­ne die Tür­kei nicht geht, war­um nehmt ihr die Tür­kei dann nicht in die EU auf?“Be­reits ges­tern sprach sich die Kanz­le­rin für ei­ne Puf­fer­zo­ne zwi­schen der Tür­kei und dem Ein­fluss­ge­biet des „Is­la­mi­schen Staats“in Sy­ri­en aus. Für Mer­kel ist das Zu­ge­hen auf die Tür­ken ei­ne Krö­te, die sie schlu­cken muss, lehnt sie doch wie ih­re Uni­on ei­nen EUBei­tritt der Tür­kei ab. Von Lin­ken und Grü­nen ha­gel­te es we­gen des Ent­ge­gen­kom­mens an den au­to­ri­tär re­gie­ren­den Er­do­gan Kri­tik.

Ei­ni­gen konn­ten sich die Staats­und Re­gie­rungs­chefs auch dar­auf, die Au­ßen­gren­zen der EU bes­ser zu si­chern. Die EU-Grenz­schutz­agen­tur Fron­tex soll das Recht er­hal­ten, in be­stimm­ten Fäl­len Flücht­lin­ge zu­rück­zu­füh­ren. Doch es hat nach Teil­neh­mer­an­ga­ben auch hef­tig ge­knallt. Die EU-Kom­mis­si­on will, un­ter­stützt von Deutsch­land, ei­ne Ver­teil­quo­te für Flücht­lin­ge durch­set­zen. Vor­bild soll nach Wunsch der Kanz­le­rin der bis­her ver­ein­bar­te Schlüs­sel für 160.000 Flücht­lin­ge sein. Ins­be­son­de­re die ost­eu­ro­päi­schen Län­der, die kaum be­reit sind, über­haupt Flücht­lin­ge auf­zu­neh­men, weh­ren sich da­ge­gen.

Für die Deut­schen ist der Streit pi­kant: Deutsch­land hat in der EU die Du­blin-Re­gel durch­ge­drückt, wo- nach Flücht­lin­ge in dem Land re­gis­triert wer­den müs­sen, in dem sie erst­mals eu­ro­päi­schen Bo­den be­tre­ten. Un­ter dem Druck des Flücht­lings­stroms lässt sich Du­blin nicht mehr ein­hal­ten. Zu­dem wird Mer­kel in Eu­ro­pa der Vor­wurf ge­macht, mit ih­rer Son­der­ge­neh­mi­gung für die An­fang Sep­tem­ber in Un­garn fest­sit­zen­den Flücht­lin­ge und dem wei­te­ren Ein­lass al­ler Neu­an­kömm­lin­ge auch da­nach eben die­se Re­ge­lung per­ma­nent zu ver­let­zen. In die­ser Fra­ge ist sie al­so in ei­ner sehr schwie­ri­gen Ver­hand­lungs­po­si­ti­on.

Mer­kel, die in Deutsch­land vor al­lem in den ei­ge­nen Rei­hen un­ter Druck steht, sich auch na­tio­nal für ei­ne Be­gren­zung der Flücht­lings­zah­len ein­zu­set­zen, klingt auf dem eu­ro­päi­schen Par­kett an­ders als in der Hei­mat: „Wir brau­chen Steue­rung, wir brau­chen Ord­nung, wir brau­chen Pl­an­bar­keit, und das be­deu­tet auch Las­ten­tei­lung“, sag­te sie nach der Sit­zung in Brüs­sel in Be­zug auf die Wei­ge­rung ins­be­son­de­re der Ost­eu­ro­pä­er, sich in der Flücht­lings­fra­ge so­li­da­risch und hu­ma­ni­tär zu zei­gen. Mer­kels Tak­tik be­steht dar­in, die Pro­ble­me au­ßer­halb Eu­ro­pas zu lö­sen, wenn sie sich nicht in der EU be­he­ben las­sen. So er­gänz­te sie, dass es vor­ran­gig sei, „dass man den Schlep­pern nicht mehr die Ho­heit über ir­gend­wel­che Ho­heits­ge­wäs­ser über­lässt“.

Auf na­tio­na­ler Ebe­ne sieht sie an­ders als die CSU und ei­ne wach­sen­de Grup­pe in ih­rer ei­ge­nen Par­tei kei­ne Chan­ce, den Zustrom zu be­gren­zen. Wie der Rest der Uni­on al­ler­dings ist Mer­kel für Tran­sit­zo­nen, aus de­nen Asyl­be­wer­ber oh­ne Aus­sicht auf Blei­be­recht schnel­ler ab­ge­scho­ben wer­den kön­nen. Sie wer­de „nicht ru­hen und ras­ten, bis wir auch die So­zi­al­de­mo­kra­ten da­von über­zeugt ha­ben“, sag­te Mer­kel ges­tern Abend bei der Jun­gen Uni­on.

FOTO: AP

Nach ei­ner lan­gen Ver­hand­lungs­nacht: Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel in Brüs­sel auf dem Weg zur mor­gend­li­chen Pres­se­kon­fe­renz.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.