Frank­reichs La­ger­kom­plex

Rheinische Post Goch - - POLITIK - VON CHRIS­TI­NE LON­GIN

Der fran­zö­si­sche Re­gie­rungs­chef Ma­nu­el Valls hat ges­tern ei­ne Ge­denk­stät­te im ehe­ma­li­gen In­ter­nie­rungs­la­ger Ri­ves­al­tes ein­ge­weiht. Der Ort im Grenz­ge­biet zu Spa­ni­en zeich­net den Um­gang des Lan­des mit dem Frem­den nach.

RI­VES­AL­TES Der ros­ti­ge St­a­chel­draht ist ge­blie­ben, auch die bau­fäl­li­gen Ba­ra­cken. Doch mit­ten in die mehr als 70 Jah­re al­te La­ger­an­la­ge von Ri­ves­al­tes hat Ar­chi­tekt Ru­dy Ric­ciot­ti ei­nen ocker­far­be­nen Qua­der von 210 Me­tern Län­ge ge­setzt. In die­sem in die Er­de ver­senk­ten Kunst­werk soll zu­künf­tig der ins­ge­samt 60.000 Men­schen ge­dacht wer­den, die einst un­ter mi­se­ra­blen Be­din­gun­gen im „Camp Ri­ves­al­tes“un­ter­ge­bracht wa­ren. „Die Un­er­wünsch­ten“steht in gro­ßen Buch­sta­ben auf ei­ner der In­for­ma­ti­ons­ta­feln. Es ist die­ser Be­griff, der die In­sas­sen des größ­ten La­gers We­st­eu­ro­pas ver­bin­det, in dem der fran­zö­si­sche Re­gie­rungs­chef Ma­nu­el Valls ges­tern ei­ne Ge­denk­stät­te ein­weih­te.

„Der Qua­der liegt da wie ein Klotz, der schwer wiegt für das

Ge­wis­sen“

Ru­dy Ric­ciot­ti

Ge­denk­stät­ten-Ar­chi­tekt

1939 er­rich­tet, wa­ren es zu­nächst Tau­sen­de Geg­ner des Dik­ta­tors Fran­cis­co Franco, die aus Spa­ni­en flo­hen und in dem La­ger rund 50 Ki­lo­me­ter von der fran­zö­sisch-spa­ni­schen Gren­ze ent­fernt un­ter­ka­men. 1942 nahm die deut­sche Wehr­macht das La­ger ein und pferch­te dort rund 5000 Ju­den ein. Gut 2300 Ju­den wur­den da­mals von Ri­ves­al­tes über das Durch­gangs­la­ger Dran­cy nach Au­schwitz de­por­tiert – nur 157 über­leb­ten.

Auch in Ri­ves­al­tes, wo im Win­ter bei­ßen­de Käl­te herrscht, star­ben da­mals zahl­rei­che Men­schen. „Die Hy­gie­ne war er­bärm­lich“, sag­te der His­to­ri­ker Ni­co­las Le­bourg in der Zei­tung „Li­bé­ra­ti­on“. „Das Was­ser wur­de durch Fä­ka­li­en in der Nä­he ei­nes der bei­den Brun­nen ver­schmutzt.“Die Ge­mein­schaft­du­schen sei­en nur al­le zwei Wo­chen für die Ge­fan­ge­nen ge­öff­net ge­we­sen.

Nach dem Krieg wur­den Kriegs­ge­fan­ge­ne und Kol­la­bo­ra­teu­re in dem La­ger nörd­lich von Per­pi­gnan in den Py­re­nä­en un­ter­ge­bracht. Nach­dem Al­ge­ri­en 1962 sei­ne Un­ab­hän­gig­keit er­klärt hat­te, ka­men rund 20.000 al­ge­ri­sche Hilfs­sol­da­ten, die Har­kis, die bei der frü­he­ren Ko­lo­ni­al­macht Schutz such­ten und in Ri­ves­al­tes ab­ge­kap­selt leb­ten. Und auch nach­dem 1977 die letz­ten Har­kis das La­ger ver­las­sen hat­ten, war es wei­ter­hin in Be­trieb – zu­letzt als Ab­schie­be­ge­fäng­nis. 2007 wur­de es end­gül­tig ge­schlos­sen.

„In Ri­ves­al­tes ver­folgt man die Ge­schich­te ei­nes Jahr­hun­derts, die Ge­schich­te des Ab­stiegs der Min­der­hei­ten“, sagt Ni­co­las Le­bourg. Sein His­to­ri­ker-Kol­le­ge Ab­de­rah­men Mo­u­men, der zu­sam­men mit Le­bourg ein Buch über Ri­ves­al­tes ge­schrie­ben hat, stellt den Be­zug zur heu­ti­gen Flücht­lings­kri­se her: „Aus­ge­hend von den Kri­sen der 30er Jah­re kann man al­le Kri­sen und Span­nun­gen der Fran­zo­sen im Um­gang mit dem An­de­ren, dem Aus­län­der, dem Flücht­ling, dem Mi­gran­ten in den ver­gan­ge­nen 70 Jah­ren se­hen.“Ein Um­gang mit dem Frem­den, der auch im heu­ti­gen Frank­reich höchst um­strit­ten ist – und die Fran­zo­sen nach wie vor be­schäf­tigt. Durch die mehr als 3000 Flücht­lin­ge, die in Ca­lais am Är­mel­ka­nal oh­ne Strom und flie­ßen­des Was­ser le­ben und auf ei­ne Pas­sa­ge nach En­g­land hof­fen, ist das The­ma prä­sent wie nie.

Lan­ge ha­ben die fran­zö­si­schen Re­gie­run­gen Ri­ves­al­tes ge­mie­den und tot­ge­schwie­gen, jah­re­lang wur­de um ei­ne Ge­denk­stät­te ge­run­gen. Erst­mals kam im Jahr 2012 mit Ni­co­las Sar­ko­zy ein Prä­si­dent in das ehe­ma­li­ge La­ger, um die vor 40 Jah­ren in­ter­nier­ten Har­kis zu wür­di­gen. Sein Auf­tritt kurz vor der Prä­si­dent­schafts­wahl al­ler­dings wur­de le­dig­lich als Ver­such ab­ge­tan, bei den in Frank­reich le­ben­den Har­kis um Stim­men zu wer­ben.

So ver­bin­det der Ar­chi­tekt Ru­dy Ric­ciot­ti mit sei­nem St­ein­qua­der, in dem nun die Ge­denk­stät­te un­ter­ge­bracht ist, auch ein päd­ago­gi­sches An­lie­gen. „Der Qua­der liegt da wie ein Klotz, der schwer wiegt für das Ge­wis­sen“, sag­te er der Zei­tung „Le Pa­ri­si­en“.

FOTO: DPA

Das La­ger in Ri­ves­al­tes wur­de von den fran­zö­si­schen Re­gie­run­gen lan­ge ge­mie­den und tot­ge­schwie­gen.

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