Seid oh­ne Furcht!

Rheinische Post Goch - - POLITIK - Der Köl­ner Erz­bi­schof Rai­ner Ma­ria Kar­di­nal Wo­el­ki schreibt hier an je­dem drit­ten Sams­tag im Mo­nat. Ih­re Mei­nung? Schrei­ben Sie un­se­rem Au­tor: kolumne@rhei­ni­sche-post.de

Jetzt, da die Ta­ge kür­zer und die Näch­te län­ger wer­den, trös­ten uns die bun­ter wer­den­den Blät­ter der Bäu­me über den Ver­lust des Lich­tes hin­weg. An Ern­te­dank tra­gen wir die gold­gel­ben, hell­ro­ten und dun­kel­grü­nen Früch­te des Fel­des und der mensch­li­chen Ar­beit in die Kir­chen. Zum Ern­te­dank­fest ge­hö­ren man­cher­orts Fe­st­um­zü­ge mit ge­floch­te­nen Ern­te­kro­nen und Stroh­pup­pen. Obst, Korn und Ge­mü­se vom Feld schmü­cken die Al­tä­re. Es wird das ir­di­sche Le­ben ge­fei­ert, das in der Son­ne reift. Chris­ten dan­ken Gott, dem Schöp­fer al­ler Ga­ben, für die Ern­te. Es wird be­wusst: Wir sind selbst ein Teil der gött­li­chen Schöp­fung, und als Ab­bild Got­tes ste­hen wir in ei­ner be­son­de­ren Ver­ant­wor­tung für die gu­te und ge­rech­te Ver­tei­lung der Ga­ben.

An Al­ler­hei­li­gen geht der Blick hin­über zu un­se­ren Ver­stor­be­nen, die uns auf dem Weg in die Ewig­keit bei Gott vor­aus­ge­gan­gen sind. Es ist ein Tag stil­len Ge­den­kens, an dem so­gar lau­te Par­ty­mu­sik un­ter­sagt ist. Chris­tin­nen und Chris­ten stel­len Lich­ter auf die Grä­ber ih­rer Ver­stor­be­nen und be­ten für sie. In Me­xi­ko tref­fen sich die Men­schen an die­sem „Dia de los Mu­er­tos“(„Tag der To­ten“) nicht nur zum Ge­bet, son­dern so­gar zum Es­sen an den Grä­bern, um beim Mahl der Ver­stor­be­nen zu ge­den­ken und sie in ih­rem Le­ben bei Gott zu grü­ßen. In der Nacht von Al­ler­hei­li­gen steht der Him­mel ei­nen Spalt of­fen, sagt man dort. Selbst Hal­lo­ween, heu­te so in Mo­de, lei­tet sich als al­ti­ri­sches Fest von Al­ler­hei­li­gen – All Hal­lows‘ Eve – ab.

Zwei Fes­te – das ei­ne so dies­sei­tig, das an­de­re so jen­sei­tig – und doch ei­ne Bot­schaft: Wo auch im­mer wir sind, Gott ist da! Auf al­len Son­nen­und Schat­ten­sei­ten des ir­di­schen Le­bens und in himm­li­scher Ewig­keit auch dar­über hin­aus.

Ge­ra­de die­sen Herbst ist die Fra­ge in un­se­rem Land so vi­ru­lent, wie es denn wei­ter­geht, wenn so vie­le Men­schen mit an­de­rem re­li­giö­sen Hin­ter­grund bei uns ei­ne neue Hei­mat su­chen. Da­zu kann ich nur sa­gen: Seid oh­ne Furcht, die ei­ge­nen kul­tu­rel­len und re­li­giö­sen Wur­zeln zum Aus­druck zu brin­gen und im Ver­trau­en auf Gott, der uns al­len das Le­ben ge­schenkt hat, auf­ein­an­der zu­zu­ge­hen – oh­ne die viel­fach ge­schür­te Angst um kul­tu­rel­le Bo­den­ver­lus­te. Ver­lus­te ha­ben die Men­schen er­fah­ren, die sich oft mit letz­ter Kraft zu uns ge­flüch­tet ha­ben. Gott weiß dar­um – und um de­ren ver­stor­be­ne An­ge­hö­ri­ge; vi­el­leicht den­ken wir in die­sem Jahr an Al­ler­hei­li­gen auch an die­se Men­schen.

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