„Men­sch­li­che Ro­bo­ter wä­ren zum Gru­seln“

Rheinische Post Goch - - WISSEN - VON MA­XI­MI­LI­AN PLÜCK

Der Zu­kunfts­for­scher ent­wirft ein Zu­kunfts­mo­dell für das Jahr 2045, spricht über Ro­bo­ter, au­to­no­me Fahr­zeu­ge und den Wett­lauf zum Mars.

DÜSSELDORF Wür­de Mar­ty McF­ly, der Held aus Ro­bert Ze­me­ckys Film­rei­he „Zu­rück in die Zu­kunft“, mit sei­ner Zeit­ma­schi­ne aber­mals 30 Jah­re in die Zu­kunft sprin­gen, in was für ei­ner Welt wür­de er wohl lan­den? Ein Ge­spräch mit dem Zu­kunfts- und Trend­for­scher Mat­thi­as Horx über Ge­sell­schaft, Tech­nik und Um­welt im Jahr 2045. Herr Horx, der Fu­tu­rist Ray Kurz­weil hat pro­gnos­ti­ziert, dass es 2045 mög­lich sein wird, men­sch­li­che Ge­hir­ne in Rech­ner zu über­tra­gen. Ist die so­ge­nann­te Sin­gu­la­ri­tät ei­ne rea­lis­ti­sche Er­war­tung? HORX Das ist fu­tu­ris­ti­scher Un­sinn, der aber im­mer wie­der gro­ßes Auf­se­hen er­re­gen und sei­ne Jün­ger fin­den wird. Weil es sich im Kern um ei­ne re­li­giö­se Er­lö­sungs-Vi­si­on han­delt: Die Ma­schi­nen wer­den uns von Krank­heit und Tod be­frei­en und zu neu­en Über­we­sen trans­for­mie­ren – tol­le Ge­schich­te! Ich kann die­se Sehn­sucht nach der gro­ßen di­gi­ta­len Him­mel­fahrt ver­ste­hen, aber all die­se Theo­ri­en ba­sie­ren auf grund­le­gen­den Fal­schan­nah­men. Und die wä­ren? HORX Das fängt schon da­mit an, dass man glaubt, dass Com­pu­ter „in­tel­li­gent“wer­den, nur weil sie im­mer schnel­ler rech­nen. Ob sich Tech­no­lo­gie-Er­fin­dun­gen „im­mer mehr be­schleu­ni­gen”, wie das auf je­der Tech­no-Kon­fe­renz be­haup­tet wird, ist gar nicht so si­cher. Um 1900 her­um wur­de das Flie­gen, das Fun- ken, das Au­to, die Elek­tri­zi­tät für je­den, das Flug­zeug und noch -zig an­de­res er­fun­den. Das Pe­ni­cil­lin und die Toi­let­te ha­ben das Le­ben der Men­schen wo­mög­lich mehr ver­än­dert als das Smart­pho­ne. Das In­ter­net ist ein Rie­sen­ding, aber auf vie­len an­de­ren Sek­to­ren sta­gniert Tech­nik eher. Was ist mit der Welt­raum­fahrt? Den ver­spro­che­nen Durch­brü­chen bei der Krebs­the­ra­pie? Vie­le tech­ni­sche Uto­pi­en ha­ben sich klein­laut ver­ab­schie­det. Aber wir glau­ben na­tür­lich im­mer ger­ne, in ei­ner ganz be­son­ders sen­sa­tio­nel­len In­no­va­tions-Zeit zu le­ben. Wir nen­nen das die „Ge­gen­wartsEi­tel­keit”. Wird der Mensch bis 2045 Ih­rer An­sicht nach al­les Denk­ba­re in die Tat um­set­zen oder wer­den mo­ra­li­sche Dis­kus­sio­nen Fehl­ent­wick­lun­gen ver­hin­dern kön­nen? HORX We­ni­ger durch Dis­kus­sio­nen als durch Schei­tern wer­den sich be­stimm­te Tech­nik-Pfa­de nicht rea­li­sie­ren. Das sieht man ja schon an der heu­ti­gen Atom­kraft: Sie galt vor 50 Jah­ren als Me­ga-Uto­pie, aber sie ist rea­lis­tisch be­trach­tet ein­fach zu kom­pli­ziert und zu ge­fähr­lich und zu teu­er. Oder der in­tel­li­gen­te Kühl­schrank: Kein Mensch möch­te ei­nen Kühl­schrank ha­ben, der dau­ernd im In­ter­net nach­be­stellt, trotz­dem prei­sen ihn die Her­stel­ler im­mer wie­der als groß­ar­ti­ge Neu­heit an. Die gro­ßen Se­lek­to­ren des tech­ni­schen Wan­dels sind Über­druss, „Zu-Kom­pli­ziert-Sein” und Man­gel an Ser­vice. Vie­le un­se­rer heu­ti­gen In­no­va­tio­nen sind in Wirk­lich­keit Gim­micks, die schnell wie­der vom Markt ver­schwin­den wer­den. Der ame­ri­ka­ni­sche Tech­nik-Kri­ti­ker Mo­ro­zov hat das mal „So­lu­tio­nis­mus” ge­nannt: „Tech­nik auf der Su­che nach Pro­ble­men …”. Wel­che Ent­wick­lun­gen er­war­ten Sie bis 2045 im Ge­sund­heits­we­sen? HORX Wir soll­ten dann end­lich so weit sein, dass wir den Krebs be­sie­gen kön­nen. Und vie­le an­de­re heu­te noch un­heil­ba­re Krank­hei­ten. Par­kin­son zum Bei­spiel. Al­ler­dings könn­te uns auf dem Weg dort­hin das Ge­sund­heits­we­sen um die Oh­ren flie­gen, denn die ers­ten Be­hand­lun­gen wer­den Mil­lio­nen für den ein­zel­nen Pa­ti­en­ten kos­ten. Wir wer­den auch ge­sün­der le­ben, noch län­ger, und bes­ser „ge­mo­ni­t­ort”. Was heu­te ein­zel­ne Leu­te über sich wis­sen, ih­ren BMI, ih­ren Cho­le­ste­rin­spie­gel, ihr Krank­heits­ri­si­ko, wird dann ein brei­tes Wis­sen sein. „Was, Sie ken­nen ih­re ver­blei­ben­de Le­bens­er­war­tung nicht?” Wir wer­den viel acht­sa­mer und kom­pe­ten­ter in Sa­chen Ge­sund­heit wer­den. Und es wird trotz­dem noch ei­ne Men­ge Men­schen ge­ben, die un­ge­sund le­ben! Nach der De­vi­se: Lie­ber ab mit Scha­den! Schon heu­te leis­ten sich die gro­ßen Kon­zer­ne im Si­li­con Val­ley Ab­tei­lun­gen, die sich vor al­lem mit der Künst­li­chen In­tel­li­genz be­schäf­ti­gen. Wie weit könn­te die­se Ent­wick­lung im Jahr 2045 vor­an­ge­schrit­ten sein? HORX Ich glau­be nicht an die Künst­li­che In­tel­li­genz. Ich hal­te das für ei­nen „An­thro­po­mor­phis­mus”, al­so ei­ne Pro­jek­ti­on mensch­li­cher Ei­gen­schaf­ten auf Ma­schi­nen. Das ist Sci-Fi, kei­ne Wirk­lich­keit. Ein fas­zi­nie­ren­des Mär­chen eben. Bis­lang wer­den Ro­bo­ter in ers­ter Li­nie in der In­dus­trie ein­ge­setzt. Wel­che wei­te­ren Be­rei­che wer­den vom Ro­bo­ter­ein­satz pro­fi­tie­ren? HORX Last­wa­gen wer­den au­to­ma­tisch fah­ren, Zü­ge und U-Bah­nen auch. Aber ich glau­be nicht an den viel­be­schrie­be­nen Pfle­ge­ro­bo­ter. Ein­fach, weil ein Ro­bo­ter nicht „pfle­gen” kann, denn das ist ei­ne ge­nu­in men­sch­li­che Fä­hig­keit, die viel mit Zu­wen­dung und Be­rüh­rung, mit Em­pa­thie zu tun hat. Ro­bo­ter kön­nen vi­el­leicht Men­schen he­ben in ei­ner Pfle­ge­sta­ti­on. Sie kön­nen lo­gis­ti­sche Auf­ga­ben über­neh­men. Wir ha­ben ja schon heu­te ei­ne Men­ge me­cha­ni­scher Hel­fer, auch die Wasch­ma­schi­ne ist im Grun­de ein Ro­bo­ter. Aber men­sch­li­che Ro­bo­ter wä­ren zum Gru­seln. Und sie sind auch gar nicht wirk­lich zu bau­en, auch wenn das je­der glaubt. Wir glau­ben halt im­mer das, was schon hun­dert Jah­re in den Mär­chen­bü­chern steht. Was frü­her die Ge­brü­der-Grimm-Bü­cher wa­ren, sind heu­te die fu­tu­ris­ti­schen Fan­ta­sie­Bil­der und -Fil­me. Wie wird sich un­ser Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­ten in den kom­men­den 30 Jah­ren ver­än­dern? HORX Wir wer­den die di­gi­ta­len Ex­zes­se lang­sam über­win­den. In zehn Jah­ren wird es to­tal un­cool sein, stän­dig auf klei­nen Bild­schir­men her­um­zu­fum­meln. Wir wer­den ler­nen, mit die­ser un­ent­weg­ten Er­reich­bar­keit und Er­reg­bar­keit, die die di­gi­ta­len Tech­no­lo­gi­en er­zeu­gen, mo­de­rie­rend zu le­ben. Wir wer­den, wie wir das in un­se­rer Trend­spra­che for­mu­lie­ren, Om-Li­ne ge­hen. Al­so mit ei­ner ge­las­se­ne­ren Geis­tes­hal­tung dort kom­mu­ni­zie­ren, wo et­was zu kom­mu­ni­zie­ren ist, und die Kis­te aus­stel­len, wenn das sinn­voll und rich­tig ist. Üb­ri­gens wird dann kein Mensch mehr fern­se­hen, da­für wer­den wir in ziem­lich atem­be­rau­ben­den Re­al­time-Si­mu­la­ti­ons­wel­ten her­um­lau­fen, Stich­wort Vir­tu­al Rea­li­ty. Deutsch­land ver­sucht ge­ra­de die Öko­lo­gie­wen­de. Wie weit wer­den wir da­mit kom­men? HORX Ziem­lich weit. Wir wer­den so gut wie kei­ne fos­si­le Ener­gie­er­zeu­gung mehr brau­chen. 2045 wer­den die Häu­ser mehr Ener­gie er­zeu­gen als ver­brau­chen. Wir wer­den in­tel­li­gen­te Ener­gie­net­ze ha­ben. Strom gibt es als Flat­rate. Wir ha­ben mehr Ener­gie, als wir ver­brau­chen kön­nen, denn die re­ge­ne­ra­ti­ven Ener­gie­po­ten­zia­le sind ge­wal­tig – wir ste­hen hier erst am An­fang ei­nes enor­men In­no­va­ti­ons­zy­klus. Schon heu­te wird im Be­reich des au­to­no­men Fah­rens ge­forscht. Was er­war­ten Sie? HORX Teil­au­to­no­mes Fah­ren wird 2045 nor­mal sein, voll­au­to­no­mes Fah­ren in be­stimm­ten Stre­cken­ab­schnit­ten oder Stadt­tei­len mit ver­kehrs­be­ru­hig­ter Struk­tur weit ver­brei­tet. Auf der gleich­mä­ßig flie­ßen­den Au­to­bahn kön­nen wir das Steu­er los­las­sen. In den Städ­ten fah­ren klei­ne Trans­port­kap­seln, die man per Sprach­be­fehl kom­man­diert. Was aus den vie­len Ta­xi­fah­rern dann wird, bleibt einst­wei­len un­be­kannt. Wird aber span­nend. Tes­la-Chef Elon Musk treibt sein Space X-Pro­jekt vor­an, Oba­ma er­träumt die Mars­mis­si­on 2035. Wie könn­te es zehn Jah­re spä­ter aus­se­hen? HORX Als Kind des Space Age in den 60er Jah­ren wür­de ich ger­ne noch ei­ne Mars­mis­si­on oder ei­ne Mon­dKo­lo­nie er­le­ben. 2045 bin ich 90. Ich wer­de mich an­stren­gen! Wie sagt man so schön? Wir schaf­fen das! Wel­che Vor­stel­lun­gen ha­ben sie über das Er­näh­rungs­ver­hal­ten? HORX Wir wer­den wie­der lust­vol­ler es­sen. Das, was heu­te Men­schen mit ei­ner aus­ba­lan­cier­ten, aber auch lust­vol­len Er­näh­rung prak­ti­zie­ren, wird com­mon sen­se: Al­les, was schmeckt, ist ge­sund, Diä­ten sind Blöd­sinn, aber man muss sein Le­ben als Gan­zes aus­ba­lan­cie­ren. Denn der ei­gent­li­che Grund, war­um man fett oder durch Es­sen krank wird, ist, dass man durch vie­les Es­sen et­was an­de­res kom­pen­siert. Und üb­ri­gens: Wir wer­den kei­ne In­sek­ten und Wür­mer es­sen. Deut­lich we­ni­ger Fleisch, aber nicht kein Fleisch. Gibt es Be­rei­che, für die Sie sich über­haupt kei­ne Vor­her­sa­ge für 2045 zu­trau­en? Und wenn ja, wel­che? HORX Als sys­te­mi­scher Zu­kunfts­for­scher kann man im Prin­zip zu al­len The­men Pro­gno­sen for­mu­lie­ren – au­ßer dem Wet­ter im Win­ter und den Frau­en.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.