Drei Ab­schlüs­se in fünf Jah­ren

Rheinische Post Goch - - KINDERSEITE - VON JU­LIA RUHNAU

Beim Tria­len Stu­di­um ma­chen die Teil­neh­mer ne­ben ih­rer Aus­bil­dung noch ei­nen Ba­che­lor-Ab­schluss und ih­ren Meis­ter.

Ei­ne Fri­seu­rin mit Ba­che­l­orab­schluss? Ein Stu­dent, der werk­tags in der Kfz-Werk­statt schraubt? Im Tria­len Stu­di­um ist das All­tag. Ne­ben ei­ner Aus­bil­dung in ei­nem Hand­werks­be­ruf ab­sol­vie­ren Teil­neh­mer zeit­gleich ein Ba­che­lor-Stu­di­um und ma­chen oben­drauf noch ih­ren Meis­ter. „Ein ty­pi­scher Aus­bil­dungs­be­ruf ist das nicht“, sagt Ay­gül To­lan vom Be­rufs­in­for­ma­ti­ons­zen­trum (BIZ). Das knapp fünf­jäh­ri­ge Stu­di­um er­for­dert viel Dis­zi­plin, ei­nen Groß­teil des Stof­fes muss man sich im Selbst­stu­di­um an­eig­nen – und das ne­ben der re­gu­lä­ren Aus­bil­dungs­zeit.

Bis­her gibt es das Tria­le Stu­di­um nur für Hand­werks­be­ru­fe. Die Hand­werks­kam­mern er­hof­fen sich so mehr qua­li­fi­zier­ten Nach­wuchs. Wel­che Aus­bil­dung in­fra­ge kommt, hängt von den je­wei­li­gen Part­nern ab. Grund­sätz­lich kom­me je­de Fir­ma in Be­tracht, er­klärt Bet­ti­na Wolf-Mo­ritz von der Hand­werks­kam­mer Köln. „Der Be­trieb soll­te al­ler­dings um das Stu­di­um wis­sen und es auch un­ter­stüt­zen.“Wel­che Ge­wer­ke im An­ge­bot sind, er­fah­ren Schul­ab­gän­ger bei der je­wei­li­gen Hoch­schu­le oder den Hand­werks­kam­mern.

Statt drei Jah­ren sind die Ge­sel­len im Tria­len Stu­di­um nur zwei bis zwei­ein­halb Jah­re in der Aus­bil­dung. „Den Be­trie­ben ist klar, dass sie von die­sen Azu­bis nicht ganz so viel er­war­ten kön­nen“, sagt Pe­ter Pan­zer von der Hand­werks­kam­mer Köln. Des­halb sei es wich­tig, vor Be­ginn Ab­spra­chen zu tref­fen. „Da­mit der­je­ni­ge auch ge­hen darf, wenn er Vor­le­sung hat“, er­klärt Pan­zer. Der Vor­teil des Mo­dells: Zei­ter­spar­nis. Wenn man Aus­bil­dung, Stu­di­um und Meis­ter hin­ter­ein­an­der macht, wür­de das bis zu neun Jah­re dau­ern.

Die meis­ten Ko­ope­ra­tio­nen für das Tria­le Stu­di­um gibt es der­zeit in Nord­rhein-West­fa­len: Die Hand­werks­kam­mern Köln und Düsseldorf bie­ten Pro­gram­me an, Part­ner­hoch­schu­len sind die Hoch­schu­le Nie­der­rhein und die pri­va­te, staat­lich an­er­kann­te Fach­hoch­schu­le des Mit­tel­stands (FHM) mit den Stand­or­ten Han­no­ver, Schwe­rin und Köln. „Unis be­tei­li­gen sich nicht am Tria­len Stu­di­um, da­für ist es zu an­wen­dungs­ori­en­tiert“, er­läu­tert Be­rufs­be­ra­te­rin To­lan.

Der St­un­den­plan ver­eint Pra­xis und Theo­rie. Wäh­rend sich beim dua­len Stu­di­um Uni- und Pra­xis­pha­sen ab­wech­seln, ist das Tria­le Stu­di­um an­fangs als Abend­schu­le or­ga­ni­siert. Das heißt: Zu­sätz­lich zur Aus­bil­dung müs­sen die Teil­neh­mer abends oder am Wo­che­n­en­de in die Uni. Manch­mal ma­chen Stu­die­ren­de den Un­ter­richt auch im Rah­men von ELe­arning. Nach der Ge­sel­len­prü­fung stu­die­ren sie dann ei­ne Zeit lang in Voll­zeit. Als letz­tes fol­gen Ba­che­l­or­ar­beit und die Meis­ter­schu­le mit ab­schlie­ßen­der Prü­fung.

„Drei Bil­dungs­ab­schlüs­se in gut fünf Jah­ren, das ist schon ei­ne Her­aus­for­de­rung“, er­zählt Wer­ner Mar­quis, Spre­cher der Ar­beits­agen­tur in Nord­rhein-West­fa­len. Das Tria­le Stu­di­um sei da­her vor al­lem für leis­tungs­ori­en­tier­te Abitu­ri­en­ten ge­dacht, die spä­ter Füh­rungs­auf­ga­ben über­neh­men wol­len. „Ziel ist es, jun­ge Men­schen zu Spe­zia­lis­ten ih­res Hand­werks zu ma­chen und gleich­zei­tig ver­tief­te be­triebs­wirt­schaft­li­che Kennt­nis­se zu ver­mit­teln. Das prä­des­ti­niert die Ab­sol­ven­ten für Füh­rungs­auf­ga­ben.“

So wie Da­ni­el Wol­ter aus Estorf. Der 20-Jäh­ri­ge hat im ver­gan­ge­nen Jahr ein Tria­les Stu- di­um be­gon­nen, sei­ne Aus­bil­dung macht er im Be­reich Sa­ni­tär Hei­zung Kli­ma. „Mei­ne Mo­ti­va­ti­on ist, dass ich spä­ter den Be­trieb von mei­nem Va­ter über­neh­men oder ei­nen ei­ge­nen Be­trieb auf­ma­chen möch­te“, er­klärt er. Auch Stu­dent Mar­cel Gleitz hat kla­re Am­bi­tio­nen: „Ich will durch das Stu­di­um schnel­ler in ei­ne Füh­rungs­ebe­ne im Hand­werk ge­lan­gen“, sagt der 20-Jäh­ri­ge, der in ei­nem Hand­werks­un­ter­neh­men Kauf­mann für Bü­ro­ma­nage­ment lernt.

„Vor­aus­set­zun­gen sind ho­he Mo­ti­va­ti­on und die Fä­hig­keit, sich selbst or­ga­ni­sie­ren zu kön­nen“, fasst BIZ-Be­ra­te­rin To­lan zu­sam­men. „Man muss sich dar­auf ein­stel­len, dass man we­nig Frei­zeit hat.“Wer in der Schu­le be­reits Pro­ble­me mit Lern­pen­sum und Selbst­dis­zi­plin hat­te, dem rät To­lan vom Tria­len Stu­di­um ab. Hin­zu kommt die Fra­ge der Fi­nan­zie­rung. Zwar be­kom­men Aus­zu­bil­den­de ei­ne nor­ma­le Aus­bil­dungs­ver­gü­tung, je nach Hoch­schu­le fal­len aber Stu­di­en­ge­büh­ren von bis zu 500 Eu­ro pro Mo­nat an. Bafög gibt es nur wäh­rend der Pha­se des Voll­zeit­stu­di­ums. Nach der Ge­sel­len­prü­fung kön­nen die Stu­den­ten al­ler­dings Meis­terBafög be­an­tra­gen.

Die Be­wer­bung läuft über die je­wei­li­ge Hoch­schu­le. Vor­aus­set­zung sind Abitur oder Fach­ab­itur und ein Aus­bil­dungs­ver­trag in ei­nem von der FH an­er­kann­ten Ge­werk. Je nach Hoch­schu­le gibt es dann ein Aus­wahl­ver­fah­ren mit Grup­pen­auf­ga­ben, Eng­lisch­test oder Ein­zel­ge­sprä­chen. Wer sich dar­auf vor­be­rei­ten will, soll­te sich im Vor­feld bei den Kam­mern und Hoch­schu­len in­for­mie­ren, rät Ar­beits­agen­tur-Spre­cher Mar­quis.

„Vor­aus­set­zun­gen sind ho­he Mo­ti­va

ti­on und gu­tes Selbst­ma­nage­ment“

Ay­gül To­lan

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