De­mo­kra­tie in Zei­ten des Has­ses

Rheinische Post Goch - - STIMME DES WESTENS - VON MAR­TIN KESS­LER

ge­gen de­mo­kra­tisch ge­wähl­te Po­li­ti­ker ist sa­lon­fä­hig ge­wor­den. Sie ist in der Wort­wahl oft mör­de­risch. Bis zur schreck­li­chen Tat vom Sams­tag ge­gen die Köl­ner OB-Kan­di­da­tin Hen­ri­et­te Re­ker ist es da nur ein klei­ner Schritt.

DÜSSELDORF De­mo­kra­tie ist et­was für Un­zu­frie­de­ne und Nörg­ler. In kei­ner an­de­ren Staats­form ist es mög­lich, un­blu­tig und re­gel­ge­recht ei­ne un­fä­hi­ge oder un­be­lieb­te Re­gie­rung los­zu­wer­den. Des­halb heißt es auch häu­fig, dass nicht ei­ne be­stimm­te Par­tei oder Kon­stel­la­ti­on ge­wählt wird, son­dern um­ge­kehrt ei­ne Re­gie­rung ab­ge­wählt wird.

Es braucht al­so kei­ne heh­ren Zie­le, um die De­mo­kra­tie ak­tiv zu le­ben. Es reicht, wenn die Per­so­nen, die den Sou­ve­rän, al­so das Staats­volk aus­ma­chen, sich auf Re­geln ver­stän­di­gen, die al­len nüt­zen. Das Grund­ge­setz ist da­für ein all­seits ge­ach­te­tes und auch ef­fi­zi­en­tes Re­gel­werk. Es ver­mei­det Ex­tre­me, baut auf Aus­gleich, ak­zep­tiert die Rech­te und Mei­nun­gen al­ler Be­tei­lig­ten.

Das passt de­nen nicht, die für al­les ei­ne ein­fa­che Ant­wort ha­ben und die nur al­lein gel­ten las­sen wol­len, kos­te es, was es wol­le. Da wird im In­ter­net mit Schmäh­wor­ten und Schimpf­ka­no­na­den ge­gen „kor­rup­te und un­fä­hi­ge Po­li­ti­ker“ge­wet­tert und noch nicht ein­mal der Ab­sen­der ge­nannt. Das wirkt wie Schüs­se aus dem Hin­ter­halt.

Die Grü­nen-Po­li­ti­ke­rin Ka­trin Gö­ring-Eckardt, ei­ne en­ga­gier­te und christ­lich ge­präg­te Frau, mach­te vor Kur­zem ih­re Hass-Er­fah­rung durch Face­book-Kom­men­ta­re oder Fa­xe öf­fent­lich. „Ich per­sön­lich wer­de Sie fol­tern und quä­len, bis Sie nicht mehr wis­sen, wie Sie hei­ßen. Ich wer­de Ih­nen die Zun­ge her­aus­schnei­den.“So fax­te ihr je­mand – ver­mut­lich aus der rechts­ra­di­ka­len Sze­ne. Per Face­book er­reich­te sie die Be­lei­dung: „Du fet­te, däm­li­che Rat­te, dir fehlt ei­gent­lich ...“und dann brach sie selbst die Fort­set­zung ab, weil sie die Hass-Bot­schaft ih­ren Zu­hö­rern in ei­nem Vi­deo nicht zu­mu­ten woll­te.

Die Er­fah­run­gen der Grü­nen-Po­li­ti­ke­rin tei­len vie­le in Berlin, Düsseldorf und in­zwi­schen selbst in der Kom­mu­nal­po­li­tik. Men­schen, de­nen ei­ne Ent­schei­dung nicht passt, die ei­ne Ent­wick­lung fürch­ten oder für die die gan­ze Rich­tung nicht stimmt, pö­beln bar je­den An­stands ge­gen Po­li­ti­ker, als ob die­se Frei­wild wä­ren.

Ein un­rühm­li­cher Hö­he­punkt war vor ei­ni­gen Ta­gen der Gal­gen, an dem ein „Pegida“-De­mons­trant, un­be­hel­ligt von den Ver­an­stal­tern, Wirt­schafts­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el oder Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel hän­gen se­hen woll­te.

Der Schritt zur Tat ist of­fen­bar klei­ner, als vie­le wahr­ha­ben wol­len, die in die­sem Zu­sam­men­hang von Aus­rut­schern oder Maul­hel­den­tum spre­chen. Der 44-jäh­ri­ge At­ten­tä­ter aus Köln, dem ein ers­tes psy­cho­lo­gi­sches Gut­ach­ten vol­le Schuld­fä­hig­keit zu­spricht, ist den Schritt ge­gan­gen und hat die OB-Kan­di­da­tin Hen­ri­et­te Re­ker bru­tal in den Hals ge­sto­chen. Der Tä­ter soll laut Me­dien­be­rich­ten Kon­tak­te zur rechts­ex­tre­men Sze­ne un­ter­hal­ten ha­ben, fiel aber zu­gleich der Po­li­zei bis­lang nicht auf – bis zu je­ner Mes­ser­at­ta­cke.

Es ist die in jüngs­ter Zeit bis­lang spek­ta­ku­lärs­te Atta­cke ge­gen Miss­lie­bi­ge – egal ob Po­li­ti­ker, Flücht­lin­ge oder Min­der­hei­ten. Auch wenn es sich um ei­nen Ein­zel­tä­ter han­delt, ver­gif­tet er nach­hal­tig das po­li­ti­sche Kli­ma. Ein Hauch von Wei­mar weht wie­der durch Deutsch­land, al­ler­dings mit dem ent­schei­den­den Un­ter­schied, dass die De- mo­kra­ten ent­schlos­sen zu­sam­men­ste­hen. Die So­li­da­ri­tät von CDU über SPD, FDP, Grü­nen bis hin zu man­chen Lin­ken ist nicht zu über­se­hen.

Doch es ist nicht si­cher, ob da­mit der Hass und die Ve­rächt­lich­ma­chung von de­mo­kra­ti­schen Po­li­ti­kern ge­bannt wer­den kann. Wenn von „der“kor­rup­ten, un­fä­hi­gen, macht­gie­ri­gen Po­li­tik die Re­de ist, wird der Geist sicht­bar, aus dem Hass­ti­ra­den im In­ter­net, Gal­gen auf De­mons­tra­tio­nen oder Mes­ser­at­ta­cken ent­ste­hen.

Auch schwie­ri­ge Fra­gen, in de­nen es um Angst vor Über­frem­dung oder un­kon­trol­lier­tem Zu­zug, aber auch um Mil­li­ar­den­hil­fen für ein über­schul­de­tes Land geht, be­dür­fen der en­ga­gier­ten, aber auch zi­vi­li­sier­ten De­bat­te. Re­de und Ge­gen­re­de. Ar­gu­ment und Ge­gen­ar­gu­ment. Und dann ent­schei­det die Mehr­heit der ge­wähl­ten Ver­tre­ter – bei al­lem grund­ge­setz­li­chen Schutz für die un­ter­le­ge­ne Min­der­heit. Es geht nicht dar­um, die Min­der­heit an die Wand zu drü­cken oder zu mar­gi­na­li­sie­ren, wie das oft in zwei­fel­haf­ten De­mo­kra­ti­en wie in der Tür­kei oder Ve­ne­zue­la ge­schieht. Der Kom­pro­miss, der Aus­gleich, die Ver­stän­di­gung, auch wenn es zu­wei­len müh­se­lig, lang­wei­lig und un­be­frie­di­gend ist, ma­chen das We­sen der De­mo­kra­tie aus.

Sie und der Rechts­staat, der auch den Tä­ter vor Will­kür und Lynch­jus­tiz schützt, sind sen­si­ble In­sti­tu­tio­nen. Dem­ago­gen kön­nen Un­zu­frie­de­ne leicht da­ge­gen auf­wie­geln und ih­nen weis­ma­chen, dass ih­re Mei­nung al­lein zu gel­ten ha­be, dass an­de­re An­sich­ten zu ver­dam­men sei­en. Sie ge­ben ih­nen das Recht, ihr An­lie­gen mit Bra­chi­al­ge­walt zu lö­sen und ih­re Geg­ner übel zu be­schimp­fen.

Schon in der ers­ten deut­schen De­mo­kra­tie, in der Wei­ma­rer Re­pu­blik, leg­ten die Fein­de des Rechts­staats sämt­li­che Zu­rück­hal­tung ab. „Schlagt ih­re Füh­rer tot“, for­der­ten die Scharf­ma­cher der Frei­korps. Per­sön­lich­kei­ten wie Ro­sa Lu­xem­burg, Karl Lieb­knecht, Wal­ter Ra­then­au oder Mat­thi­as Erz­ber­ger, von ganz links bis zur de­mo­kra­ti­schen Mit­te, muss­ten da­für mit ih­rem Le­ben be­zah­len.

Die Tat des of­fen­bar rechts­ex­tre­men Köl­ners ist auch an­ders ge­la­gert als die At­ten­ta­te der geis­tig Ver­wirr­ten auf den frü­he­ren SPD-Kanz­ler­kan­di­da­ten Os­kar La­fon­tai­ne und den CDU-Po­li­ti­ker

Un­se­re De­mo­kra­tie ist auf Kom­pro­miss, Aus­gleich und Ver­stän­di­gung

auf­ge­baut Wenn von „der“kor­rup­ten, un­fä­hi­gen, macht­gie­ri­gen Po­li­tik die Re­de ist, ent­ste­hen Hass und

Ge­waltat­ta­cken

Wolf­gang Schäu­b­le. Die wa­ren tra­gisch, aber of­fen­sicht­lich nicht po­li­tisch mo­ti­viert. In Köln fällt es aber nicht so schwer, ei­ne Ver­bin­dung aus der hass­er­füll­ten Dis­kus­si­on im In­ter­net und auf De­mos so­wie der bru­ta­len Tat her­zu­stel­len.

Die So­li­da­ri­tät der De­mo­kra­ten muss des­halb über den Ein­zel­fall hin­aus­ge­hen. Der Rechts­staat ist seit 1949 nicht mehr wehr­los. Es gibt le­ga­le und le­gi­ti­me Mit­tel, ge­gen Hass, Volks­ver­het­zung und of­fe­nen Ras­sis­mus vor­zu­ge­hen – wie auch ge­gen den re­li­gi­ös mo­ti­vier­ten Ter­ror der Is­la­mis­ten. Da­zu ge­hört auch der Schutz der Po­li­ti­ker, nicht über­trie­ben wie beim G7-Gip­fel auf Schloss El­mau, aber of­fen­bar auch auf kom­mu­na­ler Ebe­ne, wie die Vor­fäl­le in Köln leh­ren. Ein Ober­bür­ger­meis­ter ist ex­po­niert ge­nug, um als Hass­pro­jek­ti­on für At­ten­tä­ter zu die­nen. Das sind die bit­te­ren Leh­ren aus Köln. Aber es gibt eben kei­nen ab­so­lu­ten Schutz. Die De­mo­kra­tie bleibt an­greif­bar.

FOTO: DPA

In Dres­den vor ei­ner Wo­che de­mons­trier­ten Pegida-An­hän­ger mit ei­nem Gal­gen.

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