Sams­tag­mor­gen, Wo­chen­markt, 9.05 Uhr

Rheinische Post Goch - - ATTENTAT IN KÖLN -

Der An­griff auf Hen­ri­et­te Re­ker hat nicht nur die Stadt Köln, son­dern das gan­ze Land er­schüt­tert. Mit ei­nem 40 Zen­ti­me­ter lan­gen Mes­ser wur­de sie von Frank S. schwer ver­letzt, ist aber nach ei­ner No­tope­ra­ti­on au­ßer Le­bens­ge­fahr. Wann Re­ker ihr neu­es Amt an­tre­ten kann, ist un­klar.

ter­fly. Zu spät wird die Ge­fahr er­kannt. Der Mann geht auf Re­ker los, sticht ihr mit dem gro­ßen Mes­ser in den Hals, ver­letzt sie le­bens­ge­fähr­lich. Da­bei schreit er sinn­ge­mäß: „Ich will die Ge­sell­schaft von sol­chen Po­li­ti­kern be­frei­en. Ich tue das für euch al­le.“Ein zu­fäl­lig an­we­sen­der Be­am­ter der Bun­des­po­li­zei, der dort ist, greift geis­tes­ge­gen­wär­tig ein und über­wäl­tigt den An­grei­fer, der kei­nen Wi­der­stand leis­tet. Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re wird sich spä­ter für „sein be­herz­tes Ein­grei­fen“bei dem Po­li­zis­ten be­dan­ken.

Vier wei­te­re Per­so­nen wer­den bei dem At­ten­tat zum Teil schwer ver­letzt, un­ter ih­nen Kat­ja Hoy­er (54), so­zi­al­po­li­ti­sche Spre­che­rin der FDP-Frak­ti­on im Köl­ner Stadt­rat. Ihr sticht der Tä­ter in die Wan­ge. Den­noch bleibt sie bei Be­wusst­sein. Sie kniet sich über Re­ker, spricht mit ihr, be­ru­higt sie – bis der Kran­ken­wa­gen um 9.12 Uhr ein­trifft.

Ar­min La­schet

In den Ein­satz­leit­stel­len der Po­li­zei und Feu­er­wehr ahnt man zu die­sem Zeit­punkt noch nicht, dass es sich bei dem Op­fer um Hen­ri­et­te Re­ker han­delt. „Um 9.05 Uhr ging bei uns ein No­t­ruf ei­ner Frau ein, die sag­te, dass am Markt in Brauns­feld ei­ne Frau ver­letzt wor­den ist und dass ein Mann mit ei­nem Mes­ser das wohl ge­we­sen wä­re“, wird der Chef der Feu­er­wehr Köln we­ni­ge St­un­den nach der Blut­tat auf der Pres­se­kon­fe­renz im Köl­ner Po­li­zei­prä­si­di­um er­klä­ren. Man ha­be zu­nächst mit ei­nem Ein­satz ge­rech­net, wie er in Köln „al­le zehn Mi­nu­ten“vor­kom­me, und nach Vor- schrift so­fort ei­nen Ret­tungs­wa­gen los­ge­schickt.

Sie­ben Mi­nu­ten nach Ein­gang des No­t­rufs trifft der ers­te Not­arzt am Tat­ort ein, ihm wer­den vier wei­te­re fol­gen, dar­un­ter auch ein Arzt, der mit dem Ret­tungs­hub­schrau­ber „Chris­toph Rhein­land“ein­ge­flo­gen wird. Re­ker wird in die drei Ki­lo­me­ter ent­fern­te Uni­k­li­nik ge­bracht. Die an­de­ren Ver­letz­ten wer­den auf an­de­re Kran­ken­häu­ser ver­teilt. Die Po­li­zei be­ginnt mit der Spu­ren­si­che­rung, sperrt Stra­ßen weit­räu­mig ab, der Markt wird al­ler­dings nicht ge­schlos­sen. Die Be­grün­dung der Po­li­zei lau­tet: Die Blut­tat hat sich nicht auf dem Ge­län­de des Mark­tes zu­ge­tra­gen, son­dern auf dem Bür­ger­steig vor dem Markt. Un­ver­ständ­nis und Kopf­schüt­teln bei den Au­gen­zeu­gen.

Der An­grei­fer, Frank S., ein 44jäh­ri­ger ar­beits­lo­ser Ma­ler und La­ckie­rer, wird zur Ver­neh­mung aufs Po­li­zei­prä­si­di­um nach Köln-Kalk ge­bracht. Er­mitt­ler durch­su­chen sei­ne Woh­nung im links­rhei­ni­schen Stadt­teil Nip­pes. Com­pu­ter und Ak­ten wer­den si­cher­ge­stellt und aufs Re­vier ge­bracht.

Um 14 Uhr kom­men Mit­glie­der al­ler Par­tei­en und rund 200 Bür­ger auf ei­ner spon­ta­nen So­li­da­ri­täts­kund­ge­bung in der Köl­ner Schil­der­gas­se zu­sam­men. Der Stra­ßen­wahl­kampf wird ab­ge­sagt. „Ich ha­be heu­te mit der Bun­des­kanz­le­rin te­le­fo­niert. Sie ist tief be­trof­fen“, sagt CDU-Chef Ar­min La­schet. „Die gan­ze Bun­des­re­pu­blik ist scho­ckiert“, sagt er wei­ter. Am Abend bil­det er mit vie­len an­de­ren pro­mi­nen­ten Po­li­ti­kern wie Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Han­ne­lo­re Kraft (SPD) und Bür­gern ei­ne Men­schen­ket­te am Rat­haus.

Zu die­ser Uhr­zeit ist noch nicht klar, ob Re­ker den An­griff über­le­ben wird. Die No­tope­ra­ti­on ist noch nicht be­en­det. Ei­ne gan­ze Stadt scheint den Atem an­zu­hal­ten. Im Dom wer­den Ker­zen an­ge­zün­det. Aus dem Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum si­ckern nur spär­lich In­for­ma­tio­nen über ih­ren Ge­sund­heits­zu­stand nach drau­ßen. Erst ge­gen 15 Uhr kommt die er­lö­sen­de Nach­richt: Hen­ri­et­te Re­ker hat den fei­gen An­griff über­lebt und liegt auf der In­ten­siv­sta­ti­on. Et­wa zur sel­ben Uhr­zeit tre­ten im Köl­ner Po­li­zei­prä­si­di­um die lei­ten­den Ober­staats­an­wäl­te, der Che­f­er­mitt­ler und Po­li­zei­prä­si­dent Wolf­gang Al­bers vor die Pres­se. Sie er­klä­ren, dass der Tä­ter ge­stän­dig sei. An­schlie­ßend er­greift der noch am­tie­ren­de Köl­ner Ober­bür­ger­meis­ter Jür­gen Ro­ters (SPD) das Wort: „Das war nicht nur ein An­schlag auf das Le­ben von Hen­ri­et­te Re­ker, son­dern auch ein An­schlag auf die De­mo­kra­tie.“

„Ich ha­be heu­te mit der

Bun­des­kanz­le­rin te­le­fo­niert. Sie ist tief

be­trof­fen“

Vor­sit­zen­der CDU NRW

FO­TOS (6): DPA

Der Tat­ort auf dem Wo­chen­markt in Köln-Brauns­feld wur­de kurz nach dem An­griff auf die OB-Kan­di­da­tin Hen­ri­et­te Re­ker von der Po­li­zei ab­ge­sperrt.

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