Schäu­b­le und La­fon­tai­ne mach­ten wei­ter

Rheinische Post Goch - - ATTENTAT IN KÖLN - VON BIR­GIT MARSCHALL

At­ten­ta­te auf deut­sche Po­li­ti­ker wur­den häu­fig von ver­meint­lich ver­wirr­ten Ein­zel­tä­tern ver­übt.

BERLIN Der An­griff auf Hen­ri­et­te Re­ker äh­nelt fast schon frap­pie­rend den frü­he­ren At­ten­ta­ten auf deut­sche Po­li­ti­ker, die oft von ver­meint­lich ver­wirr­ten Ein­zel­tä­tern ver­übt wur­den. Am 25. April 1990 wur­de der da­ma­li­ge SPD-Kanz­ler­kan­di­dat und heu­ti­ge Lin­ken-Po­li­ti­ker Os­kar La­fon­tai­ne bei ei­nem Auf­tritt in der Stadt­hal­le Köln-Mül­heim von der 42-jäh­ri­gen Ex-Arzt­hel­fe­rin Adel­heid Strei­del mit ei­nem Mes­ser­stich in den Hals le­bens­ge­fähr­lich ver­letzt. Die an pa­ra­no­ider Schi­zo­phre­nie er­krank­te Frau hat­te die Waf­fe in ei­nem Blu­men­strauß ver­steckt, mit dem sie sich der Büh­ne nä­her­te. Nur durch ei­ne No­tope­ra­ti­on konn­te La­fon­tai­ne ge­ret­tet wer­den.

Am 12. Ok­to­ber des­sel­ben Jah­res wur­de der da­ma­li­ge Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le (CDU) bei ei­nem Auf­tritt im ba­di­schen Op­penau von dem 36-jäh­ri­gen Die­ter Kauf­mann nie­der­ge­schos­sen. Schäu­b­le über­leb­te schwer ver­letzt, ist seit­her vom drit­ten Brust­wir­bel ab­wärts ge­lähmt. Auch Kauf­mann galt als psy­chisch krank.

Es liegt na­he zu ver­mu­ten, dass man­che psy­chisch kran­ke Men­schen auf emo­tio­na­le und po­la­ri­sie­ren­de po­li­ti­sche De­bat­ten mit Ge­walt­aus­brü­chen re­agie­ren. Ob dies auch für Re­kers At­ten­tä­ter zu­trifft, muss die Staats­an­walt­schaft erst noch ab­schlie­ßend klä­ren. Nach An­sicht ei­nes Gut­ach­ters ist der 44Jäh­ri­ge je­den­falls voll schuld­fä­hig. Ein aus­län­der­feind­li­cher, ras­sis­ti­scher Hin­ter­grund ist wahr­schein­lich. Re­kers At­ten­tä­ter soll nach ei­nem Me­dien­be­richt in den 90er Jah­ren der rechts­ex­tre­men Frei­heit­li­chen Deut­schen Ar­bei­ter­par­tei na­he­ge­stan­den ha­ben.

Auch Schäu­b­le und La­fon­tai­ne wur­den als Re­prä­sen­tan­ten des Staa­tes und der Po­li­tik an­ge­grif­fen, doch sie wur­den eher will­kür­lich zum Ziel ge­wählt. Adel­heid Strei­del gab da­mals bei ih­rer Ver­neh­mung an, sie ha­be La­fon­tai­ne als Ziel aus­ge­sucht, weil der eben­falls bei der Ver­an­stal­tung an­we­sen­de nord­rhein-west­fä­li­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Jo­han­nes Rau zu weit ent­fernt stand. In ih­ren No­ti­zen fan­den sich auch die Na­men von an­de­ren Spit­zen­po­li­ti­kern wie Hel­mut Kohl und Hans-Dietrich Gen­scher.

Der eben­falls an ei­ner Psy­cho­se er­krank­te Kauf­mann mach­te den Staat für sein ver­pfusch­tes Le­ben ver­ant­wort­lich und such­te sich für sei­ne Ra­che Schäu­b­le aus, der da­mals In­nen­mi­nis­ter war. Auch lag der Ort, an dem Schäu­b­le auf­trat, in der Nä­he von Kauf­manns Wohn­ort.

Merk­wür­di­ger­wei­se wäh­len die At­ten­tä­ter sehr häu­fig Mes­ser als ih­re Waf­fen. Auch bei ei­ner Wahl­kampf­ver­an­stal­tung in Kas­sel im Ja­nu­ar 1993 nä­her­te sich ei­ne Frau mit ei­nem Mes­ser dem da­ma­li­gen SPD-Chef Björn Eng­holm. Kurz be­vor sie zu­ste­chen konn­te, wur­de sie über­wäl­tigt. Auch die­se Frau war geis­tig ver­wirrt. Im Ju­ni 2000 hat­te ein Un­be­kann­ter auch die Grü­nen­Par­la­men­ta­rie­rin An­ge­li­ka Beer in Berlin mit ei­nem Mes­ser an­ge­grif­fen und am Arm ver­letzt. Beer hat­te zu­vor meh­re­re Mord­dro­hun­gen er­hal­ten. Ei­ne geis­tig ver­wirr­te Frau ver­letz­te im Fe­bru­ar 2004 auch den da­ma­li­gen Ham­bur­ger Jus­tiz­se­na­tor Ro­ger Kusch bei ei­nem Wahl­kampf­auf­tritt mit ei­nem Mes­ser.

Wenn es kein Mes­ser – oder wie im Fall Schäu­bles ei­ne Pis­to­le war – be­ka­men es Po­li­ti­ker mit Stö­cken zu tun. Im Sep­tem­ber 2002 wur­de et­wa der Grü­nen-Po­li­ti­ker Hans Chris­ti­an Strö­be­le zwei Ta­ge vor der Bun­des­tags­wahl von ei­nem Mann von hin­ten mit ei­nem Stock auf den Kopf ge­schla­gen. Strö­be­le er­litt ei­ne Ge­hirn­er­schüt­te­rung. Der aus der rech­ten Sze­ne stam­men­de Tä­ter wur­de fest­ge­nom­men.

Schäu­b­le und La­fon­tai­ne kämpf­ten sich zu­rück und setz­ten ih­re Kar­rie­ren fort – ge­nau­so wie al­le an­de­ren ge­nann­ten Po­li­ti­ker, die von Ein­zel­tä­tern an­ge­grif­fen wur­den.

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